Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 29 —= DIE^ELY — Die zionistische Landpolitik Von Dr. Alfred Nossig (Berlin)*) Es ist beinahe unnötig, an dieser Stelle die Tatsachen und Argumente zu wiederholen, welche Palästina als das einzig geeignete Kolonisationsgebiet für das jüdische Volk und die prädestinierte Stätte seines künftigen Gemeinwesens erscheinen lassen. Wir besitzen von Zangwill selbst eine glänzende Apologie Palästinas :i!s jüdischen Territoriums. In dem Augenblick, wo der Traum von den überseeischen Paradiesen zerstob, ist auch die Suggestion gebrochen, die dieses Gebiet mit seiner historisch bekannten und neuerdings wieder erprobten Fruchtbarkeit zu einem „toten Land" rempelte. Die Territorialisten selbst werden es nun wieder bereifen und wissen, was sie früher begriffen und gewußt haben: <i iß Palästina viel rascher als jedes andere Land eine wirkliche Zufluchtsstättefür die jüdischen Emigrantenmassen werden kann, weil hier bereits seit einem Vierteljahrhundert lehrreiche Koloni- Mtionsversuche gemacht wurden, deren Ergebnis es gestattet, auf sicherer Grundlage eine Ansiedlungsaktion größeren Stils zu eröffnen; daß Palästina bei Einführung von Gartenkultur und Industrien bis 7 Millionen Menschen ernähren kann und Nachbargebiete ■von unbegrenzter Fassungskraft besitzt, so daß dieser Länderkomplex ii: r eine rationell organisierte Judenein Wanderung großen Stils — demnach nicht nur für einen jüdischen Zukunftsstaat, sondern auch 'i;r eine sofortige Rettungsaktion — besondere Eignung aufweist; .laß Palästina bei der Fruchtbarkeit seines Bodens, dem Reichtum seiner Wasserkräfte und Minerallager, seiner exzeptionell günstigen Lage an den Pforten dreier Kontinente, günstigere wirtschaftliche Aussichten hat als irgendein anderes Luid, welches für uns in Betracht kommen könnte; daß es, einmal m Juden bevölkert, ein Handels- und Kulturzentrum ersten Ranges . erden müßte; daß es das einzige Land ist, an das wir mit histoi schien, von allen Mächten und von der nichtjüdischen einheimischen Bevölkerung anerkannten Rechten herantreten können, während t' isere Bemühungen um andere Gebiete, wie jüngst um Uganda, > »fort eine antijüdische Agitaition entfesseln; daß das historische!Zmd, das uns an Palästina knüpft, ein idealer Ansporn von uner- >• izlicher Bedeutung für das wirtschaftliche Gelingen des Kolonis lionswerkes ist; daß nur hier eine vollwertige jüdische National- I iltur entstehen kann; daß die jüdischen Einwanderer, welche sich 1 irch keine Überredungskunst nach judenleeren Gebieten hinlenken I ssen, hier bereits eine relativ zahlreiche ländliche und städtische indische Bevölkerung, sowie alles, was sie zur Ausübung ihrer : ligiösen Pflichten bedürfen, vorfinden; daß in Palästina bereits it Jahrzehnten sämtliche großen jüdischen Organisationen und 1 erteigruppen auf wirtschaftlichem oder kulturellem Gebiete arbeiten, i'aß es heute schon tatsächlich das hervorragendste jüdische Kolosationsland ist, dem sich in den letzten Jahren produktive und kapitalkräftige Elemente mit Vorliebe zuwenden. Und man wird es --■eh zum Bewußtsein bringen, daß die politischen Bemühungen auf a esem Kolonisationsgebiete, wenn sie auf richtiger Grundlage ge-. -hrt werden, besonders erfolgreich sein können, weil gerade innerhalb des türkischen Länderkomplexes bereits zwei Bevölkerungs- .i:nippen die Autonomie erreicht haben: die Maroniten auf dem Libanon und die Einwohner der Insel Samos. Keiner der von den Territorialisten gegen Palästina erhobenen Einwände bleibt bei einer nüchternen, unbefangenen Betrachtung : ar Tatsachen aufrecht. Auch diese Voraussetzung des Territorialis- 1 'us, daß Palästina ein ungünstiges Kolonisationsgebiet sei, erscheint hinfällig. Aber es muß mit allem Nachdruck hervorgehoben werden,;:iß dem Utilitarismus allein in der jüdischen Landfrage keineswegs Entscheidung zukommt. Nicht nur, weil auch die vernunft-!]!äßigste Politik Gefühlswerte kennt und sie hoch einschätzt, sondern **) Aus einer gleichnamigen Schrift. weil wir Juden nie Realpolitiker in dem Sinne werden dürfen, daß wir das ethische Prinzip verletzen. „Sie würden selbst ein Paradies nicht annehmen, wenn es nicht in der Nähe Palästinas wäre," schrieb mir seinerzeit Zangwill. Was nach seiner Auffassung Ironie herausfordert, erscheint uns tatsächlich als selbstverständliches Gebot. Wir würden von Palästina nicht lassen, auch wenn es viel schlechtere Aussichten böte, weil wir uns mit diesem Lande verbunden fühlen, weil wir nicht nur ein historisches Recht auf dasselbe, sondern auch historische Pflichten ihm gegenüber haben. Man wählt sein Vaterland so wenig wie seine Eltern; man nimmt sie eben, wie sie sind. Zur Zeit, als Palästina tatsächlich ein völlig verödetes Land war, zogen unsere Vorfahren ganz andere Konsequenzen daraus, als heute die Territorialisten. Sie beweinten die Verwüstung ihrer Heimat mit ihrem Herzblut. In Spanien, auf dem Gipfel der Macht und des Wohlergehens, sehnten sie sich nach den Trümmern Jerusalems. Zweitausend Jahre lang hat unser Volk für die Idee seiner Wiederherstellung in seinem historischen Vaterlande gelitten und gekämpft, das war unser natürliches, gewissermaßen elementares Verhältnis zu Palästina. Sollten wir heute, da die Epoche der Erfüllung angebrochen ist, da wir das nationale Restaurationswerk unternommen haben, unser historisches Ideal schnöde verlassen, gerade in dem Augenblick, wo das früher öde Land neu aufzublühen beginnt und so vielen Völkern wünschenswert erscheint? Das wäre nicht nur ein beispielloser Treubruch, es wäre eine Absurdität. Wir würden dadurch unsern weltgeschichtlichen Charakter verleugnen und gleichzeitig unsere wesentlichste Kraftquelle aufgeben. Wir Juden sind das Volk des Geistes, berufen, der Menschheit das Beispiel unerschütterlicher Festigkeit im Dienste erhabener Ideen zu geben. Darin wurzelt unsere Kraft, das ist das Geheimnis unserer über die Lebensdauer anderer Völker hinausgehenden nationalen Existenz. In dem Augenblicke, wo wir das Band zerschneiden, das uns an unsere alte Heimat knüpft, haben wir auch unsere nationale Existenz aufs schwerste erschüttert. Denn ein Volk, das kein historisches Gedächtnis und keine historische Anhänglichkeit besitzt, das keine historisch-politische Kontinuität kennt, ist kein Volk mehr — es wird zu einem Konglomerat rassenverwandter Kosmopoliten. Jerusalem — das Wort stammt nicht von einem Zionisten, sondern von einem christlichen Geographen — Jerusalem ist unübertragbar. Nur wenn wir ihm treu bleiben, können wir die Idee eines neuen jüdischen Gemeinwesens verwirklichen. Seltsamer Weise jedoch werden trotz all dieser, für jeden Unbefangenen unumstößlichen Tatsachen, die Palästina befürworten, gerade gegen dieses Land Bedenken politischer Art erhoben. Die realpolitische Methode, zu deren Befolgung in allen anderen Kolonisationsgebieten man sich entschlossen hat, will man für Palästina als Territorium betrachtet — nicht gelten lassen. „Der Itoismus — bemerkte Hr. M. A. Spielmann bei der Eröffnung des Londoner Meetings vom 30. Dezember 1906 — hat sich . . . bereit erklärt, an der Entwicklung Palästinas mitzuarbeiten, sobald die politischen Bedingungen, für welche der Zionismus kämpft, auf einer befriedigenden Basis ruhen werden." Hier also heißt es noch immer: antizipierte Garantien. Warum dieses doppelte Maß? „Weil in der Türkei ein autokratisches Regime besteht" — erhält man zur Antwort. „Es ist erniedrigend für das jüdische Volk, auf dem im Orient üblichen Backschischwege sich Konzessionen zu sichern. Auch sind alle wirtschaftlichen und politischen Fortschritte in Palästina, insoweit sie nicht durch einen Charter verbürgt würden, wertlos, weil die despotische Regierung 2