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Die Welt · 1907-07-12 · 28 (12.7.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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WIENER BRIEF (Von unserem Korrespondenten) Die zweitägige Debatte, die in der vorigen Woche im österreichischen Parlamente über die galizischen Wahlen geführt wurde, endete wie das Hornberge? Schießen. Es kam, wie in der „Welt" schon vor Wochen vorausgesagt worden war. Die Dringlichkeitsanträge der galizischen Oppositionellen wurden niedergestimmt, und im Legitimationsausschusse wird die altgewohnte Verschleppungstaktik zweifellos fortgesetzt werden. Die Idealisten, welche vom ersten Parlamente des allgemeinen Wahlrechts erwartet haben, es werde als strenger Richter mit dem galizischen Wahlsystem tabula rasa machen, haben sich gründlich getäuscht. Der Polenklub, für den eine ungünstige, wenn auch noch so gerechte Erledigung der Wahlproteste eine Existenzfrage, eine Frage seiner parlamentarischen Machtstellung bedeutet, hat sich, schlau wie immer, die Unterstützung der verschiedenen Parteien gesichert, und es wird ihm auch dank der mächtigen Hilfe der Regierung kein Haar gekrümmt werden. Die galizischen Wahlen bleiben auch diesmal ungesühnt. Die Debatte über die Wahlmißbräuche verlief stellenweise sehr stürmisch. Die leidenschafterfüllten Anklagereden der Sozialdemokraten, Ruthenen, Zionisten entwarfen ein düsteres Bild der galizischen Kultur und polnischen Gewaltherrschaft. Einer einzelnen Kaste zuliebe, die mit allen Mitteln das Heft in Händen behalten und die drei Nationen des Landes unter ihren perversen politischen Willen zwingen will, wird Österreichs Prestige als Rechtsstaat vor ganz Europa erschüttert und das Parlament bloßgestellt. Es herrscht permanenter Ausnahmezustand, faktische Sonderstellung in Galizien, wenn es sich um Wahlfreiheit, Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit handelt. Die Ohnmacht der Zentralregierung äußerst sich bei allen gegen galizische Verwaltungsmethoden und Wahlschwindeleien gerichteten Beschwerden in schärfster Weise. Der«Statthalter von Galizien kommandiert, das Wiener Ministerium pariert pünktlich Ordre. Wenn man die Verteidigungsrede, welche der Minister d^s Innern im Namen dieses Statthalters hielt, liest, und wenn man auch nur einen Bruchteil der galizischen Wahlmißbräuche kennt, dann erkennt man erst recht, wie im österreichischen Parlament die Macht übers Recht geht und daß den Bedürfnissen der parlamentarischen Taktik und Opportunität Gesetz und Recht geopfert wird. Die Debatte führte zum ersten Rededuell zwischen den Zionisten und den Hausjuden des Polenklubs. Abgeordneter Stand hatte ruhig, maßvoll, aber energisch seine Rede zur Begründung des Dringlichkeitsantrages gehalten. Er hatte eher zu wenig als zu viel gesagt. Am nächsten Tag hielt der Sprecher des Polenklubs, Abg. Dr. Löwenstein, die Gelegenheit für günstig, seinem Antizionismus die Zügel schießen zu lassen und mit einem polnisch-Nationalen Glaubensbekenntnis sein gemäßigtes Israelitentum zu drapieren. Es gibt galizische Juden, die im Westen sich im Laufe weniger Jahre zu Deutsch-nationalen durchmausern. Dr. Löwenstein hat den umgekehrten Weg zurückgelegt. Aus dem Sohne des eingewanderten deutschen Rabbiners ist ein Polnisch-Nationaler geworden. Zweierlei geht aus seiner Rede hervor: .die verbissene Wut gegen die Zionisten, die in Galizien die Kreise der Kahaljuden so gewaltig stören, und die Angst vor ihrer Freundschaft mit den Ruthenen, welche die Hegemonie der Polen und die Herrschaft ihrer Haus- Juden ernstlich gefährdet. Herr Dr. Löwenstein hat auch über den Terror der Zionisten Klage geführt, wie überhaupt in der ganzen Debatte die Exoffo-Verteidiger des Polenklubs die Taktik befolgt haben, die Prozeßrollen zu vertauschen und sich ihren Anklägern gegenüber in das Unschuldsgewand zu hüllen, sich selbst als die Objekte fremden Terrors hinzustellen. Schon die Erfahrungen der letzten Wahlen haben gezeigt, daß in Galizien Oppositionelle sich nur durchsetzen, wenn sie dem Terror der Offiziellen rücksichtslosen Kampf, ihrem Druck schärfsten Gegendruck entgegenstellen. Die Tatsache, daß vom Wiener Parlament eine entsprechende Rektifizierung der Wahlen nicht zu erwarten ist, und daß die Zentralregierung ihre schützende Hand über die Wahlräuber hält, muß im Lande unter den oppositionellen Parteien die Überzeugung festigen, daß Selbsthilfe im Rahmen des Gesetzes bei Wahlen die einzig mögliche Antwort auf den behördlichen Terror und daß nur Radikalismus in Galizien am Platze ist. Die Polenklubjuden mögen darüber jammern, aber ihren illegalen, egoistischen, nur persönliche Interessen verfolgenden Druck kann nur legaler, schonungsloser, andauernder Gegendruck der Masse brechen. Die Jüdisch- Nationalen in Galizien können auf halbem Wege nicht stehen bleiben und dürfen mit halben Waffen den aufgenommenen Kampf nicht hemmen. Der Weg ist klar vorgezeichnet. Er muß zur Vernichtung der polnisch-nationalen Assimilantenklique führen. Ehrliche Leute werden in diesem Kampfe keine Feindschaft gegen das polnische Volk erblicken können, und Übelwollende sollen nur immerhin, wie es in der letzten Debatte schon geschah, das durch Vernunft und politische Klugheit gebotene freundnachbarliche Verhältnis zu den Ruthenen als unwürdig oder sonstwie schelten. Es ist begreiflich, daß den Polen und ihren diversen jüdischen Faktoren die politische Umkehr und nationale Selbständigkeit der galizischen Juden nicht in den Kram paßt und daß sie die parallel laufende Anbahnung eines freundschaftlichen Zusammengehens mit den Ruthenen zu diskreditieren suchen. Herr Dr. Löwenstein, der zum Paraderedner des Polenklubs avanciert ist und dem wir auf parlamentarischen Kriegspfaden gegen die Zionisten noch öfter begegnen werden, hat es auch nicht verabsäumt, die Zionisten dem Parlamente als kulturfeindlich zu denunzieren und den alten Kohl von der Rückehr ins Ghetto aufzuwärmen. Gg. Abg. Stand blieb ihm die Antwort auf diesen ältesten Ladenhüter aller Antizionisten nicht schuldig. Übrigens ist eine solche Behauptung gegenüber dem Verhalten des Jüdischen Klubs, der bisher bei allen Abstimmungen mit den freiheitlichen Gruppen ging, aufgelegte Stimmungsmacherei, tendenziöse Verleumdung. Kulturfeindlich und unnatürlich ist hingegen die enge parlamentarische Koalition, in der Herr Dr. Löwenstein und Konsorten als willenlose Mitglieder des Polenklubs stehen, die sie zwingt, mit den Christlichsozialen durch Dick und Dünn zu gehen. Der bisherige Verlauf der reichsrätlichen Verhandlungen kann an der hinter den Kulissen vollzogenen engen Verbrüderung der Christlichsozialen und Polen keinen Zweifel lassen. Herr Dr. Löwenstein, der sein Verhältnis zu den Polen stolz als legitime Ehe, die zionistische Allianz mit den Ruthenen verächtlich als wilde Ehe bezeichnete, würde seine parlamentarische Allianz mit den klerikalen Antisemiten, wenn er im Bilde bleiben will, sehr niedrig klassifizieren müssen. Wer Klubkollege eines Stojalowski und Kampfgenosse der Bielohlaweks ist, hat kein Recht, eine politische Freundschaft, die keinem Teile Gesinnungsopfer zumutet und den Gesetzen politischer Moral und persönlicher Würde in keinem Punkte widerstreitet, mit souveräner Geste und theoretischen Witzchen abzutun. R. N. Aus meinem Notizbuch Rabbine'rsöh ne. Als man mit sämtlichen Kommentaren zum Talmudpensum („Schiur") fertig war: mit dem wundervoll-einfachen, großmütterlich-süßen Raschi, mit den bunten, scharfsinnigen und reichhaltigen Tosaphoth, mit den fundamentalen Alfassi und Ascheri und dem prächtig populären Ran („Nymuke Josef") und nachdem man den klassischen Maimonides, den tieflogischen Raschbo und den ernsten Ritwo, zuweilen auch die enzyklopädistische Sammlung Schitta Mekubetzeth durchgenommen hatte, griff man zu den Epigonen. Die breitspurige, langatmige Kasuistik kam an die Reihe. Die Lektüre der,letzteren hieß nicht „lernen", sondern „hineinschauen"- Der Lowitscher Rabbi erlaubte mir nicht zu viel „hineinzuschauen". Er sagte, es sei Zeitverlust. Gott, man kann ja nicht alle Kommentare der „Achronim" (der Neuen) lesen. Er selbst, sagte er, lese all dieses Zeug nicht. Sie sind genial, erhaben, heilig, — aber das übermäßige Lesen macht nur die Köpfe wirr. Eines Tages hatte ich eine Laune, den Rabbi zu uzen. Während des Vortrags rückte ich mit einer Kasche (Frage) heraus. Es war eine echte Klotz-Kasche, verblüffend, unlösbar, eine Bombe. Diese „Kasche" steht ja im „Pnei Jehoschua" — rief der Rabbi. — Also lesen Sie doch die Achronim! — sagte ich. Der Rabbi lächelte verlegen. — Der „Pnei Jehoschua" ist kein „Achron" sagte er. — Es war nur eine Verlegenheitsantwort, denn Rabbi Jehoschua Falk ist ein Achron. Er ist es nicht nur chronologisch, sondern

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