Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Tramway wagen bleiben auf eine Entfernung respektvoll stehen. Die leichten, schmutzigen Droschken mit ihren lustigen Kutschern, die gewitzigten Diebe, die einem das Weiße vom Auge herausstehlen können, rhetorisch so gewandt, daß ihr Redestrom wie ein unerschöpflicher Wasserfall sprudelt, jeder ein Archäologe, der in seiner Vielwisserei die größten Altertumsforscher überbieten könnte, — dieses ganze geräuschvolle Treiben bricht sich hier und kommt zum Stillstand. Es ist, als hätten wir vor einem Tisch gestanden, der in größter Unordnung war: Reste von Speisen, Abfälle, verschüttete Getränke, zerbrochenes Geschirr — und da kommt die Hausfrau, räumt all das mit einer großen Bewegung fort und breitet eine weiße Tischdecke aus. Diese weiße Tischdecke heißt Piazza di S. Pietro. Und dort steht die Peterskirche, das Beth - Harnikdosch der katholischen Welt. Als Gebäude ist diese Kirche die Quintessenz der genialen Schöpfungen der größten Architekturkünstler vieler Jahrhunderte. Es ist auch zugleich ein Museum der Museen, riesig, an Schätzen reich wie das Meer an Tropfen. Die Maler, die Bildner der Schönheit, die Zedern des Kunstlibanons, deren Namen in uns eine Extase erweckt, die Bildhauer, die Werke geschaffen, aus denen das Leben und die Ideen spritzen und funkeln, so daß der Beobachter sich ganz niedergedrückt fühlt von der Macht des Genius. Die Meister, derentwegen, wenn durch einen außergewöhnlichen Zufall eines ihrer kleinsten Werke aufgefunden wird, ein Wettstreit der Museen entsteht, damit sie es erwerben, um derentwillen eine ganze Welt in Bewegung gesetzt wird, sie waren es, die diese Wände und Decken malten. Ich beobachte mit jüdischen Augen, was entstanden ist aus der wunderlichen Sache, die aus Palästina nach diesem Rom getragen worden ist, dem Rom der Cäsaren, der Legionen, der Heiden, nach dem welterobernden Emporium, und wie diese Sache, die aus Palästina und durch Palästinajuden hergetragen worden ist, die Heldenmacht, das Stahl der Legionenschwerter und das Eisen der stoischen Philosophen überwunden hat. Ohne Groll, ohne Fanatismus beobachte ich das nachdenklich, nachdenklich . . . Und ich fühle mich diesen-Dingen gegenüber gar nicht fremd, — im Gegenteil, ich fühle mich ihnen viel näher als Mr. Smith, der Nachkomme der Anglosachsen, der phlegmatische John Bull, der doch tatsächlich keine historischen Beziehungen zu all dem hat. Meine historischen Beziehungen aber sind doch voll ununterbrochener Tragödien, die sich gleich langen schwarzen Fluren hinziehen. Ach, dieser Tiber und diese Mauern! Könnten sie reden, sie würden uns vieles aus unserer Geschichte erzählen, worüber uns das Grauen fassen würde. Ich beobachte das alles ohne Grimm. Im Gegenteil: mit Stolz. Mit dem Bewußtsein, daß ich mit all diesem tief verwandt bin und daß wir viele gemeinschaftliche, ineinandergreifende und wieder einander widerstrebende Beziehungen haben. Wir haben Rechnungen, die schon erledigt, und solche, die noch zu erledigen sind. Und wir wollen, daß sie in redlicher Weise erledigt werden. . . Und von hier hochaufwärts, zur Seite der Kirche, steigt man eine Straße hinan, durch eine Allee, und man steigt bis zur Spitze eines Berges. Und an beiden Seiten der Straße und ihr gegenüber Bauten über Bauten, alte und neue, Paläste neben Palästen, geheiligte und profane, kleine Kirchen und Museen, wo die Pracht der Jahrhunderte angesammelt ist, — die Terrasse der geistigen Errungenschaften der Generationen von Gelehrten und Künstlern. Der Vatikan! „Rechts Raffael", „links Michael". Und die Bibliothek mit ihren Schätzen, Antiquitäten und Manuskripten! In einem Palast inmitten von Palästen, in einem der innersten Gemächer sitzt ein Mann, der als Heiliger gilt. Die Gläubigen behaupten, er sitze auf dem Stuhle Petri. Die Garde, über die er verfügt, könnte kaum einer preußischen Kompagnie Widerstand leisten. Und der Flotte einer Großmacht dritten Ranges könnte er auch nicht ein kleines Fischerboot entgegenstellen. Und doch beherrscht dieser Fürst Millionen in einer ganz eigentümlichen Art. Und es waren Zeiten, da diese Regierung die Welt wirklich beherrschte. Und andere Zeiten kamen, da sie wankte. Viele behaupten, sie sei auch jetzt schwach, andere sagen, sie sei noch sehr stark, — doch es läßt sich nicht bestreiten, daß das eine große geistige Regierung ist. Und als ich in der Raffael-Loggia an dem Fenster stand, zeigte man mir einen im weißen Gewand einhergehenden Greis, der, von einem Diener begleitet, im vatikanischen Garten spazierte. Die Touristengesellschaft und Mr. Smith unter ihnen stellten sich auf die Zehenspitzen, um den Greis zu beobachten. Nur ein Hügel ist der Vatikan, aber er dominiert über eine Welt. Ich steige von diesem Hügel hinab, vorbei an den rotgekleideten päpstlichen Garden und verlasse dieses Land, um nach dem neuen Italien zu gehen. Und der Konzentrationspunkt der Kraft des neuen Italien, des Italien Cavours, Garibaldis-und Viktor Emanuels, ist ein anderes Gebäude auf einem anderen Platze — mit dunkelgelben Kasernenmauern. Ein Gebäude, das uns zu verstehen gibt, daß es der Ort der Kraft und der Regierung ist. Der Quirinal! Hier erteilt man Gleichberechtigung. Hier ernennt man Juden zu Kriegs- und Finanzministern. Hier wurde Italien durch Macht geeint, oder, wie die Gläubigen sagen, der große Kirchenraub vollzogen. Auch dieses Gebäude beobachte ich, bewegt von vielen Gedanken. Noch vor ungefähr 40 Jahren sagten die ruhigen Cittadini in Rom, Neapel und Florenz, daß es purer Wahnsinn sei. Denn wie könnten sich die Toskaner mit den Bewohnern der Lombardei, der Norden mit dem Mezzo-Giorno vereinigen, da doch unter ihnen ein so gewaltiger Haß herrscht, da doch die Sitten und die Kulturstufen so verschieden sind und die Dialekte so auseinandergeraten, daß ein Venezianer einen Neapolitaner gar nicht verstehen kann? Und soll sie die Religion vereinigen? Ist doch die Religion so geschwächt und das Ketzertum so stark geworden! Und das Hauptunglück ist doch Rom, das doch für die Katholiken der ganzen Welt, für die Katholiken der verschiedensten Nationalitäten heilig ist. Und hat doch Rom seinen eigenen Kirchenstaat, der von den fremden Regierungen geschützt wird! Wieso also, wieso? Ich stehe und beobachte die gelben Mauern. Sie geben eine klare Antwort, wieso .... * * * Und wo ich als Tourist und wo ich als jüdischer Flaneur herumspazierte, wandelte auch ein anderer Jude. Er war weder Tourist noch von einer Cook-Gesellschaft, weder ein Künstler, der den Rompreis erhalten hat, noch ein Altertumsforscher undUrkundenwurm. Ein Mann, der eine politische Bewegung unter den Juden hervorgerufen hat. Und als er vor einigen Jahren seine ersten Worte sprach, sagten viele: Ja, es ist eine Bewegung — für die Lachrnuskeln. Die Pforten des Quirinais öffnen sich, und der Mann tritt ein. JEr steht und hält dem König einen Vortrag. Dem König, dessen großväterlicher Thron aus den Flammen einer Nationalbewegung hervorgegangen ist, einer ganz andern Nationalbewegung. Ein Mann aus einem armen, unterdrückten Volke steht vor dem Herrscher einer aufgeklärten und glücklichen Nation und erzählt