Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 28 DIE^ELT 9 die Juden — mit Recht oder Unrecht — Gründe des „Pogroms" vor, trösten sich, daß sie die Opfer des „alten Regimes", der Gegenrevolution von oben seien. Es ist ja auch wahr, aber zugleich lenkt diese Erklärung die Juden von sich selbst immer mehr ab. Sie haben nicht einmal den Mut, für sich selbst zu leiden; sie haben Furcht, allein dazustehen. Das Gefüge des Judentums ist so schwach geworden, daß ein heftiger Stoß genügt, um die scheinbar verletzten Balken auseinander zu reißen....... So steht es jetzt mit dem Judentum als geistiger Potenz. Warum hatdie Fraktion gerade jetzt, wo es einzugreifen gilt, abgerüstet? Warum ziehen sich die Intellektuellen einer nach dem anderen von unserer Schar zurück? Ich las neulich die Klage eines nach Theorie und Diskussion lechzenden Zionisten, daß wir keine „Wissenschaft" des Zionismus haben. Er meinte sogar die Tatsache beklagen zu müssen, daß „Nordau und Warburg" keine Bücher über den Zionismus schreiben. Welche Naivetät! Als ob sich eine „Wissenschaft des Zionismus" überhaupt schaffen ließe! Welcher Unfug überhaupt in der Parteiliteratur mit der „wissenschaftlichen" Terminologie getrieben wird! Ich meinerseits beklage es nicht, daß wir keine sogenannten „Soziologien" des Zionismus haben. Natürlich, wenn ein wirklicher Denker kommen und uns all die komplizierten Fragen des jüdischen Lebens in ein System bringen würde, ich würde der erste sein, der ihm ein Hosiannah entgegenrufen würde. Aber diese „Versuche" des „S.-S." oder der „Poale-Zion", — sie mögen mir die Anführungszeichen vor „Versuche" verzeihen —! Na, lieber keine „Wissenschaft", als solche! ' Und in der großen geistigen Not des Zionismus schweigen die Intellektuellen. Die mit uns gingen, zogen sich allmählich zurück, :iHid neue kommen nicht hinzu. Aber es ist ja mit dem gesamten . Judentum so. Die Krisis im Zionismus ist nur eine Folgeerscheinung 'der allgemeinen, inneren Krisis des Judentums. Diese muß man . beseitigen. Nicht durch Beschwichtigung und Vertuschung, sondern durch aufmerksame und tiefdringende Stellungnahme. Durch welche i Mittel die Krisis zu beheben wäre, — ich weiß es nicht, halte mich auch nicht für berufen, fertige Programme vorzulegen. Ich will nur die Aufmerksamkeit rege machen, den Gedanken zu seinem Rechte bringen. Das ist ein Punkt, der zur Bildung einer neuen, jungen, frisches und pulsierendes Leben hineintragenden „Fraktion", führen würde, der ihr eine — vielleicht sogar dominierende Stellung innerhalb der Partei sichern würde. Und dies rufe ich allen denkenden, ernsten Zionisten zu: Laßt euch nicht von kleinen Worten verwirren! Glaubt nicht, das jüdische Volk könne allein durch die kleinen Einzelaktionen, durch vereinzelte Industrieunternehmungen, durch spärliche Auswanderung nach Palästina erlöst werden. Glaubet auch nicht, anderseits, das Heil hänge von den paar jüdischen Abgeordneten in den Vertretungen eurer Länder ab! Das alles ist gut, aber im Rahmen einer großen, alles umfassenden Bewegung. Politik, jawohl, aber großzügig! Kolonisation — aber großstilig! Und über allem der Geist, der Wunsch, eine neue jüdische Kultur aus den Trümmern der alten zu schaffen. Mit solchen Grundzügen eines Programms wäre eine „Opposition" wirksam, erfolgreich. Nicht aber Kleinpolitik! Zwecklos auch das Gerede von und über einzelne Personen! Schafft ein großes Programm, eine große Bewegung, — und die großen Persönlichkeiten werden von selbst kommen. Das ist meine erweiterte Parole für den VIII. Kongreß. P. Almogy. DER JÜDISCHE KLUB IM ÖSTERREICH. PARLAMENT Von Dr. MAYER-EBNER, Czernowitz Man feiert die Gründung des Jüdischen Klubs als ein jüdischhistorisches Ereignis. Mit Fug und Recht, — aber man hüte sich, von diesem Klub in dieser Periode große politische Erfolge zu erwarten. Dazu ist der Klub noch viel zu klein, abgesehen davon, daß einige der tüchtigsten Jüdischnationalen bei der Reichsratswahl draußen geblieben sind. Dem derzeitigen Viermännerklub ist dennoch eine große Aufgabe zugefallen. Er hat den Einzug der jüdischen Nation in das Haus am Franzenring würdig zu gestalten, er hat die Vorurteile, die ihm reichlich entgegengebracht werden, zu besiegen und namentlich die Juden daran zu gewöhnen, daß sie von den Kurandas und Löwensteins nichts, hingegen vom Jüdischen Klub eine würdige und energische Wahrung ihrer Interessen zu erwarten haben. Demgemäß wird der Jüdische Klub in dieser Periode weniger politische und mehr moralische Erfolge zu verzeichnen haben. Die nächste Wahlschlacht wird uns dann besser vorbereitet finden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich dann die Zahl der Jüdischnationalen im Parlamente verdreifacht, wenn man erwägt, wie nahe unsere Kandidaten in Galizien dem Erfolge waren, wenn nicht rohe Gewalt und plumper Schwindel uns um unser gutes Recht gebracht hätten. Ein Jüdischer Klub, aus zwölf tüchtigen Männern bestehend, wird nicht so einflußlos sein, 'wie manche Juden, die die Wetterpropheten spielen, sich einreden. In diesem zerklüfteten Parlament, welches nur schwer eine ständige Regierungsmajorität aufbringen wird, wird ein Dutzend entschlossener tatkräftiger Männer schon einen Faktor bedeuten, mit dem man rechnen wird. Das verflossene Parlament hat bewiesen, daß kleine Gruppen sich selbst in einem großen Hause Geltung verschaffen können. Im neuen Volkshause wird diese Möglichkeit in noch höherem Maße gegeben sein. Euer Programm? fragen Leute, die die Weisen der Nation spielen wollen. Nun, ich will darauf eine ehrliche Antwort geben. Wir Jüdisch-Nationalen sind uns dessen ebenso bewußt wie die hyperklugen Fragesteller, daß wir für das österreichische Parlament ein scharf umrissenes „nationales" Programm nach der Schablone der anderen Völker nicht haben. Namentlich haben wir — trotz Mathias Acher — eine jüdische Sprachenfrage nicht. Aber die soziale und in vielfacher Beziehung auch wirtschaftliche Ausnahmsstellung der Juden weist jüdischen Vertretern den Weg, den sie zu wandeln haben. Ich will es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Wenn die Juden in Österreich die volle und faktische Gleichberechtigung hätten, wie die anderen bevorzugten Völker^ wenn die Frage nach dem Bekenntnis nicht nur untersagt, wie in manchen Staaten, sondern gleichgültig wäre, wenn die Juden nicht sozial geringer und moralisch minderwertiger eingeschätzt würden als die andren Völker, wenn es namentlich in Galizien und in der Bukowina kein spezifisches Judenelend und auch eine Gefahr von Judenverfolgungen nicht gäbe — mit einem Worte, wenn die Juden im Staate ungefähr dieselbe Stellung hätten, wie die Juden in Italien sie haben oder die Juden in England sie hatten, dann — ich gebe es unumwunden zu — wäre die Gründung eines Judenklubs im Parlamente eine überflüssige Sache. Insolange aber man von einer Judenfrage zu sprechen gezwungen ist, insolange wir Bürger zweiten Grades sind, insolange das Judentum ein Hindernis für die Karriere und für das wirtschaftliche Fortkommen ist, insolange es Gegenstand des Hasses, des Spottes oder der Verachtung ist, insolange schließlich die Juden der Bukowina und in Galizien unter einem unsagbaren wirtschaftlichen Elend leiden, welches in den speziellen Verhältnissen der Juden und in einer gewissen Tendenz der neuen und alten Gesetze seinen