Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE REKELT No. 28 Worte. Ein Gebet, das in seinem Herzen aufsteigt, seine Seele erfüllt und sich in langgedehnte, gepfiffene Töne ergießt. Wenn er beten will, legt er zwei Finger an den Mund, zieht die Lippen zusammen und bläst stark, dann erschallt sein Gebet weit über die Felder und Wälder. Und Gott versteht ihn, — ihn und sein Gebet. Jasjet pfeift nur dann, wenn er fühlt, daß er pfeifen muß. Er stellt sich vor, daß Gott auf einem weiten, duftenden Felde liegt, und seinem Pfeifen mit Freude und Befriedigung lauscht. Aber nicht nur er betet auf seine Weise. Wenn Fiock, der alte Dorfköter, plötzlich zu knurren und mit dem Schwanz zu wedeln anfängt, den Kopf in die Höhe hält und bellt, da sagt Jasjek: Flock betet . . . Wenn die scheckige Kuh des Abends mit wehmütigem Gebrüll von der Weide wiederkehrt, denkt Jasjek: die Kuh betet. Der Schimmel erweist dem Herrn seine Ehrfurcht wieder auf andere Art; er bäumt sich, schlägt aus, wirft den Kopf zurück und wiehert . . . Alles betet, selbst die Frösche im Wasser . . . quak . . . quak . . . einer nach dem anderen. Jasjek ist dreizehn Jahre alt geworden. Es nähert sich das „Roch-haschono Fest", und er kann noch immer nicht das „Sch'ma" hersagen, obgleich der Rebbe ihm nur dieses eine beibringen will, damit man ihn wenigstens in die Stadt mitnehmen kann. Einen neuen Drillichanzug hat Jasjek schon bekommen, auch neue Stiefel und eine neue Mütze, aber das „Sch'ma" muß er noch auswendig lernen. Das Bethaus ist von Andächtigen gefüllt. Alle tragen weiße Gewänder und lange „Talessim". Sie beten und klagen immer lauter. . Auf einer Erhöhung, auf der sieben Wachskerzen brennen, steht der Kantor mit den Sängern. Lange Töne, von Tränen durchtränkt, fließen dahin; sie werden von einem kurzen, abgerissenen Ton, der wehmütigen Klage des unterdrückten Schmerzes getrübt. Das ist das schwere Gebet des Rabbi Amnon: „U'nßanneh tokef". Das gedämpfte Weinen der Frauen läßt sich von der Galerie vernehmen. Jasjek, der in seinem neuen Anzug, mit der neuen, auf dem Hinterkopf sitzenden Mütze, aus der sein helles Haar hervorschaut, neben dem Vater stand, rennt plötzlich nach vorn und stellt sich direkt neben den Kantor hin. Der „Siddur", dem man ihm in die Hand gegeben hatte, damit er aussah, als ob er betete, ist ihm entfallen, er aber steht mit weitaufgerissenen Augen da und starrt verwundert den Kantor und die weinenden Juden an. Jetzt bemerkt er den weißen Vorhang mit den goldenen Lettern vor der heiligen Bundeslade und denkt: dort muß Gott sein . . . dort, hinter dem Vorhang. Von der Galerie schaut die Mutter auf ihn herab, "sie sieht, wie er erstarrt dasteht, wie der „Siddur" seinen Händen entglitten ist, und sie seufzt: der echte Taugenichts, der wahre Bauernjunge! Der Vater blickt unter seinem „Tales" zu ihm hinüber und fleht: Allmächtiger, denke an ihn! Jasjek steht bewegungslos da und schaut mit aufgerissenen Augen vor sich hin . . . Alles weint, alles betet, alles ruft zu Gott. Wie gern würde auch er das tun! Auch er möchte beten, er möchte . . . nicht weinen, nicht schreien, . , . sondern Gott preisen und ihm für alles, alles danken. Er bückt sich, hebt den „Siddur" auf, öffnet das Buch und beginnt: „El . . . mee . . . lech . . . nee . . . mon." Aber dieses Gebet ist nicht für ihn. Er versteht es nicht; es sind nur Worte. Er will Gott preisen, ihm aus ganzem, aus vollem Herzen danken. Doch fürchtet er die Menge, <iiese Menge, die so ganz anders zu Gott betet. Der Wunsch zu beten unterdrückt schließlich seine Angst, — Gott ist stärker als alle Menschen. Der Knabe legt die Finger an den Mund. Ein lautes Pfeifen durchschneidet die Luft und ertönt inmitten der weinenden Gemeinde. Alle sind wie vom Donner getroffen. Wer wagte es, in dieser heiligen Stätte zu pfeifen? . . . Der Vater will den Knaben fassen und ihn hinausführen, die Leute erheben drohend die Fäuste. Da wendet sich von seinem Platz an der östlichen Seite der Rabbi um und fragt laut: „Wo ist der Heilige, wo ist der „Zadik", der .die über uns schwebenden bösen Mächte vernichtete, der den Himmel durchbohrte, damit unsere Gebete leichter durch die bleiernen Wolken vor den Thron Gottes dringen? ..." Von dem „Zadik" ist keine Spur ... Er hat sich aus dem Bethaus hinausgeschlichen, die Stiefel über die Schulter geworfen und rennt, so schnell er kann, nach dem Dorf . . . KORRESPONDENZEN Gegenwartsarbeit in Palästina Wir erhalten folgende Zuschrift: Die Debatte der letzten Wochen über die zionistische Privatarbeit in Palästina hat zu verschiedenen Mißverständnissen geführt. Es ist vielleicht gestattet, persönlich einige Sätze aufzustellen für alle die, welche für eine friedliche Erneuerung des Landes arbeiten: 1. Die persönliche Ansiedelung in Palästina (Stadt odei Land) ist die beste Mitarbeit in zionistischem Sinne. Besonders soll der Kapitalist nach Palästina übersiedeln. In Palästina ist schon heute wirklich jüdisches Leben; eine Regeneration des Volkes geht allein hier vor sich. Assimilation ist im Orient nicht möglich, nicht einmal denkbar, die einzige auf die Juden einwirkende Kultur ist die jüdische (das Hebräische ist don keine Treibhauspflanze!), die persönlichen Rechts- und Lebensverhältnisse jetzt schon bessere als die für die Juden des europäische!; Ostens. 2. Von der persönlichen Übersiedelung nach Palästina könner viele Momente entbinden. In diesem Falle muß aber der Zionis; seine freie Zeit so gut wie möglich agitatorischen Bestrebungei widmen, seine materiellen Kräfte aber noch viel mehr. Es ist beschämend, daß es so viele Zionisten gibt, die siel nicht mit ihrer persönlichen Mittellosigkeit entschuldigen können die weder Grund und Boden in Palästina besitzen, noch Anteil scheine des Industriesyndikats, der Bank oder der ver schiedentlichen anderen Gesellschaften erworben haben geschweige denn, daß sie sich an Privatunternehmungei beteiligten. So sind in Berlin von ungefähr 1O00 Zionisten höchstens zwo Dutzend Personen wirtschaftlich in Palästina interessiert. Und aud dies Interesse ist absolut kein tiefgehendes, da die materiell-. Beteiligung der Betreffenden keineswegs eine irgendwie weit gehende ist. Und noch mehr als in dem Geldpunkte, wo scheinbar de Zionismus bei vielen Gesinnungsgenossen aufhört, versagten unser Anhänger bei der Erziehung ihrer Kinder. Man frage einmal unsere Führer, ob sie einen ihrer Söhn für oder in Palästina erziehen lassen wollen. Ja, selbst in dt Bestimmung des Berufes spielt in den seltensten Fällen der Zionismueine Rolle. Daraus kann man ersehen, daß hauptsächlich Mitlei für die östlichen Brüder viele, vielleicht die meisten „Westler" i unserem Lager hält. Denn, wenn der „politische" Zionist behauptet, er wünsch vor der praktischen Arbeit in Palästina, erst die bekannten (ode auch oft unabgrenzbaren) rechtlichen Sicherheiten abzuwarten, wi wäre es dann, es trete dieser Fall ein: Die Zionisten des Westen nebst ihrer jungen, heranwachsenden Generation hätten sich niel darauf gerüstet. Sie könnten nur wieder ihre Arbeit als Referendar und Rechtsanwälte und dergleichen fortsetzen. Und die Kindt dieser Berufsgenossen werden wieder diese oder ähnliche Lebern arbeiten erstreben. Ausnahmen bestätigen die Regel. — Und bei den Zione-Zion wäre es geradezu paradox, wenn sr glaubten, sie und ihre Nachkommen brauchten nichts dazu bc zutragen, die Ansiedelung in Palästina zu fördern. Die Pfennigsammlung des Nationalfonds macht die Sache noc nicht. Mit Zionsgruß! Nachmu Ami (München).