Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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•No. 27 - blE$ Und sie schleichen leise um dieses Gemach, als ob sie fürchteten, das Stillschweigen zu stören. Und die Diplomaten, Botschafter schreiten ehrfurchtsvoll, gar finster dreinschauend. Auf ihren Gesichtern malt sich das Staatsgeheimnis, verschmolzen mit dem Mysteriuni des Glaubens. Und hier inmitten steht ein fremder Mann in schwarzem Gewand. Und zwei verträumte große Augen richten sich auf den Kirchenfürsten und begegnen zwei milden Augen, die gewohnt sind, zu segnen. Und der Mund, der uns allen bekannte, erzählte es, wie ein altes unglückliches Volk nach seinem ^Lande sich sehnt. Und seine erbitterte Seele ergie!3t sich, die Seele eines alten unglücklichen Volkes. So steht und spricht der kühne Mann. * * Und mein Blick begleitet ihn, wie er hineingeht und wie er zurückkehrt. Die Nacht hüllt Rom in ihr Dunkel. Man hört kein Glockengeläute mehr, man hört nicht das näselnde Gespräch der flüsternden Priester, nichts außer dem Hymnus, den die Sterne der Unendlichkeit singen. Alles schläft, —- der alte Fluß liegt bewegungslos zwischen seinen Steinufern. Aus der Ferne ziehen Nebel her. Und auf die Zürnen der Türme, auf die Kuppeln der Dächer steigt ein Schweigen nieder, süß wie der Schlaf eines Müden. Und der einsame Mann schreitet in der Nacht. Er hat Paläste und Schlösser hinter sich gelassen. Nur hie und da flimmern noch Lichter. Er begibt sich zur Ruhe, aber der Schlaf weicht seinen Augen aus. Die Toten steigen aus ihren Grüften, eine unabsehbare Menge, lausende von schreckhaften Gespenstern. KELT — ■ . - 9 Die mit der ersten Austreibung gekommen sind und die die Menorah dem Feinde übergeben mußten. Und die mit Philo aus Alexandrien zu Caiigula gekommen sind, um ihr Volk zu verteidigen. Und die von Hadrianus aus dem zerstörten Jeruscholajim die Klage der Besiegten dem Spotte des Siegers als Opfer getragen haben. Und die wie die Löwen gekämpft haben um Bethar und wie die Lämmer hierher geschleppt wurden. Und die geschmäht und mißhandelt und zertreten wie der Straßenkot, und deren Gebeine im Todestal namenlos zerstreut worden sind. Und aus den unterirdischen Tiefen, aus den Katakomben steigen die hellenisierten Verräter, die sich fremde Namen beigelegt haben und mit fremden Zungen sprechen. Und doch helfen ihnen die Kunststücke nicht, denn bis auf den heutigen Tag heißen die Katakomben die jüdischen Gräber. Und aus dem tiefen Abgrund des Tiber steigen die Ertränkten mit den Musikinstrumenten Jeruscholajims. Und die Musikinstrumente Jeruscholajims stimmen ein schreckliches Lied an. Und aus dem Staube steigen die dürren Gebeine, die Gebeine ider Boten der Gemeinden des Mittelalters, die hierher gekommen sind, um Erbarmen zu flehen. Und die im Todesschlaf Verstummten öffnen ihren Mund und beginnen mit dem einsamen Mann zu sprechen. Und ihre Stimme ist wie das Wimmern eines Sturms, der unter entblätterten traurigen Bäumen des Friedhofs klagt. Und große Skelette reichen ihm die Hände: Du bist unser Bruder! Du bist unser Bruder! Und ein anmutiger, tröstender Cherub kam und verhüllte die Schatten und küßte die Augenlider des einsamen Mannes. Aber sein Herz wacht und schaut die Rückkehr des Volkes nach seinem Lande. Ach, wann kommt der Morgen? SPEZIALBERICHT UBER DEN 5. OSTERREICHISCHEN ZIONISTENTAG Am 30. Juni und 1. Juli fand in Bielitz in den Lokalitäten der Schießstätte die diesjährige Jahreskonferenz der österreichischen Zionisten statt. Der Konferenz, die von 68 Delegierten besucht war, ging am 29. ein Begrüßungsabend der Delegierten im Gebäude der jüdischen Kultusgemeinde voraus, der einen sehr animierten Verlauf nahm. Dr. Blum begrüßte die Anwesenden, besonders die Reichsratsabgeordneten Stand und Dr. Gabel, ferner den Präsidenten des Landeskomitees Dr. Schalit und die Vertreter der Bielitzer Kultusgemeinde, feierte den Sreg der Zionisten bei den Bielitzer Kultuswahlen, sprach seine besondere Freude über die Wahl von 4 zionistischen Reichsratsabgeordneten aus und schloß mit dem Wunsche einer gedeihlichen Arbeit des Zionistentages. Hierauf führte Dr. E. Margulies (Trauttenau) aus, daß der Parteitag in einem historischen Momente zusammengekommen sei. In zwei Tagen jährt sich wieder der Todestag Theodor Herzls. Seinem großen Namen und seinen Leistungen widmete der Redner tiefempfundene Worte. * :t= 1. Verhandlungstag Sonntag um 10 Uhr vormittags begannen die Beratungen des ersten Tages. Dr. Blum begrüßte die Delegierten, darunter den Vertreter der deutschen zionistischen Organisation Dr. Stahl. Hierauf wurde zur Wahl des Bureaus geschritten und Dr. Salz zum Präsidenten, Dr. Kornhäuser zum I.Vizepräsidenten, Herr Torczyne r zum IL Vizepräsidenten, und zu Schriftführern: H. Geller, H. Steiner, H. Low und Frl. Bierer gewählt. Sodann erteilte Dr. Salz dem Obmann des L. K. Dr. Schalit das Wort zum Rechenschaftsberichte. Dr. Schalit führt nach nochmaliger Begrüßung des Zionistentages und nach Würdigung der Parteitage für die gesamte Bewegung aus, daß der diesmalige Bericht des Landeskomitees sich von den früheren Rechenschaftsberichten wesentlich unterscheide, da der Funktionskreis des Landeskomitees auf dem letzten Prager Parteitage durch die Ausgestaltung der vollkommensten Autonomie der einzelnen Distriktskomitees arg beschränkt wurde. Dem L. K. seien nur wesentlich Bureauagenden überlassen worden. Das L. K. aber konnte sich auf die Erledigung der Bureauagenden aliein nicht beschränken. Es hat seinen Pflichtenkreis weit über den Rahmen des Organisationsentwurfes gezogen. Und nicht allein als Bureau der österreichischen Bewegung, sondern wie es dem Amt, das es ausfüllen soll, ziemt, als wirkliche Leitung der Partei. Redner widmet diesem Teil vornehmlich seine Ausführungen. Er gedenkt der Anteilnahme der Österreichischen zionistischen Organisation an der Protestbewegung gegen die russischen Greuel. Vom L. K. sei auch die Parole ausgegangen, die Judenfrage als eine Frage, die Europa angehen muß, auf die Tagesordnung der Haager Friedenskonferenz zu bringen. Das L. K. habe diesen Gedanken mit zäher Ausdauer durch die ganze Amtstätigkeit verfolgt. In diesem Sinne ist auch die Intervention des Abgeordneten Strauch er in den österreichischen Delegationen erfolgt. Das L. K. hatte auch Gelegenheit, seine Anregung in mehreren Versammlungen zum Ausdrucke zu bringen, und habe viel Zustimmung in Amerika und England gefunden. Wenn auch nun nichts mehr von den Bemühungen zu hören ist, in Haag eine jüdische Ausstellung zu veranstalten, so sei doch nicht die Hoffnung aufzugeben, daß in Haag demnächst eine tabellarische Übersicht über die Siedlungs- und Erwerbsverhältnisse des jüdischen Volkes und eine ziffernmäßige Darstellung der Judenverfolgungen im 16. Jahrhundert gegeben werden wird. Das Landeskomitee hat sich ferner bemüht, dem zionistischen Gedanken auch derzeit feindliche Organisationen näherzubringen: es hat daher keine Gelegenheit versäumt, die Möglichkeit einer gemeinsamen Aussprache zu schaffen; in diesem Sinne nahm das Landekomitee Anteil an der