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Die Welt · 1907-07-05 · 27 (5.7.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
27 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ihm ein Kapitel von dem Elend der Unterdrückung und der Schande. Und ein Kapitel von der Hilfe und der möglichen Erlösung. Ein Mann, dessen Name nicht irn Gothaschen Almanach verzeichnet ist und der auch für die Börse keinen Wert darstellt, ein Mann, der, wenn er einen Orden besitzt, ihn sehr tief bewahrt, damit ihn niemand sehe. Und wenn er einige Gulden besitzt, so gibt er sie gern für den Zweck aus, den er als den seines Lebens betrachtet. Er kommt von einem Volke, das wie ein armer Baum sich gegen den Boden krümmt, daß die Ziegen darüber hüpfen, von einem Volke, an dem jeder seine schmutzigen Hände abwischen kann. Er kommt aus einer Welt voll Drangsal und Erbitterung, voll gequälter und sich selbst quälender Menschen, die einander mit Wolfshunger und Fuchsschlauheit verschlingen möchten. Und die Kraft, die er besitzt, und seine Legitimation? Vereine haben ihn gewählt! Welche Vereine, und was besitzen sie? Welchen Kredit haben sie bei Krupp? Und in welchen Beziehungen stehen sie zu den Regierungen? Eine Pickelhaube könnte sie auseinanderjagen und ein reicher Mann ihr ganzes Vermögen aufkaufen. Und ihre Autorität in ihrem eigenen Volke? Der Qwir Jankele, der sich Jan Pimpernuter nennt, speit dreimal aus bei der Erwähnung dieser häßlichen Geschichte. Pimpernuter empfindet einfach einen Ekel. „Jüdele Parch", sagt er im Zorn und Hochmut, „will sich einen eigenen Staat leisten." Er vergißt dabei, daß er selbst ein „Jüdele Parch" ist und daß deswegen die Strahlen der Freiheit nicht durch seine harte Schädeldecke hindurch können. Irgendein Wiener Doktorchen verdreht die Köpfe mit einer dummen Geschichte, an die ein vernünftiger Mensch nicht glauben kann! Und er, Pan Jan Pimpernuter, denkt sich, daß sein Lakai ihm meldet: „Ein Herr wartet im Vorzimmer und bittet, daß der gnädige Herr ihn empfange." „Sag ihm, daß ich keine Zeit habe, ihn zu empfangen." Freilich, es sind doch einige Vereine da, — denkt er weiter nachdem er den Zudringlichen abgefertigt hat: Aber, wer sind diese Vereine: Plebs! Pöbelpack! Wer wird sich mit dem einlassen! Wer kennt sie, und was für Bedeutung haben sie in der Welt? .... Und im Namen dieser Plebs kommt ein Mann nach Rom und stellt sich Viktor Emanuel IL vor. Und ich erinnere mich, daß man in Paris die Minuten an dem Chronometer gezählt hat: Fünf Minuten sprach Viktor Emanuel mit Waldeck, zehn Minuten mit Combes und mit Delcasse vielleicht eine halbe Stunde! Und in den Mauern des Quirinais hörte man stundenlang einen Vortrag dieses Juden. Ein Vortrag und ein Gedankenaustausch zwischen diesem Juden und dem Herrscher Italiens. Das Echo des ewigen Weinens, unsere Seufzer, die im Geräusch der Welt sich verlieren, das Stöhnen der kranken und leidenden Seelen wurde in den prächt- und lichtvollen Räumen des Quirinais hörbar. Mein Blick begleitet den Mann über den Pincio-Hügel hinweg, den Korso hindurch, die Brücke hinüber bis zu der Piazza S. Pietro, und von dort bis zum Vatikan hinauf. Der Jude geht hinüber aus dem offiziellen Italien nach dem kirchlichen. Kurz darauf stehen einander zwei Männer gegenüber, der Mann, in dem die geistige Kraft der katholischen Welt konzentriert ist, und der Mann aus dem armen Wandervolke. Hundert leere Lebensjahre für einen so inhaltsreichen Augenblick! Der Augenblick ist so schön, daß ich fürchte, durch die Schilderung ihm seine Feinheit zu nehmen. Und ich fürchte, daß jemand sagen wird: „Das Doktorchen ging den „Obergalach" aufsuchen, daß er uns Erez Israel geben soll." Oder daß man sagen wird: Ein Mann kam aus Wien und bat umeine Audienz, die man ihm gewährte. Er bat und man konnte ihm nicht abschlagen. Das wird die Phantasie eines Rohgerbers sein, die Auffassung eines Fuhrmanns, der Witz eines Melameds. Nicht ein Mann stand einem Manne gegenüber, sondern eine Tradition einer Tradition. Ich darf wohl sagen: Eine Welt einer Welt! Siehe: die Schtadlonim gingen zum Papst oder wollten schon sehr lange zu ihm gehen. Ich möchte den Unterschied darlegen. Moses Montefiore ging zu Pius IX. wegen der Mortara-Angelegenheit. Aber er gelangte nicht bis vor Pius. Er besuchte nur den Sekretär. Vor kurzem lasen wir die Memoiren eines Diplomaten. Die Geschichte ereignete sich während des Tisza-Eszlar-Prozesses. Die große millionenreiche Rothschild-Familie vernachlässigt ihre Pflichten den Juden gegenüber nicht. Sie wollte etwas unternehmen. Sie, die seit Generationen Wappen und Beziehungen zum Adel besitzt, die sich mit Fürstenfamilien verschwägert hat, und die die Börsen und die Regierungsanleihen beherrscht, — als sie dem Papste etwas zugunsten der Juden nahelegen wollte, wählte sie zu diesem Zwecke den englischen Ambassadeur in Wien, damit er mit dem päpstlichen Nuntius in Wien spreche, damit dieser mit dem päpstlichen Sekretär in Rom spreche, damit letzterer Leo XIII. Vorstellungen mache. Und einer von dieser Kette hat nicht Wort gehalten, und es ist wahrscheinlich, daß Leo XIII. keine Ahnung davon hatte, was man von ihm verlangte und um was diese große Familie zu bitten beabsichtigte. Und hier kam ein Mann, der ging vom Quirinal nach dem Vatikan und sagte, was das Volk verlangt, nicht durch die Blume und nicht durch Vermittler. Und die Wände des Vatikans hören das neue Wort und erbeben vor Verwunderung. Denn schon viele Worte haben diese Wände gehört, — aber ein solches noch nie. Und das Wort ist so einfach, daß es rätselhaft erscheint, dal.; man es bis heute nicht gehört hat. Von ringsum steigen Gebete in allen Sprachen aus den Kapellen von St. Peter, die für verschiedene Nationen besimmt sind, zum Himmel. Und die Rauchwolken wölben sich und bohren sich wie Schraubengewinde in die Luft. Und dicke Wachskerzen brennen. Und ein blutrotes Lichi ergießt sich wie ein Purpurstrom über die Bilder. Und die Altarflammen glänzen in den dunklen Hallen. Und die Aureolenkronen der Heiligenbilder funkeln geheimnisvoll. Und die Flammen vor den Heiligenschreinen, deren goldene Kreuze vom Nebel umwogt sind, verbreiten einen gelben Schein über die marmorweißen Statuen. Und die wehmutsvollen Gesänge fließen leise. Zuweilen ein jubelndes Entzücken, zuweilen ein schmerzliches Sehnen. Und die Orgeltöne begleiten machtvoll die Gebete der frommen Gottesstreiter. Und Kirchenglocken klingen. Und Volksmengen knieen nieder, und tausende von Herzen zerfließen im Gebet, und die Seelen erheben sich im Glaubensschwunge zu ihrem Gott. Und in den Kirchen wallen Scharen von Gläubigen wie die Wellen, und der Purpur der Kirchenwürdenträger sticht funkelnd ab von der roten Livree der Garde. Und die Herzen und die Augen richten sich gegen das verschlossene Gemach, wo der Stellvertreter Petri thront.

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