Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 ÜT No. 28 auch dem Inhalte nach. Er zitiert viel, er hat den Autoritätsglauben und die haarspalterischen Neigungen der Achronim. Er hat nicht das überwältigend Logische seines Antipoden, Rabbi Jonathan Eibeschütz; er hat auch nicht den tiefen, mystischen Emst des letzteren, aber er ist scharf, kühn, herausfordernd, ich möchte fast sagen: publizistisch. Er ist der typische Kaschefrager; keine Stimmungen, sondern Dialektik. Nun suche ich einen Zusammenhang zwischen dem „Pnei Jehoschua" und Herrn Dr. Löwenstein, Mitglied des österreichischen Reichsrats. Denn Herr Dr. Löwenstein soll ein Nachkomme des „Pnei Jehoschua" sein. War doch der „Pnei Jehoschua" ein „polnischer Demokrat"! Drehte nicht der „Pnei Jehoschua", wie ein echter Schlachziz, den Schnurrbart, trank er nicht alten Met aus Krügen und toastete er nicht „Kochajmy sie"? Tummelte er sich nicht in den „Sejmiki" herum und tanzte er nicht mit „bunczuczner" Miene die Polonaise? Ja, ein edler Pole war mein „Pnei Jehoschua", — und ich wußte es nicht. Ich habe es erst jetzt erfahren aus der Rede seines Ur-Urenkels, daß die Juden überhaupt keine Nation sind, mit anderen Worten, daß Herr Dr. Löwenstein auf einen polnischen Stammbaum zurückblickt. Der Stammbaum! Es war nicht in vorhistorischer Zeit. Vor ungefähr 20 Jahren war ich in Lemberg und unterhielt mich köstlich mit einem schöngeistigen Greis. Er hieß Rabbi Issachar Löwenstein und war Prediger der jüdischen Gemeinde in Lemberg. Wenn ich nicht irre, war er der Vater des jetzigen Reichsratsabgeordneten. Vergebens suchte ich zu jener Zeit „polnische Demokraten" unter den Juden Lembergs. Herr Dr. Byk sprach noch damals ein Polnisch. — daß sich Gott erbarme! Der „Sehomer Israel" gab eine deutsche Zeitung heraus, und der dichterisch veranlagte Rabbiner Löwenstein predigte deutsch. Er schrieb auch hebräisch — wenn ich nicht irre: in Gottlober's „Haboker Or". Er stammte aus Mierdzyrzec, hatte einen goldenen Bet-hamidrasch-Humor und einen „maskil' "sehen, Schiller'schen Enthusiasmus. Er übersetzte auch die hebräischen Gedichte der spanischen Periode gar vortrefflich. Besonders stolz war er auf seine Pnei-Jehoschua-Abstammung, — und ich wüßte nicht, wie man sich als „bene natus" betrachten kann, wenn man die Existenz seiner eigenen Nation verleugnet. Aber das war vor 20 Jahren! Armer „Pnei Jehoschua!" Deine „Chiduschim", deine „Kasche's," dein „Pilpul", — sie münden in das polnische „Kolo" und in die Verteidigung der Reichsratswahlen! Armer Rabbi Issachar aus Mierdzyrzec, mit den hebräischen Aufsätzen, mit den deutschen Predigten, mit den Übersetzungen der hebräisch-sephardischen Gedichte, mit dem Bet-hamidrasch und mit Schiller, — wie schnell ist all dies pedek'isch (polnisch-demokratisch) geworden! Ja, wenn man die Dinge mit klaren Augen betrachtet — unter dem Gesichtswinkel der Rasse und ihrer Eigentümlichkeiten, so ist dies wiederum der ewige Jude mit seinen Wandlungen und mit seinen Selbsttäuschungen. Für mich war Rabbi Issachar Löwenstein eine Fortsetzung des Pnei Jehoschua. Ich erinnere mich, eines Tages eine schöne Predigt von ihm gehört zu haben. Er zitierte einen Midraschspruch und interpretierte ihn so geistreich, so geschickt, mit einer so feinen Anspielung auf die gegenwärtigen Verhältnisse, daß die Gemeinde ganz entzückt war. Als er von der Kanzel herabgestiegen war, näherten sich ihm viele, um ihm die Hand zu drücken und einen herzlichen „Jejascher Kauchacho" zuzurufen. Der selige Salomon Buber war auch dabei, der Midraschforscher! Auch er gratulierte, nur fügte er eine kurze Frage hinzu: wo steht denn eigentlich der zitierte Midrasch? — Es ist ein Midrasch Issachar! — erwiderte der witzige Prediger mit einem vielsagenden Lächeln. Jetzt ist der „Midrasch Issachar" im österreichischen Reichsrat. Er heißt wieder: Midrasch Nathan. Der modernisierte „Pnei Jehoschua", waschechter Sarmate, jagellonisch, Kolo-getreu, ein Debski, ein Nowodworski, mit mehr Verve, mit mehr Talent. Ach, meine lieben Schlachzizen, die Rabbinersöhne werden euch übertrumpfen. Ich höre es noch, wie der Lowitscher Rabbi mir sagt: Der „Pnei Jehoschua" ist kein „Achron". Ein jüdischer Lord, Ins Ghetto dringt manchmal ein blauer Lichtstrahl: Der Abonnent der hebräischen Zeitung (10 Subabonnenten und 100 Leser) hat die Kunde gebracht, daß ein Jude zum Minister ernannt worden ist. Irgendwo in einem Märchenland, in England, in Italien. Sogar der alte, griesgrämige Reb Hersch Kalwarier pflegte sich zu freuen. Unter den Jüngeren, den Optimisten, tobte ein Sturm des Jubels. Als Rothschild Lord geworden war, widmeten jüdische Blätter diesem Ereignis große Aufsätze. Reb Hersch fragte: was ist das eigentlich, ein Lord? Ein blasses Jüngelchen, Hamagid - Korrespondent, antwortete ihm: Tausend mal mehr als ein Graf! So — sagte Reb Hersch, indem er das O sehr lange dehnte — wird er doch gewiß sprechen mit dem Körrig und ihm erzählen ... Ja, die gläubigen, alten Juden! Nun ist Sir Samuel Montagu Lord geworden, und im Ghetto wird man doch erst recht sagen: er wird doch gewiß sprechen mit dem König und ihm erzählen. Denn Sir Samuel ist doch wirklich ein frommer Jude. Eine Erinnerung zuckt in mir. Mr. Montagu — er war damals noch nicht einmal „Sir" — war in Warschau im Jahre 1886 oder 87. Es war während derselben Reise, als man ihn aus Moskau, trotz seiner vielen Empfehlungsbriefe, ausgewiesen hatte. In Warschau besuchte er die jüdischen Anstalten, die Schulen und dgl. Die Polen mosaischer Konfession tanzten um ihn herum, doch als er in der Handwerkerschule fragte, ob die Kinder Hebräisich lernen, waren sie ganz verblüfft. Die Frage bohrte sich in Herz und Nieren. Ein Engländer, ein so reicher Engländer, — was kümmern ihn denn die Polen? Und Hebräisch? Nach so vielen Jahren sah ich ihn vor kurzem in London. Ernst, schwerfällig, machthaberisch, reif zum Lord. Für mich war in den starren, großen Augen nur e i n begehrliches Leuchten zu sehen: etwas Gutes, Praktisches zu schaffen und Lord zu werden. Ein Öl, die müde Ambitionenmaschine zu schmieren. Den „Peerage Day" hatte ich in London zugebracht. Die Leute stehen früh auf und greifen nach der Morgenzeitung. Da sind die Namen der Geadelten. Da mir eine solche Zukunftsperspektive sehr fern liegt, habe ich gerade an jenem Morgen mein „paper" nicht gelesen. Auf Oxford Street begegnete mir ein Freund. — „Was, er ist nicht da?" — rief er mir zu. Ich verstand ihn nicht. Wer ist nicht da? Er meinte Sir Samuel. Er hätte schon voriges Jahr Lord werden dürfen. Nun ist er um ein Jahr älter. Wäre er jünger, so würde er vielleicht doch, wie Reb Hersch Kalwarier sagte „mit dem König sprechen und ihm erzählen" . . . Haman redivivus. Es war wie ein Sommernachtstraum, und nun ist alles wie weggeblasen und eine Gewitterschwüle lagert über dem Lande. Die Pogromnachrichten widerhallen nicht einmal in vielfältigem Echo, still ist es . . . zum Ersticken. Und noch eins: die Sache ist chronisch geworden, wie z. B. in Odessa. Es ist wie die Cholera in gewissen Gegenden Indiens: endemisch. Und nun rollt alles wieder um die Achse der Ausnahmegesetze. Man treibt aus Riga, man treibt aus Smolensk, in Kiew verschärft man die Maßregeln, man jagt aus den bessarabischen Dörfern die Mühseligen und Beladenen, man verbannt aus den Grenzdistrikten. Überall werden neue Schranken aufgerichtet und neue Zügel angelegt. Und nebenher ein milderndes Zirkular der Zentralregierung, — alles nach berühmten Mustern. Es ist eine vorgeschriebene Marschroute. Und alles ist verboten: das Sprechen, das Schreiben, sogar die Winke. Und nicht nur Versammlungen werden aufgelöst, es