Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 DIEÄeLT No. 28 No. □ 1 □1 DI KONGRESSFRAGEN DI D □ (In dieser Rubrik wollen wir der Diskussion über Fragen, die voraussichtlich den nächsten Kongreß beschäftigen werden, freien Raum geben) Zum achten Kongreß ii. Ich habe schon einmal in den Spalten dieses Blattes die Probleme des kommenden Kongresses erörtert. Ich versuchte in allgegemeinen Zügen die Richtungslinie anzugeben, die m. E. der Kongreß verfolgen müßte. Und ich schloß meine diesbezüglichen Ausführungen mit den Worten: „Der VIII. Kongreß muß im Zeichen der Bilanzziehung stehen." Aber „Bilanzziehung" ist ja etwas Negatives. Bilanzziehung heißt Abrechnung, Abschluß. Gut, aber wenn ein Defizit sich ergibt? Und wenn die Kritik zu keinem Absolutorium führen wird? In einem geordneten parlamentarischen Staate ist die „Bilanzziehung" der zurzeit herrschenden politischen Richtung oft Selbstzweck. Der Kampf gegen die Regierung ist selbst Programm, auch wenn die Bekämpf er kein eigenes Programm an die Stelle des bekämpften zu bieten imstande sind. Wir aber, die weder eine staatsmäßige Organisation, noch eine eigentliche Parteischeidung haben, dürfen uns mit dem Zerstören allein nicht begnügen. Wenn wir zum Kongreß kommen und sagen: Das und das sei schlecht, die Leitung habe diesen oder jenen Fehler begangen, die allgemeine Politik (die ganz westlichen unter uns werden den Palais-Bourbon-Ausdruck gebrauchen : La politique generale du cabinet) der Leitung sei in diesen oder jenen Punkten zu bemängeln, — so könnten wir angesichts des jetzigen Zustandes der Organisation manch williges Ohr finden. Wir könnten die „Opposition" zur „Regierung" machen. Und was dann? Hat denn die „Opposition" irgendwelche Grundsätze, in * denen sie mit der „Leitung" auseinanderginge? Kann man denn wirklich und ohne sich durch Worte beirren zu lassen, sagen, es seien prinzipielle Reibereien in der Partei, die ausgeglichen, Fragen, die beantwortet werden müssen. Worum soll sich nun der Streit drehen, und was wird sein Ertrag sein? Welch ein beneidenswerter Optimismus, — nicht wahr? Also alles ist ruhig und friedlich, die Opposition ist unnötig, — und alles bleibt beim alten. Nein, es ist kein Optimismus. Ich sage es offen und unverhüllt, daß ich an die Existenz einer ernsthaften Opposition, die nicht bloß auf Laune oder Unzufriedenheit mit einzelnen Persönlichkeiten der Leitung, sondern auf prinzipiellen, gedanklichen Gegensätzen beruht, nicht glaube. Vielleicht besteht sie, — ich habe aber ihre Spuren nicht ermitteln können. Unsere — so stark reduzierte — Parteipresse bringt längst nichts Aufregendes oder Stürmisches. In den Versammlungen der Ortsgruppen hört man keine neuen Reden, keine neuen Forderungen. Es ist eigentlich ein „consensus omnium", — eine Harmonie, die nur durch eine tiefe, ihres Ursprungs selbst nicht bewußte Unzufriedenheit getrübt wird. Und das ist eben ein gefährliches Symptom. Ich bin noch immer ein Anhänger der alten englisch-konstitutionellen Theorie der „zwei Parteien". Damit das politische Leben eines Staates sich entwickeln könne, müssen zwei Prinzipien, einander radikal entgegengesetzt, einander bekämpfen, einander die Wage halten. Die eine Partei dient dann als Korrektiv der anderen. Wo der Ausgleich eingetreten ist, dort ist es still und friedlich, aber auch unrettbar faul. Was vom Staate gilt, gilt auch von jeder organisierten Gemeinschaft, aber auch von der Partei. Als wir vor einigen Jahren innerhalb unserer Partei heftige Kämpfe durchzumachen hatten, als Programme auf Programme kamen, einander übersteigend und umstürzend, einander ablösend, als fast jeden Tag irgend eine neue „Theorie" ans Sonnenlicht kam, da wußten wir, die Partei lebe. Und was für grandiose Pläne damals nicht ausgesonnen wurden! Da kam der eine mit dem Traum einer Universität in Palästina, der andere mii einem Plan einer Reorganisation des Golus-Judentums, der dritte... Ja, wozu das erst vor kurzem Erlebte hier als geschichtliche Datei< notieren? Manch einer von uns, die die vergangene Zeit mit ihren: Stürmen und Drängen zurückwünschen, haben damals klug gelächelt die Unhaltbarkeit der meisten dieser Pläne einsehend. Aber wenigstens war Leben da, das Blut kreiste frisch und fröhlich in den Adern der Partei. Damals war eine Frage, wie wir sie jetz: formulieren: „Was sollen wir eigentlich am Kongreß anfangen? lächerlich. Das Leben selbst bot in Fülle solche Fragen. Die Fraktionen innerhalb der Partei hatten ihre Ansichten, die sie vertreten, ihre Forderungen, die sie durchsetzen wollten. Daraus ergab sich von selbst das Arbeitsprogramm des Kongresses. Wenn man das Wort, die Frage sei an der „Tagesordnung", gebrauchte, so war es ein wirkliches, lebendiges Wort, das seinen Sinn und Berechtigung hatte. Von allen „Tagesordnungspunkten" des Programms des VIII. Konhresses wüßte ich keinen, der wirklich auf der Tagesordnung stünde. Wer gleich mir seit Jahren in der Partei steht, aktiv oder beobachtend, wird nicht umhin körinen, über das Stillwerden im Lager sich zu wundern. Sind denn die Forderungen der ehemalige ) Opposition erfüllt worden? Oder hat sie sie ohne weiteres ausgegeben? Ich nehme z. B. die „Fraktion". Wo ist sie? Warum hat sie ihre Waffen abgelegt, sich zurückgezogen? Die „Fraktion ' stellte ja niefit unbedeutende, auf den Moment berechnete Programn - punkte auf. Sie war ja keine Vereinigung zwecks „Umänderung des Organisationsstatuts" oder „Hebung der Nationalfondssamtrlungen" usw. Sie wollte ja eine Richtung innerhalb der Partei sein, eine Renaissancebewegung großen Stils. Sie hatte sich j i zum Ziele gesetzt, ein neues Kulturjudentum, eine neue Judenkultm zu schaffen. Hat sie denn ihr Ziel erreicht? Im Gegenteil. Stärker denn je ist jetzt der Niedergang der jüdischen Kultur empfindlich, mit jedem Tage wird die Lücke größer und ruft nach Ausfüllung In den letzten Jahren hat das Judentum materiell und geistig große > Schaden erlitten. Die „Pogrome" hatten eine nach zwei Seiten entmutigende Wirkung. Sie haben die Juden nicht bloß in ihrem Vermögen geschädigt, sie haben auch ihr Selbstbewußtsein erniedrigt, ihre Hoffnungen zertrümmert. Man meint gewöhnlich, die katastrophalen Ereignisse in Rußland hätten zur Hebung des Nationalbewußtseins und der nationalen Sehnsucht der Juden beigetragen. Und da das Gegenteil zu bemerken ist, so glaubt man. vor einem Wunder zu stehen. Aber Katastrophen haben immer eine tief deprimierende Wirkung. Besonders, wenn es sich um eine Gemeinschaft handelt, die ihren nationalen Lebensmut bereit zum großen Teil verloren hat, die kein großes Ideal ihr eigen nennt, die nur kraft der Trägheit lebt. Die „Ariussim" von Spanien, die Juden der deutschen Ghetti, die Juden der „Haidamaker zeit", die Menschen von echtem Schlag, von starkem, Himmel und Erde vereinigendem Glauben konnten alle Qualen des Lebens, alle „Katastrophen" überdauern, weil sie wußten, wofür sie dulden! Aber heutzutage? Damals versuchten die Juden nicht, die Tatsachen zu verschleiern. Sie wußten, sie seien auf sich allein angewiesen, allen anderen eine Zielscheibe. Heute aber spiegeln sich