Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 — --' DIE^ELT - No. 27 AN DEN PFORTEN ROMS Gewidmet Theodor Herzl Von N. SOKOLOW Hellblau-durchsichtig, heiter und wonnig spannt sich der Himmel über eine dreischichtige Stadt. Drei Städte sind aufeinandergetürmt wie die Schichten der Erdperioden. In den Tiefen ist die altertümliche Stadt gebettet. Und darauf erhebt sich die mittelalterliche Großstadt. Aber auch sie ist bereits zum größten Teil verschüttet oder begraben. Und nun ragt aus den Ruinen die neue Residenz mit breiten Boulevards und fünf- und sechsstöckigen Häusern empor. Diese auf ein andergeschichteten Städte erstrecken sich nicht über eine flache Ebene, mehrere Hügel tragen sie, sieben an der Zahl, wie die landläufige Phrase lautet — doch die Ziffer ist nicht genau zu nehmen. Blickt man auf die Stadt aus der Vogeihöhe, so sieht man Steigungen und Senkungen. Das Terrain ist wie ein Meer, die Anhöhen sind wie Inseln, die aus der Flut hervorragen. Und die Hügel sind nicht von gleicher Gestalt. Jeder von ihnen hat seine Form. Der eine ist nach oben zugespitzt, eine natürliche Sternwarte, der andere sieht rund, behäbig aus: J'y suis . . . Der dritte rundet sich wie eine Kuppel, der vierte macht den Eindruck eines Dammes . . . Auf diesen Hügeln, an ihren Abhängen und in den Tälern ist die Stadt von vorgestern, von gestern und heute aufgebaut. Jede Epoche hat dem Gesamtbilde ihren Stempel aufgedrückt. Zuweilen ist auch irgend ein Überbleibsel des Altertums hineingewachsen in eine moderne Einrichtung, z. B. eine elektrische Tramway, und zwischendurch wieder gibt's ein Stück Mittelalter. Und doch schafft diese Verschiedenartigkeit keinen Wirrwarr. Zwei Dirigierende bringen in dieses polyphone Orchester eine wunderbare Harmonie: Die Natur und die Geschichte. Die Schönheit, die dort wie Tau vom Himmel fällt, paart und vereinigt, mildert und verschmilzt die Gegensätze. Die Geschichte, die dort in der Luft webt, flicht diese Fäden ineinander zu einem einzigen Teppich. Dieser Teppich heißt Rom. Auf dem Erdenrunde gibt es nicht viele Stellen, wo Geschichte den Raum ganz ausfüllt, wo man sie atmet und mit den Händen greift. Natürlich gehört unserem Jeruscholajim die erste Stelle. Auf einer der nächsten Stufen steht Rom. Nachrichten über diese Stadt sind grau und nebelhaft. Die auswendig gelernten Formeln und der Notizenkram — theoretischer Firlefanz. Hingehen muß man, man muß die Stadt sehen, um ihr Wesen zu begreifen. Denn jede historische Stadt hat ihr eigenes Wesen, ein Innerstes, das man mit Worten nicht schildern kann, wofür man vergebens nach einer Analogie suchen würde. Bin ich doch ein Schuljunge in der römischen Altertumskunde. Keine Ausgrabungen habe ich studiert, das bißchen Latein schier vergessen — aber ich erinnere mich genau, als ich zum erstenmal Rom besuchte, da rauschte und sang es in meinem Kopfe wie in einem Walde. Ich verkehrte im Hotel mit einem deutschen Professor. Er las die alten Inschriften wie ich das „Aschre". Ich war praktisch genug, die Bekanntschaft zu benutzen und von ihm manches zu lernen. Aber ich konnte ihm nicht antworten: Er war gesund wie ein junger Stier und aß ganze Berge von Makkaroni. Und Bier schlürfte er wie eine nach Wasser lechzende Sahara. Zwischen einem Zug und dem andern trug er mir lange Kapitel aus Roms Altertum vor. Doch ich hatte es endlich satt. Mit gepreßter Brust, gesenkten Blicken durchschritt ich den Titusbogen. Mein Herz war erfüllt von dem Schluchzen von Generationen. Der Professor begleitete mich. Was hat dieser Teutone eigentlich mit Titus zu schaffen. Doch ich , . . Und das Kolosseum. Für ihn ein Stichwort einer Enzyklopädie, meinetwegen ein Thema für eine Dissertation. Ich meine, er hat ja keinerlei seelische Beziehungen zu diesem Stück Altertum. Doch ich . . . Ja, ich vergreife mich zu sehr. Auch der edle Sienkiewicz, der bilderreiche Erzählungskünstler, konnte nur die Ästhetik genießen. In seiner Rasse, in seinem Blute, in der Geschichte seiner Ahnen ist gar kein Zusammenhang mit dem Vespasianischen Krieg oder mit den Hadrianischen Verfolgungen. Für einen Gemütsjuden sind die Aufenthaltstage in Rom keine Beobachtungstage, sondern Lebenstage. Es toben und kämpfen Erinnerungen und Erlebnisse in seiner Brust. Besinnst du dich, Maestro Henoch Glicenstein, als wir in die tiefen, unterirdischen Gänge, in die tausendjährigen Grüfte, in die jüdischen Katakomben hinabgestiegen sind? Eine niedliche Signorina nahm unsere Eintrittskarten entgegen und öffnete uns die Tür. Sie verwaltet diese Grüfte und kennt .ganz genau die Särge. Doch wer steht in näheren Beziehungen zu ihnen — wir oder sie? Es kommt mir vor, daß ich auch in den Katakomben der alten Christen mehr empfinde als sie. Mein Gott, waren wir doch eine Familie! Ein-Glaubensstreit ist unter uns ausgebrochen, aber nach innen und außen waren wir doch damals ein Volk. Und wer kann die Macht, die Leiden, die Innigkeit, die strahlende Freude des Kidusch Haschern und das verträumte Sehnen nach Wahrheit und Heiligkeit so empfinden, wer die Vergeistigung der Natur, die Feinheit der Wehmut, die kristallene Klarheit jener schmerzerfüllten Seelen nachfühlen, die, unsere Psalmen lesend, wie reine Schwalben in den Tod hineinflatterten? Waren sie doch Fleisch von unserem Fleische! Ja, nur wir können sie begreifen. Wir vernehmen unsere eigene Geschichte auch in den christlichen Katakomben. Unsere Geschichte ist es, und wir hören ihren Flügelschlag auf jeden Schritt. Neben mir stand dort Mr. Smith, schlank wie ein Lanzenschaft, in Zyklistentracht, durch das Monocle die alten Grüfte musternd. My dear Mr. Smith, — was gehen Sie denn eigentlich die Katakomben an? Gehen Sie doch nach den ostindischen Kolonien oder führen Sie Opium nach China. Der Gentleman möge mir verzeihen, sein Stammbaum mag noch so alt, wie z. B. der Salisburys sein, — seine Ahnen waren doch vor tausend Jahren Raubritter in den Wäldern Schottlands, sie zappelten nicht zwischen den Zähnen der Zirkuslöwen, und das Feuer Neros brannte sie nicht Besinnst du dich auf unseren Spaziergang im Chatzar?*), dn halb Chazan, halb Melamed, Signor Pizzifani? Über krumme winkelige Straßen auf- und niedersteigend, pflegte ich mich, so ofi ich in Rom war, nach einem großen Platz zu begeben, in den dk Straßen münden wie Flüsse ins Meer. Sie sind eng und wimmeln von Verkehr, von dem bunten italienischen Verkehr. Aber die Handelsbewegung, die Kramerei, die Straßenhandwerke, die öffentlich geübt werden, mit dem Gewirr der springenden und herantollenden Kinder, der Satten und der Hungrigen, mit den dolce-far-niente-Lazzaronis, mit den Bettlern und Krüppeln und Straßenorchestern und Pilgerprozessionen, mit ihren Fahnen und Gesängen, mit den fahrenden Kaufbuden und dem Gewimmel der Kastanien- und Polentaverkäufer — diese ganze Straßensymphonie hört hier auf. *) Die römischen Juden nennen das Ghetto „Chatzar", Hof.