Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Xo. 28 DIE] schrickt fast, wenn man angesichts der Schwierigkeiten an die^geringe Höhe der uns bisher zur Verfügung stehenden Mittel denkt; man hat wohl gar nur ein Achselzucken übrig für riesige zionistische Bemühungen, wie die Ölbaumspende. Und mit elementarer Gewalt drängt sich dem Besucher von Palästina der Gedanke auf, daß ein rascherer Fortschritt nur dadurch zu erzielen sein wird, daß der jüdische Kapitalist im Lande selbst Unternehmungen ins Leben ruft, an denen er persönlich stark beteiligt ist. In Landkaufs- und Pflanzungsgesellschaften, wie der Agudath Netaim, die von in Palästina ansässigen Zionisten begründet werden, sehen wir den Keim zu einem neuen, in größerem Stile gehaltenen wirtschaftlichen Aufschwung der Juden in Palästina. Diese Männer, selbst mit einer relativ hohen Summe an dem Unternehmen beteiligt, kennen das Land, sie kontrollieren den Landkauf, die Bepflanzung, das Gedeihen der Kulturen aus allernächster Nähe und werden ein Unternehmen rentabel gestalten können, das vielleicht unter fremder Administration nicht reüssieren würde. Mit der Rückkehr nach Europa — wenn nicht schon vorher — folgt die Ernüchterung. Wer den festen Willen hat, nicht nur mit seinem guten Herzen und der Phantasie Palästinaarbeit zu leisten, sondern seine Vorschläge den heutigen Möglichkeiten anzupassen, wird sehr bald erkennen, daß den Zionisten in Europa, die sich in Palästina betätigen möchten, kaum andere Wege als die bisher eingeschlagenen offen stehen. So reduziert man den Maßstab der Entwicklung, den man Palästina zugedacht, aber man findet auch den Glauben an die Entwicklung selbst wieder. Und wenn man von neuem an diese Aufgaben herantritt, so hat man sich neben tiefem Ernst ein großes Maß Bescheidenheit angeeignet. Man hat das Augenmaß geschult. Wer dauernd in Palästina bleibt, wird diesen Entwicklungsgang viel schwerer durchmachen können; er gewinnt nie recht das Augenmaß für die in Europa sich bietenden zionistischen Möglichkeiten, und wenn er es gewonnen, so ist er in seinem Glauben an den Erfolg schwankend. Es verhält sich damit wie mit den Lebenserfahrungen. Der erfahrene Mann ist nicht zugleich derjenige, dessen Lebensanschauungen höhere Autorität beanspruchen; er richtet allzu sehr sein Urteil nach der Qual und Pein, mit der er selbst gerungen. Der Außenstehende, minder Erfahrene wahrt sich den freieren Blick. Man hat uns mit eindringlichen Worten die Ansiedelung jüdischer Kapitalisten im Lande als eine unbedingte Notwendigkeit dargestellt. Damit hat man eine Ansicht ausgesprochen, die niemals Gegenstand der Kontroverse gewesen ist. Auch diejenigen, die die Begründung des Industriesyndikats angeregt haben, haben selbstredend nie bestritten, daß ein weit größerer, sicherer und rascherer Aufschwung auf jenem erwähnten Wege zu erreichen wäre. Herr Dr. Kohan aber begnügte sich nicht mit der Wiederholung dieser Wünsche, sondern ging einen Schritt weiter: er meinte, daß das andere System früher oder später versinken müsse. Er gibt zu, daß man die Fehler, die man bisher bei europäischen Gründungen für Palästina begangen habe, sehr wohl vermeiden könne, aber da er an diesem System Mängel erblickt, die seinem idealeren System nicht anhaften, so schüttet er das Kind mit dem Bade aus und prophezeit all jenen Unternehmungen, die heute als Palästinaarbeit in einem größeren Maßstabe überhaupt nur in Betracht kommen, den Untergang. Die Antwort, die Prof. Warburg darauf gab, hätte sich der Fragesteller selbst geben können: wir wissen wohl, daß diese Methode sicherer zu Erfolgen führen würde, aber da sich dieser Wunsch nach Lage der Dinge heute nicht in genügend großem Maße realisieren läßt, so müssen wir versuchen, das Kapital dieser Zionisten, die nicht nach Palästina übersiedeln wollen oder können, auf anderem Wege unseren Zwecken nutzbar zu machen. Es wird noch viel Wasser den Jordan herabfießen, bevor sich jener Wunsch in dem Umfange erfüllen wird, daß sich ein deutlicher Einfluß auf unsere wirtschaftliche Stellung in Palästina bemerkbar KELT — . 5 machen wird. Sollen wir bis dahin die Hände in den Schoß legen, nur deshalb, weil die Systeme, die uns bis dahin zur Verfügung stehen, weniger gut und sicher sind, als jenes Ideal-Heilmittel? So selbstverständlich und banal diese Beweisführung klingt, so hat sie doch nicht verhindern können, daß ein neuer Artikel (von Amittai) unter vollständiger Ignorierung dieser Beweisführung die Kohanschen Ideen wiederholte. Auch er tönt in laute Vorwürfe gegen die von uns inaugurierten Systeme der Palästinaarbeit aus. Eine schwere Schädigung unserer Arbeit kann die Folge dieser windschiefen Darstellung sein. Es ist unsere Pflicht, diesen beharrlich wiederholten Vorwürfen ebenso beharrlich unsere so banale Antwort gegenüberzustellen, selbst auf die Gefahr hin, den Leser mit der fortwährenden Wiederholung desselben Gedankens zu ermüden. Es steht nicht wenig auf dem Spiel, denn man täusche sich nicht über den Schaden, den solche wiederholten schiefen Darstellungen in vielen Köpfen anrichten können. Was bringt uns Amittai? Er beweist zunächst, welchen Segen in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung die Anwesenheit wohlhabender Zionisten im Lande spenden würde. Ist das von einer Seite bestritten worden? Ist nicht ausdrücklich hervorgehoben worden, daß jedermann von uns eine solche Einwanderung begrüßen würde, daß aber gerade ihr Ausbleiben uns veranlasse, zu anderen Mitteln zu greifen? Sodann legt Amittai den Unterschied zwischen der Investierung belgischen Kapitals in Südrußland und jüdischen Kapitals in Palästina dar. Auch hier rennt er offene Türen ein. Denn obwohl wir diesen Unterschied nicht für so fundamental halten, daß wir ihm den Glauben an das Gelingen unserer Unternehmungen opfern sollten, geben wir gern zu, daß wir jener anderen Methode durchaus den Vorzug geben müßten, nach der all die Kapitalien, die jemals von uns in Europa aufgebracht werden könnten, von jüdischen Kapitalisten, die nach Palästina übergesiedelt sind, im Lande investiert würden — wenn wir uns nur zu dem Glauben aufschwingen könnten, daß dieser Wunsch baldigst Wirklichkeit würde. Gegen Schluß resümiert sich Amittai dahin, daß unsere Methoden unzulänglich seien, und schließt mit der Aufforderung: „Sehet zu, einige hundert reiche Zionisten zur Ansiedelung in Palästina zu bewegen, und damit habt ihr mehr erreicht und Dauernderes geschaffen als mit der Gründung aller möglichen Syndikate mit Einlagen von je 1000 Mk." Ja, Herr Amittai: sehen Sie zu! Und wenn Sie nach längerem Zusehen zu der Überzeugung gekommen sind, daß dieses Zusehen bis auf weiteres resultatlos verläuft, so legen Sie sich die weitere Frage vor: was nun? Wollen Sie nun einem dolce fare niente huldigen, weil Ihnen Palästina so teuer ist, daß Sie ihm entweder das Beste oder nichts geben möchten, oder wollen Sie nicht zu anderen, vielleicht mangelhafteren, aber bei richtiger und geschickter Durchführung gewiß aussichtsreicheren Unternehmungen übergehen, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie nun von anderer Seite dahin unterwiesen werden: daß es bessere Methoden gebe? Dieses Argument ist nun sattsam wiederholt worden, denn immer wieder mußte auf jene Darstellungen mit der Alternative geantwortet werden, auf deren Verkennung der Irrtum beruht. „Sehet zu, daß sich ein größerer Idealismus der Zionisten bemächtigt." Gewiß! *Aber sehet auch zu: daß sich die Zionisten das nötige Augenmaß für die Wirklichkeit wahren. Mit der Ausmalung schönerer Möglichkeiten darf nicht eine Verkennung der tatsächlichen verknüpft sein. Wer all das verwirft, was nicht dem zurzeit unerreichbaren Ideal gleichkommt, darf sich nicht als einen Förderer der praktischen Palästinaarbeit betrachten; denn er denkt und handelt nicht praktisch. Wer in Palästina selbst seinen Wohnsitz hat, den mag angesichts des so langsamen Fortschritts gar oft die Ruhe und Geduld verlassen, die die Voraussetzung für die Abschätzung der Möglichkeiten des Tages ist. Wer aber als Europäer die Sachlage im Zionismus