Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 28 DIEX&ELT 13 ann auch ein Zwiegespräch über das Wetter die Polizei zum ingreifen veranlassen. Es ist also mäuschenstill. Nur hier und a knallt eine Bombe. Fast die einzige hörbare Gedankenäußerung. Zionismus verboten, Assimilation verboten, nichts ist erlaubt aßer dem Verein der „Echten". Die Oktobristen waren so schön elbstzufrieden, — und was wäre Graf Heyden jetzt? Ein Himmelsünner! Es ist gut für ihn, daß er seine müden Augen schloß. Ober kurz oder lang tritt eine neue Duma zusammen. Ich abe hundert Aufsätze gelesen mit Vermutungen über die dritte )uma und wovon sie abhängt. Aber ich habe eine ganz originelle dee: Die dritte Duma hängt von der Ernte ab. Wird die Ernte ait, so wird die Duma fromm. Es ist ein noch besseres Mittel als in Pogrom. Mit den Pogromen hat man zu viel zu tun: man muß ie einmal offiziell und einmal offiziös dementieren, eine gute Ernte ingegen braucht man nicht zu dementieren. Vor einigen Tagen haben die Telegraphenagenturen die Nachricht kolportiert, Herr Jermolow (dergewesene Ackerbauminister) sei von einer Reise im Innern des Reiches zurückgekehrt und habe die frohe Kunde mitgebracht, die Ernteaussichten seien glänzend. Er sprach von Ernteaussichten, doch glaube ich, daß er die Dumaaussichten im Sinne hat. , Herr Jermolow ist Sprichwörtersammler, und man müßte für ihn ein neues Sprichwort prägen: Wie die Ernte, so die Duma. . . Und wird ein Pogrom notwendig sein, so werden doch die „Echten" erst recht siegen. Denn nach einem Pogrom bleiben ja Tote, und die Toten wählen den Kruschewan. Es ist einmal ihre Art. Der Sieg ist sicher wie das Einmaleins. Vor lauter Freude wird man drei Kriegszustände, acht Belagerungszustände und zwei Ausnahmezustände einführen. Man möchte noch ein paar „verstärkte Aufsichten" einführen, es sind aber leider keine Plätze mehr da. Mit einem Wort: schön sind die Aussichten. N. S. f□□□□□□ o * FEUILLETON □ □□□□□ J? DER WUNDERRABBI Von SCHALOM ASCH*) Er liegt ausgestreckt in dem tauigen Grase der fernen, weiten /eider Kujaviens, die mit ihren grünen Armen die ganze Welt zu anfassen scheinen. Dort hütet er die ihm von seinem Vater anvertrauten Schafe. Er heißt Jasjek. Wie sein jüdischer Name 'aiitet, das weiß er nicht; er wurde noch kein einziges Mal zur „Thora" gerufen. Doch wissen alle, daß er ein Taugenichts, ein ungeschlachter Bursche ist. Sein Vater, Jzchok der Pächter, ist schon ganz resigniert wegen seiner, er hat die Hoffnung verloren, daß der Junge ihm werde „kadisch", das Gebet am Sterbetag, nachsagen können. Um jedoch seiner Pflicht zu genügen, hat er aus dem Nachbarstädtchen einen Religionslehrer für Jasjek kommen lassen. Der Lehrer arbeitet fleißig mit dem Knaben. Hundertmal, ausendmal wiederholt er ihm jedes Wort. Jasjek hört ihm ganz ergnügt und ruhig zu, als ob die ganze Sache ihn überhaupt nicht •üiginge. „Da werde, wer will, mit solch' einem harten Kopf fertig!" •>vütet der „Rebbe" und schließt das Buch. Die Mutter sieht den Sohn an und stöhnt. „Den „Siddur" kann man ihm überhaupt •icht in die Hand geben. Und beten? ... Er, Jasjek, sollte beten? -Vas hat er mit Gott zu tun? Eine Gotteslästerung wäre es, wenn r das „Sch'ma" (Höre Israel) hersagen sollte ..." Und dennoch erkennt Jasjek Gott in seiner Weise. Er fühlt hn mit dem Herzen; er sieht ihn überall, soweit sein Auge reicht. Wo die Quelle leise rauscht und geheimnisvoll zu dem himmelhoch agenden, grünenden Berg flüstert, da sieht er Gott. Und erblickt r in der Ferne düstere, sich zusammenballende Wolken, so empfindet or eine Rührung, eine unbestimmte Sehnsucht . . . Wonach? Wenn am Himmel ein Gewitter sich entfesselt, der Donner polternd sich daherwälzt und die Blitze im Zickzack entflammen, venn der Regen zur Erde niederströmt und ein schwerer Nebel ias Dörfchen umhüllt, — dann fühlt er die Nähe Gottes. Auch damals, als man den Macjek unter der Getreidemühle hervorzog und von seinen zerschmetterten Beinen das Blut floß, ... ja, auch 'Jamals fühlte er Gott. Zuweilen denkt er: nicht im Himmel wohnt Gott. Nicht zum +) Aus dem im Verlage S. Fischer erschienenen Buche „Bilder aus dem Ghetto", dessen Besprechung wir uns vorbehalten, mit Erlaubnis des Verlages abgedruckt. Himmel muß man emporschauen, um ihn zu sehen. Nein, Gott wohnt weit von hier, in einer großen Stadt. Vielleicht dort, wo der Gutsherr und die großen Herren wohnen. Und alle diese großen und edlen Herren sind Diener Gottes, ebenso wie Stach und Wojtek die Knechte des Gutsherrn sind. Aber was hat er, Jasjek, mit Gott zu tun? Er könnte ja nicht einmal Hirte bei Gott sein. Ein Hirte bei Gott — denkt er — muß auch ein großer Herr, ein Magnat sein. Vielleicht ist ein Gutsherr nicht einmal Kutscher bei Gott? Und er, Jasjek, sollte sich anmaßen... Nur manchmal, wenn der Himmel klar und hell ist und, in einen blauen, zitternden Schleier gehüllt, sich leise ausbreitet, wenn unten die Gräser und Blumen stil wachsen und schweigend emporblicken, wenn in der Ferne der alte Wald, der grüne Ahnherr des Dorfes, träumend dahinschlummert, und inmitten der blumigen Wiesen die weiße Landstraße sich schlängelt — jetzt eben fährt ein Bauer auf ihr hin, und ein Jude zieht in die weite Ferne — wenn die azurblaue sich weithin ausdehnende Kuppel sich immer tiefer herabsenkt, bis sie schließlich auf der Erde ruht, . . : und er, Jasjek, an der Schwelle des Speichers sitzt und leise grübelnd das alles überschaut, — da geht es ihm durch den Sinn: „Gott hat sich einmal von den großen, reichen Herren losgemacht, er hat diese Felder betreten, und nun weilt er hier und wartet . . ." Da fühlt Jasjek eine unbezähmbare Lust, Gott zu preisen, ihm für all das Schöne ringsumher zu danken. Oftmals möchte er weit hinausziehen, bis in jene große Stadt, wo Gott wohnt und wo sein Schloß steht. Er möchte vor ihn hintreten und seine liebe, teure Hand küssen. Doch quält ihn der Gedanke: Werde ich auch vorgelassen? Nein! Sie werden mich in das Schloß Gottes nicht hineinlassen. Wahrscheinlich stehen vor der Tür wachende Pförtner mit blauen Bändern über der Brust, mit gelben Stiefeln und roten Fracks, wie er sie bei den Herren gesehen hat, die seinen Gutsherrn besuchten. Diese Männer werden ihn fortjagen. Bald aber überlegt er: wozu soll ich dorthin gehen? Gott ist ja hier auf unserem Felde, und die Pförtner bewachen das leere Schloß, wo Gott nicht ist. El melech neemon, paukt mit ihm der Rebbe, und Jasjek denkt: El melech neemon ist wahrscheinlich eine Beschwörung, die man sagen muß, um in das Schloß Gottes hineingelassen zu werden. Er aber hat für Gott ein anderes Gebet. Ein Gebet ohne