Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 27 DIE ELT 13 eminent humanitären Anstrich, indem vielen Leuten Brot verschafft wird und durch ihre Erträge kulturelle Zwecke gefördert werden. Ist die Ölbaumspende nun auch die einzige, bisher existierende, rein zionistische Institution, die der Förderung des Landbaues dient, so gibt es daneben noch einige den gleichen Endzweck verfolgende Institutionen, die, wenn auch an sich nicht zionistisch, doch im engsten Zusammenhang mit dieser Bewegung stehen. Diese landwirtschaftlichen Institutionen für Palästina sind: 1. die Geulah, welche sich mit Kauf und Verkauf von Ländereien an Privatpersonen befaßt, 2. die Gesellschaft „Agudath Nethaim", die sich mit Kauf, Parzellierung, Bepflanzung und Verwaltung von Ländereien beschäftigt, *3. die in Gründung begriffene Palästina- Agrikultur-Gesellschaft, eine Erwerbsgesellschaft, die nach Art sonstiger kolonialer Pilanzungsgesellschaften jüdisches Kapital der palästinensischen Landwirtschaft in Form des Großbetriebes zuführen will, und 4. der Pflanzungsverein „Palästina", der das talmudische Gebot, daß jeder Jude im Lande Israel mindestens vier Quadratellen Grundeigentum besitzen soll, dadurch zu verwirklichen strebt, daß jedes Mitglied für seinen einmaligen oder ratenweise aufzubringenden Beitrag von 80 Mark (100 Franks, 100 Kronen, 20 $, 25* £) in Palästina auf Lebenszeit einen kleinen Fruchtgarten erhält, aus dessen Erträgen in Gestalt von Oliven, Mandeln, Rosinen, Wein etc. jährlich eine Palästinagabe dem Besitzer eingesandt wird. Obgleich die Aufgabe der Geulah bisher keine leichte war, da es vorläufig nur wenige Käufer größerer Ländereien in Palästina gibt, trotz des kolossalen Spekulationswertes, den das dortige Land infolge der rapiden Ausdehnung der Pflanzungen momentan besitzt, so hat diese Gesellschaft bisher doch in befriedigender Weise gearbeitet, indem sie fast alles Land, das sie gekauft, auch wieder verkauft hat. Der Pflanzungsverein „Palästina" ist eine philanthropische Institution mit sehr großer Zukunft, da sich speziell die Rabbiner und auch christliche Freunde des Zionismus dafür interessieren, sowie die meisten Juden, auch wenn sie keine Zionisten sind. Ohne irgendwelche erhebliche Agitation hat der Verein schon in der kurzen Zeit seines Bestehens eine so große Summe aufgebracht, daß er in diesem Winter bereits mit den Pflanzungen beginnen kann. Die Pflanzergesellschaft „Agudath Nethaim" hingegen, zu deren Gründern unter anderen auch der Leiter der Filiale der Anglo Palestine Co. in Jerusalem, Herr Levy, gehört, ist unschätzbar für alle diejenigen, die nicht nominelles, sondern wirkliches und vererbbares Eigentum in Palästina zu erwerben wünschen, die in ratenweiser Bezahlung sich ein Stück Land sichern und bepflanzen lassen wollen, das ihnen ein sorgenloses Alter im Lande der Väter verschafft, sowie für solche, welche eine baldige Übersiedelung oder Hinsendung von Verwandten vorbereiten wollen. Die Palästina-Agrikultur-Gesellschaft ist hingegen berufen. neue Methoden des Ackerbaues einzuführen, neue Kulturen zu versuchen und neue ländliche Industrien zu beginnen, kurz alles das zu unternehmen, wofür wegen des Risikos eine kleine Wirtschaft nicht leistungsfähig genug ist. Da von den Anteilen jährlich nur die Hälfte eingefordert werden soll, also von dem Minimalanteil von 500 Mark jährlich nur 250 Mark, so ist auch weniger Bemittelten die Möglichkeit gegeben, ihr Scherflein beizutragen zu einer Arbeit, die wahrscheinlich nicht nur dem Lande Nutzen bringen wird, sondern auch dem Besitzer der Aktien eine gute Verzinsung des hineingesteckten Kapitals in Aussicht stellt. Zwar verspricht sich manch einer nichts von großkapitalistischen landwirtschaftlichen Unternehmungen in Palästina, und es ist unbedingt zuzugeben, daß in gleicher Weise über genügende Geldsummen verfügende Genossenschaften von Kleinbesitzern wohl noch bessere Aussichten haben werden; aber vorläufig ist diese Methode leider noch nicht erprobt, weder in Palästina noch bei uns, und so wichtig auch der bevorstehende Versuch eines genossenschaftlichen Gutes sein mag, vorläufig, das heißt, bevor der Beweis des Gelingens geführt ist, werden wir kaum darauf rechnen können, viel Kapitalisten hierfür heranzuziehen. Rein kapitalistisch geleitete koloniale Agrikulturgesellschaften werden hingegen jedes Jahr massenhaft gegründet, sowohl in England, als auch in Deutschland und Amerika, und warum sollten so hochrentable Kulturen, wie Orangen, Mandeln, Oliven (abgesehen von der Viehzucht) bei noch relativ so billigen Arbeitslöhnen und Bodenpreisen wie in Palästina nicht ebenso gute Aussichten haben, wie Kakao, Tee, Sisalhanf, Kautschuk in den Tropen? Mag auch eine Kapitalverzinsung von 8 bis 12 Prozent den Kleinbauern in Palästina keine Existenzmöglichkeit gewähren, der in Europa und Amerika lebende Kapitalist wird damit ganz .zufrieden sein können. Ich meine also, die Tatsache, daß der kleine Mann billiger und rentabler zu wirtschaften versteht als eine große Gesellschaft, ist kein Grund, letztere nicht zu gründen, zumal die Erfahrung überall gelehrt hat, daß dasjenige Land landwirtschaftlich am schnellsten voranschreitet, wo innerhalb eines Landes von kleinbauerlichen Siedelungen vereinzelt kapitalkräftige Großgrundbesitze eingesprengt sind. Trotzdem durch diese Institutionen wenigstens ein Grundstock für die Weiterentwicklung der jüdischen Landwirtschaft gelegt worden ist, fehlt doch das Wichtigste, das ist der billige ländliche Kredit, und zwar in Gestalt des Bodenkredites und des Gebäudekredites. Der Grundstock zu letzterem soll demnächst gelegt werden in Gestalt einer Palästina-Heimstätteiigenossenschaft, die sich das Ziel setzt, jüdischen Landwirten, und zwar besonders den landwirtschaftlichen Arbeitern die Möglichkeit zu gewähren, sich an dem Orte ihrer Tätigkeit ein eigenes Heim zu begründen. Sie sollen ein Haus und möglichst auch zirka fünf Dunam Gemiiselahd im Gesamtwerte von 1500 bis 3000 Franks erhalten, das sie spätestens in 15 bis 20 Jahren durch jährliche Abzahlungen in ihr Eigentum verwandeln. Da die Häuser bis zur völligen Abzahlung Eigentum der Genossenschaft bleiben und die Kolonieverwaltungen sehr gern die Aufsicht über die Häuser und die Einziehung der Abzahlungen übernehmen werden, so sind Verluste kaum zu befürchten. Die auf 100 Franks oder Mark festgesetzte Beteiligungssumme wird es auch minder bemittelten Gesinnungsgenossen ermöglichen, in die Genossenschaft einzutreten. Diese Heimstättengesellschaft wird für die Konsolidierung der Kolonisation von hervorragender Bedeutung werden, da es gerade die Unmöglichkeit ist, ein eigenes Heim zu begründen, welche so viele Arbeiter wieder aus Palästina heraustreibt, zumal die exorbitanten Wohnungsmieten in den Dörfern den schon an sich kärglichen Verdienst der landwirtschaftlichen Arbeiter über das erträgliche Maß hinaus schmälern. Weit schwieriger wird die Schaffung einer Bodenkreditinstitution sein, und doch ist eine schnelle Ausdehnung der Kolonisation ohne eine solche undenkbar. Nicht nur würden wir viele Tausende an Ackerbau gewöhnte Juden aus Südrußland in Palästina installieren können, wenn wir über die nötigen Fonds verfügten und die nötigen rechtlichen Grundlagen geschaffen hätten, um ihnen auf langsame Amortisation und mit niedrigem Zinsfuß fertige Siedlungsplätze zur Verfügung zu stellen, sondern fast sämtliche älteren Kolonisten würden Hypotheken auf ihre bisherigen Ländereien, Häuser und Pflanzungen aufnehmen und mit den so erlangten Geldern neue Ankäufe machen und neue Pflanzungen anlegen. Die Deutschen in Palästina haben uns glänzende Beispiele gegeben, wie durch Gewährung eines billigen und langfristigen Bodenkredits die jüngeren Söhne der bisherigen Kolonisten zur Begründung neuer Kolonien in Palästina veranlaßt werden können, während in Ermangelung eines solchen Kredits die jüdischen Kolonistensöhne größtenteils Palästina zu verlassen gezwungen sind. Die Begründung der deutschen Kolonie Wilhelma-Ramidie im Jahre 1903 ist ein Verdienst der Gesellschaft zur Förderung der deutschen Ansiedlungen in Palästina mit beschränkter Haftung in Stuttgart, welche trotz ihres geringen, jetzt ca. 250000Mark betragenden Kapitals dieses schöne Werk einzig und allein durch Belehnung des Bodens zu humanen Bedingungen zustande gebracht hat. Es ist kein Grund vorhanden, warum nicht jüdischerseits dasselbe erreichbar sein sollte, wenn wir erst über Kapital verfügen werden, das nicht wie der Nationalfonds von der Aureole des „heiligen Besitzes des jüdischen Volkes" umgeben und nicht, wie letzterer, durch starke, von Mißtrauen geborene hemmende Schranken eingekeilt ist. Die Bildung eines Agrarfonds ist also das Alpha und Omega jedes landwirtschaftlichei/Fortschrittes in Palästina. Daher ist unsere wichtigste Forderung, daß die Hälfte des als Ergänzung des Nationalfonds zu bildenden Palästina-Zentralfonds einem Agrarfonds zufließen soll, wenigstens bis letzterer die Höhe von einer Million Mark erreicht haben wird. Ich zweifle nicht daran, daß die Verwaltungsbehörde des Nationalfonds veranlaßt werden kann, dem Agrarfonds ein Darlehen in der Höhe des letzteren einzuräumen, so daß der Agrarfonds, wenn er hoffentlich schon innerhalb des nächsten Jahres eine Höhe von 50000 Mark erreicht haben wird, mit 100000 Mark die Arbeiten zu beginnen vermag. Auch ein Teil des wirtschaftlichen Palästinafonds, wofür ich ein Viertel des Palästina-Zentralfonds zu bestimmen vorschlage, wird unbedingt den jüdischen Dörfern zugute kommen müssen, sei es durch Einrichtung von Volksküchen, sei es durch Begründung von Wasserleitungen, sei es durch Verbesserung von Transportwegen oder durch Bildung von Pachtgenossenschaften für die Zehntensteuer. Ebenso wircf gewiß ein Teil des letzten Viertels des Zentralfonds, der den Palästina-Kulturfonds bildet, für die ländlichen Siedlungen verwandt werden, sei es durch Unterstützung der Schulen