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Die Welt · 1907-07-19 · 29 (19.7.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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sie jederzeit durch administrative Maßregeln annulieren kann. Wir dürfen nicht die Verantwortung auf uns laden, daß ein einziger jüdischer Ansiedler infolge der Unsicherheit, der Rechtsverhältnisse um sein Haus oder sein Grundstück gebracht, oder gar daß sein Leben, wie das der Armenier, bedroht werde." Was man in anderen Kolonisationsgebieten als „wirtschaftliches Vordringen" zu den politischen Mitteln zählt, wird in Palästina verächtlich als „Kleinkolonisation" abgelehnt. Die ganze realpolitische Methode wird für Palästina als zwecklos verworfen, denn — wie Zangwill auf dem VII. Kongreß meinte — der Sultan müßte ein Narr sein, wenn er mit verschränkten Armen uns etwas nehmen ließe, was er uns zu geben verweigert hat. Aus diesen Erwägungen heraus gelangten gewisse national jüdische Gruppen zu der Forderung, daß man vor Erreichung eines Charters in Palästina von aller Landpolitik, allen praktischen Bemühungen absehe und sich mit einer Volksbewegung kulturellnationaler Art begnüge. Wenn je eine politische Situation irrig aufgefaßt wurde, so ist es diese; und wenn je ein politischer Fehler verhängnisvoll werden konnte, so sind es die Konsequenzen dieser Auffassung. Daß die Türkei heute noch ein autokratisch regierter Staat ist, daß dort noch keine modern geordneten administrativen Verhältnisse bestehen, das eben ist die große historische Chance, die sich uns im Orient eröffnet. Eine Chance im zweifachen Sinne. Wäre die Türkei jetzt schon ein politisch und administrativ so fortgeschrittener Staat, wie Deutschland oder Frankreich, so wäre die allmähliche Einwanderung einer ganzen Nation ausgeschlossen. Anderseits bürgt uns der Umstand, daß die Türkei mit der Zeit sich entwickeln muß, daß in ihr ähnliche konstitutionelle Umgestaltungen Platz greifen müssen, wie zurzeit in Rußland, dafür, daß die Bemühungen unserer Diplomaten, unsere rechtliche und politische Lage in Palästina befriedigend zu gestalten, erfolgreich sein werden. Nun gilt es aber zu bedenken, daß diese exzeptionell günstigen Aussichten, im Orient zunächst wirtschaftlich und hierauf politisch Fuß zu fassen, nicht nur uns, sondern auch allen anderen einheimischen Stämmen und auswärtigen Mächten sich bieten und von ihnen in ununterbrochener, rührigster Arbeit ausgenutzt werden. Unablässig tobt auf dem türkischen Staatsgebiet der Kampf der slavischen, arabischen und armenischen Stämme, die ihre künftige nationale Autonomie auf entsprechender territorialer Grundlage vorbereiten. Unauffällig, aber nicht minder nachdrücklich, führen die Mächte ihr Expansionswerk. Frankreich hat die religiöse, die kulturelle und die finanzielle Sphäre für sich erwählt. Aus der dominierenden Stellung, die es lange Zeit innegehabt, wird es allmählich durch Deutschland verdrängt. Die Deutschen haben in Palästina Kolonien und Banken; ihr Werk ist die verkehrbeherrschende Bagdadbahn. Eine deutsche Genossenschaft, an deren Spitze ein Hohenzoller steht, erwirbt das 2400 Morgen umfassende Magdala am See Genezareth, der Deutsche Palästinaverein das wasserreiche Tabga. Auf dem Ölberg wird ein deutsches Hospiz eröffnet. England sucht immer neue Stützpunkte für seine Flotte, die seinen Einfluß verbürgt. Griechenland erscheint auf dem Plan. Der griechische Generalkonsul arbeitet mit dem griechischen Patriarchen an der Durchführung eines großen Planes: zweihundert Häuser sollen im Jerusalenier Viertel Nikophoria für griechische Ansiedler errichtet werden. Auch Italien beginnt im großen Stil zu arbeiten. König Viktor Emanuel hat die 12 Millionen Lire, die China nach dem Boxeraufstand an Italien als Entschädigung zahlte, dem italienischen Missionsverein überwiesen. Der Generalsekretär des Missionsvereines, Schiaparelli, bereiste Palästina, um in Jerusalem, Jaffa, Tiberias und anderen Städten Grundstücke zu erwerben, auf denen Schulen und landwirtschaftliche Waisenanstalten errichtet werden sollen. Rußland hat eine russische Palästinagesellschaft gegründet; neue Pilgerhäuser und Hospize sind entstanden, die man mit Recht in Palästina „russische Festungen" nennt. Syrien wird mit russischen Schulen besät; Tausende von russischen Pilgern Rommen jahraus jahrein nach Palästina, um die dortige Bevölkerung und die Behörden daran zu gewöhnen, mit dem russischen plement ernstlich zu rechnen. \ Wie stünde es nun um die Anwartschaft de,r Juden auf Palästina, wenn wir, bei diesem fieberhaften Wettbewerb der einheimischen Bevölkerungsgruppen und der europäischen Mächte, noch durch längere Zeit die Politik des untätigen Abwartens befolgen und uns auf eine von allem * praktischen Eingreifen losgelöste Volksbewegung beschränken würden? Der Grund und Boden würde dann in festen Händen sein« Statt, wie jetzt, mit der türkischen Regierung über die Einwanderungsniodalitäten zu unterhandeln und dabei von den rivalisierenden Großmächten gefördert zu werden, hätten wir uns dann an alle in Palästina stark gewordenen Mächte zu wenden und hätten sie ^amtlich gegen uns. In dem Augenblicke, wo das Ringen nach nationaler Autonomie in der Türkei von Erfolg gekrönt wäre, würde die in Palästina am stärksten vertretene Bevölkerung, d. i. die arabische, zur Herrin des Landes werden. Eine Fortsetzung unserer Bemühungen würde dann nichts weniger bedeuten, als den Kampf mit der mächtigen arabischen Bewegung, mit einem Worte: wir hätten Palästina für immer verloren. Kein Einsichtiger wird es verkennen: dieser Prozeß bereitet sich vor. Palästina ist aus dem Zustande seiner jahrtausendelangen Verödung herausgetreten; die Zeit, über die wir noch verfügen, ist äußerst knapp zugemessen. Können diejenigen, die die Gefährdung der Rechte eines einzigen jüdischen Kolonisten in Palästina scheuen, die Verantwortung auf sich laden, die Rechte des ganzen jüdischen Volkes auf seine alte Heimat preisgegeben zu haben? Wenn wir nicht vom Wettbewerb ausgeschaltet sein sollen, so müssen wir die Bedingungen, unter denen er stattfindet, akzeptieren. Nur durch unsere völlige Entwöhnung von politischer Arbeit läßt sich eine so verhängnisvolle und innerlich unberechtigte Stellungnahme erklären, wie sie den Politikern des Abwartens beliebt. Den über alle Machtmittel verfügenden Staaten fällt es gar nicht bei, sich exzeptionelle Garantien seitens der türkischen Regierung geben zu lassen oder radikale Reformen der auf dem Koran beruhenden türkischen Gesetze zu verlangen, bevor sie einen neuen Schritt in Palästina unternehmen. Sie, die bei,, sich zu Hause sicherlich die Usancen europäischer Politik und Verwaltungspraxis hochhalten, bedienen sich dort ohne weiteres der landesüblichen Wege. Der niedrigste ihrer Botschaftsfunktionäre begreift es ebenso gut wie der vornehmste, daß man im Orient orientalisch arbeiten müsse, daß die westeuropäischen Methoden hier völlig deplaziert wären. Und der geringste Fortschritt auf der Bahn des langsamen, systematischen Vordringens, den wir unpolitischen „Politiker" als „Kleinkolonisation" vornehm belächeln, wird von der realpolitisch denkenden Presse der großen Mächte mit Recht als Triumph einer wachsamen Orientpolitik bezeichnet. Es wird vorgebracht, daß die Mächte auf Garantien verzichten können, weil ihre eigene Kraft die Unantastbarkeit ihres Besitzstandes verbürge. Aber unter dem Schutze dieser mit Armeen und Flotten ausgerüsteten Mächte stehen auch alle unsere Unternehmungen, solange uns keine speziellen Konzessionen eingeräumt wurden. Übrigens sind die Erfahrungen, die wir während der nun beinahe durch drei Jahrzehnte geführten jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina gesammelt haben, nur danach angetan, uns zu beruhigen. Die administrativen Schikanen, unter denen man zu leiden hat, nahmen nie einen bedrohlichen Charakter an und erscheinen den Kolonisten im Vergleich zu den Zuständen in ihren Geburtsländern erträglich, ja beinahe harmlos. Keiner von ihnen sehnt sich aus Palästina heraus. Eine tolerante, wohlwollende Behandlung der jüdischen Bevölkerung gehört zu den Traditionen der türkischen Regierung. Wir haben uns keiner Repressalien zu versehen, weil wir uns nie der terroristischen Mittel der Armenier

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