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Die Welt · 1907-07-12 · 28 (12.7.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 28 DIE ELT 17 der Vereinsleitung die Vereinsmitglieder im Tempel ein, um wenigstens dem vom Ausschußmitgliede Herrn Josef Klauber für Herzl gesprochenen Kadischgebete beizuwohnen. Der Tempel war aus diesem Anlasse sehr gut besucht. — Am 25. Tammus (7. Juli 1. J.) fand im größten Saale Iglaus die vom Vereine veranstaltete Gedenkfeier für Theodor Herzl statt. Das Podium und die Rednertribüne waren schwarz drapiert und mit Blattpflanzen geschmückt. In geschmackvoller Weise war namentlich eine vor der Rednertribüne angebrachte Tafel von Grün umzogen, welche in weithin sichtbaren Lettern Herzls Ausspruch zeigte: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland." Der Saal war sehr gut besucht. Der Vereinspräsident Richard Weißenstein eröffnete mit einer kurzen Begrüßungsansprache die Gedenkfeier, worauf als erster Redner Rabbiner Dr. Reach, der Obmann des mähr.-schles. D. K., die Gedenkrede hielt. Die Schilderung der Persönlichkeit und des Entwicklungsganges unseres unvergeßlichen Führers war so innig empfunden und so ergreifend, daß wohl auch den Nichtzionislen das Verständnis für die Größe unseres Verlustes und die Bedeutung Herzls für die jüdische Gesamtheit in Gegenwart und Zukunft erweckt wurde. Die begeisternde Rede machte tiefen Eindruck auf die ganze Trauerversammlung. Der zweite Redner bei der Feier, Reichsr.-Abg. Doz. Dr. Mahle r, der direkt von der Prager Versammlung, wo er ebenfalls gesprochen hatte, nach Iglau geeilt war, wurde wie Dr. Reach von der Versammlung lebhaft akklamiert. In einer formell und inhaltlich ausgezeichneten Rede entwarf er ein feines Bild von dem Werke Herzls für das jüdische Volk. Er wußte in so überzeugender Weise die Notwendigkeit der Herzischen Bestrebungen klar zu machen, daß er die Versammlung bis zum letzten Augenblicke im Banne seiner Rede hielt. Weder von der Kultusrepräsentanz noch von den Kehillagewaltigen war, einzelne Ausnahmen abgerechnet, jemand erschienen. Mink. Unter imposanter Beteiligung fand in der hiesigen Choral-Synagoge eine Trauerfeier für Theodor Herzl statt. Rabbiner Dr. S. Kantor hielt in vorzüglichem Hebräisch einen tiefempfundenen Nachruf. Dr. Pasmanik und W. Schabotinski sprachen russisch. Die Trauerfeier übte auf alle Anwesenden eine tiefe Wirkung. NOTIZEN " Jüdische Zigeunerkapellen in Ungarn*) (Aus den „Mitteilungen zur jüdischen Volkeskunde") Ein im Aussterben begriffener Typus ist der ungarische Judenmusikant. Jahrzehnte hindurch spielte er im ungarischen Volksleben eine höchst interessante Rolle. Heute treffen wir nur hier und da noch einen in Zigeunerkapellen an, äußerst selten in Theaterorchestern. In einigen Ortschaften Siebenbürgens, in den ungarischen Komitaten: Maramaros, Bereg, Ung, ferner in den Städten Kaposvär, Nagy-Kanizsa, Szeged, Ersekujvär und in der Landeshauptstadt Budapest leben noch heute jüdische Musikanten. Sie finden einen ziemlich lohnenden Erwerb. In den nördlichen Komitaten des Landes existieren sogar jetzt noch kleinere Kapellen, allein ihre Zahl nimmt von Tag zu Tag ab. In der Geschichte der ungarischen Volksmusik des XVIII. und im Beginn des XIX. Jahrhunderts waren die jüdischen Musikanten die Förderer und Interpreten der ungarischen Volksmusik, besonders in den Gegenden jenseits der Donau. Wie Stefan Bartalus berichtet, war Markusz Rözsavölgyi der größte ungarische Musiker, der den aus dem XVI. Jahrhundert stammenden schönen „Patotäs-Täncz" modern umarbeitete und ergänzte. Er wurde zu Balassa Gyarmat 1787 geboren und hieß ursprünglich Roserithai. Im Jahre 1806 kam er nach Budapest und widmete sich ausschließlich seiner Kunst. 1824 magyarisierte er seinen Namen, als er zum Ehrenmitglied des Veszprimer Musikvereins gewählt wurde. Rözsavölgyi hinterließ zahlreiche kostbare Musikwerke, die ihm einen dauernden Namen sichern. In den 30er Jahren gastierte Rözsavölgyi öfters in Wien,% und die Wiener Blätter priesen begeistert seine Virtuosität. Er starb am 23. Januar 1848 im 66. Lebensjahre. Es wurde ihm von Petöfi ein poetischer Nachruf gewidmet. Schon der hervorragende ungarische Dichter Michael Csokonai (1773) gibt in seinen Werken einen interessanten Bericht von dieser *) Bekanntlich betreiben in Ungarn die Volksmusik Zigeuner, deren wohlorganisierte Kapellen auch im Ausland sehr beliebt sind. [Ein ungarischer Musikkenner, der vor einiger Zeit in der ,.N. Fr. Presse" über Franz Liszt geschrieben hat, wies nach, daß die Zigeunermusik vor 90 Jahren überhaupt noch nicht existiert hat und ihre Entstehung dem jüdischen Musikanten verdankt, den Vambery über ganz Asien bis an die Ufer des Ganges verbreitet fand. [Vgl. Jeschurun 1901 S. 226.J Judenmusik. So lesen wir in seinem weltberühmten komischen Epos „Dorothea": „Die Juden von Toponar sind berühmte und vorzügliche Musikanten." Schon am Anfange des Werkes stellt er uns die Toponarer Juden vor mit ihrem Kapellmeister Isak, der mit seinen feurigen Weisen die lustige Gesellschaft bis zum Tagesanbruch bei Wein und Tanz köstlich unterhält. Auch sonst erfreute sich die Toponarer Judenkapelle weit und breit des besten Rufes. Doch nicht allein Toponar besaß Judenkapellen; auch von Kaposvär im Zala'er Komitat wird erzählt, daß dort zahlreiche renommierte Judenkapellen ihren Sitz hatten. Ebenso berühmt waren die Finalyschen Musikanten. Auf dem O-Budaer jüdischen Friedhofe ruht Anschel-Finaly, der einst beliebte und vielfach ausgezeichnete Kapellmeister der Hofkapelle des Palatinus, ein Ahn des Universitätsprofessors Dr. Heinrich Finaly. In der Literatur ist diese kulturhistorisch und ethnographisch bedeutsame Frage bisher kaum behandelt worden. Kurz befaßte s\ih damit Josef Döczi im 9. Bande seines bekannten geographischen Werkes „Der Spiegel Europas". Der obengenannte hervorragende ungarische Tondichter Stefan Bartalus schrieb in dem Werke „Die Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie" über die ungarischen Judenmusikanten. Auch in einigen Werken Jokai's wird ihrer Erwähnung getan; ein Beweis dafür, daß sie im ungarischen gesellschaftlichen Leben eine beachtenswerte Stellung einnahmen. In Budapest lebten zu jeder Zeit in größerer Anzahl jüdische Musikanten. In einzelnen wohlbesuchten Kaffeehäusern spielten ständig jüdische Kapellen, die auch zu rituellen Festlichkeiten in jüdische Häuser gerufen wurden. Der ungarische Gelehrte Dr. Sigmund György, der im In- und Auslände größere Forschungsreisen unternommen hat, behauptet in seinen Werken, da(3 die jüdischen Musikanten die Begabung zur Musik mit der Geburt zur Welt bringen. An der rumänischen Grenze steigen fast bei jeder Station jüdische Violinisten ins Coupe, die für ein kleines Trinkgeld lange Strecken die schönsten Lieder spielen. Der renommierteste jüdische Kapellmeister ist gegenwärtig Elek Vörös, der eine sehr beliebte Kapelle in einem der besten Kaffeehäuser in Budapest dirigiert. Vörös hielt sich vor Jahren lange Zeit im Auslande auf, und auf der Pariser Weltausstellung spielte er Tag für Tag in einem ungarischen Hotel. Die übrigen jüdischen Musikanten minderen Ranges sind in Ungarn unter den Zigeunern zerstreut zu finden, und mit ihnen wird diese Spezies höchst wahrscheinlich gänzlich aufhören. Lehrer L. Schlosz, Rimaszombat. Bücher Eine ungekannte Welt. Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben. Von Jutiäus. 5667. Frankfurt a. M. Verlag von Sänger und Friedberg 1907. Ja sie ist wirklich nicht mehr gekannt in unserem westeuropäischen Kulturmilieu, die eigenartige „Welt", von der das vorliegende Buch erzählt, die äußerlich so enge und beschränkte und im Innern doch so*unendlich reiche Welt des jüdischen Ghetto. Wer heute diese „jüdische Welt" kennen lernen will, muß nach dem Osten wandern, und auch dort findet er sie nicht mehr in der alten Abgeschlossenheit, die bis vor einigen Generationen den jüdischen Gemeinden ihr eigenartiges Gepräge verliehen hat. Es sind vierzehn längere und kürzere Erzählungen in dem Bande vereinigt. Die außerdem darin enthaltenen drei letzten Abschnitte tragen mehr den Charakter homiletisch-philosophischer Abhandlungen und weisen deutlich auf den sicherlich „geistlichen Stand" des ungenannten Verfassers hin. — Die Erzählungen spielen in den verschiedensten Zeiten und Gegenden. Fast alle haben sie historische Persönlichkeiten und Vorgänge oder doch wenigstens als wahr überlieferte Begebenheiten zur Grundlage. Aus dem Leben des berühmten Frankfurter Rabbiners Rabbi Jesajah Hurwitz vom Anfang des 17. Jahrhunderts berichtet die erste Erzählung, eine andere führt uns um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Kurhessen, wo damals der Kampf zwischen Reform und Orthodoxie im Judentum geführt wurde, eine wunderbare Begebenheit vom Zaren Nikolaus I. reiht sich dann an usw. Die Hauptstärke des Verfassers liegt in der Schilderung des Gemütslebens seiner Helden. Der einfache Kleinbürger, der unter dem unscheinbaren Gewände ein goldenes Herz im Busen trägt und mit einem Gottvertrauen von rührender Sicherheit durchs Leben geht, er, wie der kluge Rabbi mit dem scharfen Verstand, dessen Klugheit den Beobachter oft an geheimnisvolle Wunderkraft glauben läßt, das sind seine Lieblingsgestalten. Und das in den Erzählungen mehrfach wiederkehrende unmittelbare Eingreifen der Vorsehung in den Lauf der Dinge, in die Schicksale der" Personen durch Traumbilder, in denen die Zukunft enthüllt wird, läßt dies etwas auf das Mystische gestimmte religiöse Fühlen des Verfassers deutlich erkennen. In den schmalen Gäßchen und engen Winkeln des jüdischen

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