Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DIE^ELT No. 27 Aktion, eine Gesamtorganisation der österreichischen Judenschaft zu schaffen, an der sich auch die Bnei Brith, die Allianz, der Gemeindebund, der Galizische Hilfsverein und der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde beteiligten. Diese Arbeiten haben während der Wahlzeit pausiert und werden im Herbste weitergeführt werden. Die Wahlrechtsaktion und die Wahlbewegung selbst gaben dem Referenten reichlich Gelegenheit, in der Regierung und höchsten Verwaltungskreisen die richtige Information über den Zionismus zu bieten. Dort waren Zionismus und starrste rückschrittliche Orthodoxie synonyme Begriffe. Das sei nunmehr anders. Der Minister Bylandt-Reidt erklärte dem Redner, er freue sich, endlich über den Zionismus richtig informiert zu werden. Er müsse gestehen, daß er diese Bewegung ganz falsch verstanden habe. Er anerkenne sie nun als eine vollkommen moderne und bringe ihr seine aufrichtigste Sympathie entgegen. Der Minister versprach auch dem Redner, in allen kommenden, die Judenschaft betreffenden Fragen die Fühlung mit der jüdischen Öffentlichkeit nicht mehr durch die Kultusgemeinden zu suchen, die vermöge ihres veralteten Wahlmodus nicht als die wirklichen Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit anzuerkennen sind, sondern durch die zionistische Organisation zu nehmen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wenn es auch nicht in Österreich usuell sei, daß Versprechungen gewesener Regierungen von den kommenden immer eskomptiert werden, so besitze die zionistische Organisation nunmehr durch den „Jüdischen Club" im Parlamente die Möglichkeit, die Regierung an dem richtigen Fälligkeitstermine an die Einlösung ihrer Versprechungen zu mahnen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Referent widmet den nächsten Teil seiner Ausführungen der zionistischen Presse in Österreich. Es sei ein erfreuliches Zeichen des Wachstums unserer Bewegung, daß in den letzten 2 Jahren eine ganze Reihe von zionistischen Zeitungen entstanden sei und daß sich das „Jüdische Tagblatt" und der „Wschtfd" in Lemberg in ganz erfreulicher Weise entwickelt haben, ohne daß seitens der Zentralleitung irgendwelche Unterstützungen gegeben worden seien. Aber im Sinne eines wirklich gut ausgestatteten, finanziell gesicherten Zentralorganes der zionistischen Bewegung sei es gelegen, daß alle Kräfte zur Herausgabe dieses Zentralorganes verwendet werden. Redner erwähnt auch die Gründung des Preßbureaus, das die Informationen der allgemeinen österreichischen Presse besorge. (Lebhafter Beifall.) Auch seien Bemühungen im Gange, ein zionistisches Tagblatt zu schaffen. Das Landeskomitee wird demnächst durch eine Abonnementssubskription versuchen, die Basis für ein solches Unternehmen zu schaffen. (Lebh. Beifall.) Ob aber das Unternehmen zustande komme, das hänge nicht allein vom Landeskomitee, sondern vornehmlich von der Opferwilligkeit der Gesamtorganisation ab. Hinsichtlich der Organisationsfragen ist es dem Landeskomitee gelungen, unerwünschten Interventionen entgegenzutreten. Die Landesorganisationen sind nach Tradition und nach Statut autonom. (Lebh. Beifall.) Einzelnen Mitgliedern des großen A. C. gebührt kein Aufsichtsrecht über die Landesorganisation, es sei denn, daß sie zu deren Leitung berufen sind. (Lebhafter Beifall.) Was die Frage der poalezionistischen Organisation betrifft, so kann gewiß nicht geleugnet werden, daß die Gruppierung der zionistischen Organisation nach territorialen Einheiten, Landsmannschaften genannt, nicht das Ideal einer Organisationsform bedeuten könne; aber solange der Kongreß nur die Föderationen kennt, und keine wirtschaftliche Differenzierung existiert, solange müsse das Landeskomitee dafür sorgen, daß eine andere wirtschaftliche Organisation nicht auf Kosten der ersten Föderation ausgebaut werden könne. Die Poale Zion haben sich in der Praxis nicht als Gegner oder gar als Konkurrenten erwiesen. Die Gegensätze der Meinungen stießen zumeist nur in theoretischen Diskussionen aufeinander; in Wirklichkeit gingen die Poale Zion immer Schulter an Schulter mit den bürgerlichen Zionisten; deswegen war es dem Landeskomitee eine Ehre, die Poale Zion-Organisation zum heutigen Parteitag einladen zu können. Das Landeskomitee wünscht vom Parteitage zu Verhandlungen autorisiert zu werden und hofft bald eine friedliche Verständigung erzielen zu können. (Lebhafter Beifall.) Dr. Schalit gab zum Schlüsse eine Übersicht über die Wahlrechtsbewegung und die Reichsratswahlen. Es wäre ein schwerer Fehler gewesen, die Vertretung jüdischer Interessen fremden Händen zu übergeben. Der Grundsatz, in politischen Fragen Passivität zu wahren, konnte nur für eine Zeit gelten, wo die Gefahr vorhanden war, daß eine allgemeine Zusammenfassung der Juden auf zionistischer Basis durch die politische Organisation der Juden durchkreuzt werde. Überdies habe es sich früher nie um so wichtige Angelegenheiten gehandelt wie während der Wahlrechtsbewegung und der Reichsratswahlen. In diesem Augenblicke passiv zu bleiben, wäre eine große Unterlassungssünde gewesen. Das Landeskomitee ist stolz und glücklich, ein Blatt der jüdischen Geschichte mit einer bedeutsamen und gutzionistischen Arbeit ausgefüllt zu haben. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Zum Rechenschaftsbericht ergreift Dr. Syrup das Wort. Redner kritisiert die Großzügigkeit des Rechenschaftsberichtes, der nicht in die Details übergehe. Er bemängelt, daß kein geeigneter Kassenbericht vorliegt. Als eine Hauptaufgabe bezeichnete er für die Zukunft die Gründung einer polnischen Zeitung, und zwar um so mehr, als der Schwerpunkt der Tätigkeit nun nach Galizien verlegt werden muß, wo die Mehrheit der österreichischen Juden wohnt. Die ganze galizische Presse informiert teilweise aus Böswilligkeit, teilweise aus Unwissenheit die Bevölkerung falsch über den Zionismus. Dr. Syrup empfiehlt für diese Angelegenheit eine Kornmission. Dr. Blum übt ebenfalls am Rechenschaftsbericht Kritik aus und führt aus, daß ohne schriftliches Zahlenmaterial eine wirkliche Beurteilung der Verhältnisse unmöglich sei. Dr. Isid. Marguli es kritisiert es, daß das Landeskomitee Blätter in Galizien unterstützt. Dr. Schalit führt als Antwort auf diese Kritik aus, daß die Finanzangelegenheiten vor Amtsantritt des Landeskomitees so schlecht standen, daß er und einige seiner Freunde sich nur aus Pflichtgefühl entschlossen hätten, Mandate im Landeskomitee zu übernehmen. Das frühere Landeskomitee hat ein Defizit auf allen Gebieten hinterlassen, und es hätte außerordentliche Mühe und Aufwendungen gekostet, diese Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Hierauf wurde dem abtretenden Landeskomitee das Absolutorium erteilt und zur Beratung über den 2. Punkt: Organisation geschritten. Über diesen Punkt referierte Herr Dr. Isidor Margulies. Gegen das ursprüngliche Organisationselaborat des innerösterreichischen Distriktskomitees erhob sich eine starke Opposition, insbesondere gegen die Forderung eines selbständigen galizischen Zentralbureaus. Es wurde daher eine Kommission, bestehend aus den Mitgliedern der verschiedenen Distrikte, gewählt, welcher die Umarbeitung des Statuts übertragen wurde. Nach Beendigung ihrer Beratungen erstattete Dr. Isidor Margulies Bericht. Erlegte dem Parteitage die nun modifizierten Thesen vor: I. Das Landeskomitee besteht aus 12 —15 Mitgliedern und wird vom ordentlichen Zionistentag mit Funktionsdauer bis zum nächsten Zionistentag unter tunlichster Berücksichtigung des Vorschlages der Distriktsdelegierten gewählt. Der Zionistentag wählt auch den Präsidenten des L. K. Das L. K. hat seinen Sitz am Wohnsitze des Präsidenten; daselbst müssen auch zwei Mitglieder des L. K. domizilieren. II. Das L. K. bestellt zur Besorgung seiner administrativen Agenden ein Zentralbureau, und nach Bedarf ein solches in Galizien, dessen Vorstand je ein in Wien beziehungsweise am Orte des galizischen Bureaus wohnhaftes Mitglied des L.K. sein soll. Die Zentralbureaus erledigen, den prinzipiellen Weisungen des L. K. entsprechend, dessen administrative Agenden. III. Zur Bestreitung der Kosten der gemeinschaftlichen Organe der Landesorganisation behält das L. K, 40 % der Schekel. Erste Nachmittagssitzung Die Nachmittagsverhandlungen bewegten sich vorwiegend um die von der Kommission ausgearbeiteten Thesen, die neue Organisation betreffend, und insbesondere um den bekannten § 2 sowie die Neuwahl des Landeskomitees. Nachdem Dr. Isidor Margulies die früher erwähnten Thesen begründet, ging man zur Diskussion über. Dr. Reich forderte, man möge es den Galizianern überlassen, auf galizischen Parteitagen die galizische Organisationsfrage zu erledigen. Er tritt für ein polnisches Tageblatt ein und wünscht ein möglichstes Entgegenkommen gegenüber den Poale-Zion. Dr. Kadisch erklärte sich wohl für die möglichste Autonomie des Distriktes, die aber zur Voraussetzung hat, daß in den Distrikten faktisch gearbeitet werde. Eine Organisation erfülle aber nur dann ihre Aufgaben, wenn sie den Bedürfnissen des Landes und ihrer Bewohner vollkommen entspricht und in der Agitation sich von wirklich modernen Grundsätzen leiten läßt. Das mährische Distriktskomitee aber habe leider sowohl während der Reichsratswie Landtagswahlen keineswegs die ihm durch die eigentümliche Lage der mährischen Juden zufallende Aufgabe erfüllt. Aber auch in den rein zionistischen Fragen habe man die gründliche Aufklärung der jüdischen Massen sowohl in Mähren als auch in Schlesien unterlassen, wovon sich der Redner während seiner fünfwöchentlichen, vorjährigen Agitationstour in 35 Versammlungen Mährens und Schlesiens überzeugt habe. Gewiß sind nicht einzelne Personen daran schuld; Tatsache aber sei, daß die Agitation in Mähren und Schlesien vorwiegend eine studentische gewesen und daß die Mehrzahl mährisch-schlesischer Studenten in Wien studiere. Daher tritt der Redner im Einverständnis mit dem inner-