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Die Welt · 1907-07-12 · 28 (12.7.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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gemacht worden, und wir wünschen ihnen das beste Gedeihen, damit sich auch andere jüdische Kapitalisten angeeifert fühlen, dem gegebenen Beispiel zu folgen. Ich möchte aber auf einen wichtigen Punkt hinweisen, der, weil er nur die Zukunft betrifft, bisher nicht die genügende Beachtung gefunden hat. Es dürfte wohl den meisten Lesern der „Welt" bekannt sein, daß die industrielle Entwicklung in der Türkei durch verhängnisvolle internationale Abmachungen, die unkündbar sind, zur Unmöglichkeit gemacht worden ist. Es handelt sich um das Recht aller Staaten, ihre Erzeugnisse in das türkische Reich gegen eine Zollgebühr von 8 °'o nach dem Wert der eingeführten Ware zu schaffen. Das ist für bessere Industrieerzeugnisse kein genügender Schutz, da vor allem in den anderen Staaten das Geld viel billiger ist als in der Türkei und die Fabrikation technisch ungemein vollkommener ist. Dazu kommt noch der Umstand, daß selbst diese niedrige Zollgebühr fast niemals voll bezahlt wird. Es werden in den meisten Fällen für die Zollbehörden besondere Fakturen ausgefertigt, welche den Wert der eingeführten Waren viel niedriger ansetzen, als er wirklich ist. Die türkische Regierung ist nicht imstande, sich wirksam gegen diese Schädigung ihrer Finanzen zu schützen. Unter diesen Verhältnissen litten früher auch die Balkanstaaten, die sich jedoch nach heißem Bemühen von dem veralteten Zollsystem befreien konnten. Der türkische Staat hingegen ist in all seinen Entschließungen, das Zollwesen auf einer modernen Grundlage aufzubauen, durch den Einspruch der Vertragsmächte gehemmt. Vor einiger Zeit hat die Türkei beantragt, die Zollsätze um einige Prozent zu erhöhen. Nach vielem Sträuben haben sich die Mächte 'dazu im Prinzip verstanden, weil sie anderseits an der Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit dieses im Auslande stark verschuldeten Reiches großes Interesse haben. Die Vermehrung der Staatseinnahmen wird ja die Sicherheit für die auswärtigen Staatsgläubiger erhöhen. Indessen zieht sich die Sache immer noch in die Länge. Zuerst hat England Schwierigkeiten gemacht. Die englische Regierung knüpfte diese Frage an die Angelegenheit der komplizierten mazedonischen Reforinfrage. Nachdem diese Schwierigkeit überwunden war, begann die französische Regierung mit derselben Verschleppungstaktik. Es heißt immer, die Sache komme schon in der nächsten Zeit zum Abschluss. Aber jeder festgesetzte Termin wird nicht eingehalten, und bis nicht die Angelegenheit endgültig geregelt ist, weiß man noch immer nicht, woran man ist. Indessen ist wohl anzunehmen, daß die Erhöhung der Zollsätze in der Türkei doch bald Tatsache wird. Wenn auch die türkische Regierung damit nur die Erhöhung ihrer Einnahmen bezweckt, so ist doch anzunehmen, daß einige Industriezweige durch die Zollerhöhung bis zu einem gewissen Grade Schutz gegen die auswärtige Konkurrenz erhalten. Das ist der allgemeine Satz. Sache des eingehenden Studiums wäre es aber, genau jedes Handwerk und jeden Industriezweig festzustellen, dem dieser Zollschutz zugute kommen würde. Allerdings, ein großer industrieller Aufschwung wäre im türkischen Reich nur möglich, wenn ein besonderer Zolltarif mit Differentialsätzen geschaffen würde. Ein solcher ist für absehbare Zeit nicht zu erwarten. In der Türkei müßten große politische und territoriale Veränderungen vor sich gehen, wenn Palästina dereinst in gewünschtem Maße industrialisiert werden sollte. Für die nächste Zeit ließe sich nur eine Klein- und Mittelindustrie schaffen, d. h. eine solche, an der der Unternehmer und Kapitalist selbst administrativ mitarbeitet. Da jedenfalls durch den erhöhten Zoll für einige Industriezweige ein kleiner Schutz geschaffen wird, so müßte man sich schon jetzt mit der Sache befassen, um rechtzeitig festzustellen, auf welchem Gebiet in der nächsten Zukunft eine intensivere Pflege der Industrie möglich wird. Es ist gar kein Zweifel vorhanden, daß gerade die Juden für die Schaffung einer solchen Mittel- und Kleinindustrie am besten geeignet sind. Sie paßt so gut zum Charakter des Juden, der stets zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit und Selbständigkeit strebt. Diese Arbeit kann natürlich nur an Ort und Stelle gemacht werden. Die zionistischen Kreise sollten sich damit beschäftigen, aber es müßte von vornherein das Prinzip festgestellt werden, daß unsere Organisation sich lediglich informativ verhalten solle. Alles andere muß der Privatinitiative und dem Unternehmungsgeist des einzelnen überlassen werden. Ich halte es sogar für unrichtig und für das Gedeihen aller dieser Unternehmungen schädlich, wenn sich unsere Bank an ihnen mit größeren Summen beteiligt. Auch die Geldbeschaffung muß rein geschäftlich betrieben werden. Es darf dabei kein anderes Interesse obwalten, als die möglichst höchste Verzinsung des Kapitals bei vollständiger Sicherheit. Auf andere Weise werden alle diese Unternehmungen von vornherein zu einer „organisierten Schnorrerei", welche dem Zionismus unberechenbaren Schaden zufügen würden. Dem Kolonisationswerk in Palästina haftet vom ersten Tag ein großer Mangel an; es ähnelt der berüchtigten „Chalukah" sehr stark und ist mit denselben moralischen Schäden verbunden, die wir an der Chalukah tadeln. Die individuelle Verantwortlichkeit, die persönliche Initiative, das Gefühl selbständiger Handlung auf eigene Gefahr geht an dieser Art von Unterstützung verloren. Der Zionismus handelt nicht nur für die Gegenwart, sondern richtet seinen Blick auch in die fernere Zukunft. Auf die Dauer können die jetzigen Zustände in der Türkei nicht bestehen bleiben. Von der politischen und wirtschaftlichen Umwälzung, die für jeden klarsehenden Politiker unvermeidlich sind, wird Palästina zweifellos am meisten und am schnellsten berührt werden. Dann wird in diesem Lande ein großer industrieller Umschwung kommen, von dem nur zu hoffen ist, daß er das Werk der jüdischen Ansiedelung fördern und nicht stören wird. Das könnte aber nur dann der Fall sein, wenn wir Juden rechtzeitig auf dem Plan sind, wenn wir nicht, wie es leider oft geschehen ist, die Initiative anderen Völkern überlassen und erst in ihrem Gefolge mitkommen, nachdem für uns nicht mehr viel zu holen sein wird. Gerade weil die Bedingungen für die Industrialisierung Palästinas vorläufig nicht allzu günstig sind, sollten wir jetzt damit beginnen. Wir dürfen nicht abwarten, bis die Bahn für großkapitalistische Unternehmungen geebnet ist. Denn dann haben wir da nichts zu erwarten, selbst wenn das jüdische Kapital sich an diesen industriellen Unternehmungen hervorragend beteiligt. Das Großkapital ist international und interkonfessionell, es ist anonym und hat natürlich nur das eine Bestreben, für die Kapitalisten einen großen Gewinnanteil herauszuschlagen. Unsere nationalen Interessen in Palästina können Hindurch das Heranziehen mittlerer und kleinerer Kapitalisten gefördert werden, die nicht nur ihre Kapitalien arbeiten lassen wollen, sondern selbst mit Einsetzung der ganzen Persönlichkeit, auf eigene Gefahr und auf eigene Verantwortung tätig sein wollen. Ich hoffe, daß der achte Kongreß die prinzipielle Entscheidung treffen wird, wie sich unsere Arbeit in Palästina in der nächsten Zeit zu gestalten hat. Wir müssen mit dem alten System brechen, durch das gedankenlos Menschen nach Palästina gezogen wurden, deren wirtschaftliche Erhaltung auf einer modernen, neugeschaffenen „Chalukah" basiert war. Was daraus erfolgt ist, wissen wir zur Genüge. Das jüdische Ansiedelungswerk in Palästina soll durch eigene Arbeit geschaffen und gefördert werden; es muß von jeder Art philanthropischer Hilfe ferngehalten werden. Am allerwenigsten darf der Zionismus selbst zu einein philanthropischen Hilfswerk herabgedrückt werden, weil er dadurch jede Daseinsberechtigung einbüßt.

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