Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-07-05 · 27 (5.7.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
27 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316270--49474-3344413
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Mo. 27 DIE A Urteil echt ist, ruht in der Erkenntnis, daß Theodor Herzl ein Mann war, der die mannigfaltigsten Gegensätze der menschlichen Natur in sich vereinigte, und war so, daß die vielen Extreme seines Charakters und seiner Begabung in ihm nicht nebeneinander, sondern ineinander waren. Ich habe ihn nur einmal im Leben sprechen hören und ihn bei dieser Gelegenheit nur flüchtig kennen gelernt. Ich kann daher meine Behauptung nicht aus einer genauen persönlichen Kenntnis des Mannes schöpfen. Aber aus seinen Reden und Schriften geht diese seine Vielgestaltigkeit klar hervor. x Er war ein Träumer und ein Mann der Tat. Dieser urste und größte Gegensatz in seinem Wesen bezeichnete ihn als politische Persönlichkeit. Er fühlte den Gegensatz selbst und hat ihm in seinem Nachwort zum Vornan „Altneuland" tiefsinnigen Ausdruck gegeben. Xicht von Anfang an war er sich selbst wohl so klar darüber. Im Makkabäerklub fertigte er noch seine Gegner spöttelnd ab, indem er ihnen nachzuweisen glaubte, daß sie sich selbst widersprächen: „Der eine erklärte mich für einen törichten Optimisten, der andere flir einen angstvollen Pessimisten. Bald war der Plan ein Traum in Wolken, bald eine raffinierte Geschäftssache." Das war 1896. Daß der Widerspruch in ihm selbst lag, merkte er damals noch nicht. Aber er lag in ihm selbst. Wohl niemals hat es einen so phantasievollen Praktiker, einen so politischen Träumer gegeben wie ihn. Napoleon III. war vielleicht so einer. Uftd doch, was wir hier so an die Spitze stellen, diese glückliche Vereinigung vonRealismus undldealismus in ihnv dieses wundersame Ineinanderweben von Traum und Tat, das so klar hervortritt an seiner Persönlichkeit, es erschöpft noch nicht sein Wesen. Es ist auch nur eine einzelne Ausdrucksform der einen großen Doppelseitigkeit, die in allen Winkeln seines Wesens hervortritt, so klar und so faßbar ist und sich doch nicht formulieren läßt. Man kann sie vielfach aufzeigen und ihr tausend Namen geben, sie bleibt doch, — und das ist ja ihr Reiz, — mehr etwas, was wir intuitiv empfinden als irgendwie berechnen können. Sehr hübsch hat man den Gegensatz einmal so ausgedrückt: Theodor Herzl sei gleichzeitig eine maskuline und feminine Natur gewesen. Er war ein Weichmut zu mancher Stunde, voll von zartester Sensibilität, eine vibrierende Seele, und konnte dann wieder hart sein bis zur Unerbittlichkeit, so hart, daß seine Freunde starr über ihn waren, wie auf dem I. Kongreß. Er war naiv wie ein Kind, seine Sprache war oft von einer rührenden Einfalt, und dann war er wieder der homo prudentissimus et gravissimus. Er war uns, man kann so sagen, Vater und Mutter zugleich: die zentrale Lebenskraft unserer großen Zionistenfamilie, in der er kräftig das Regiment führte, und dann wieder das milde und tröstende, Hoffnung erweckende und beschwichtigend versöhnende Element. Man könnte unter sein Bild die Worte des Spruchdichters setzen: Höre, mein Sohn, die Weisung deines Vaters und verwirf nicht deiner Mutter Lehre! Was sich aber so in seiner Politik äußerte, das war längst der Reiz und die Eigenart seiner künstlerischen Persönlichkeit gewesen. Es ist interessant, all die Zeitungsstimmen über sein Dichten zu lesen, die bei seinem Tode herauskamen. Wie man da den Barockkünstler pries, den eleganten Humoristen, in dessen Scherz immer noch Bitternis steckt; wie man in seinen ELT Feuilletons altkluge Kinder sah, die ihr Vater so heiterernst, so schmerzlich-ironisch in die Welt schickte, damit die lieben Menschen sich freuten mit ihnen! Was war das anders, als der alte Gegensatz in ihm: das Ja und das Nein des Lebens in einem Munde, Selbstbewußtsein und Demut auf einer Stirn, Händefalten und Händeballen zu gleicher Zeit; er spielte mit dem Sterben und lächelte dem Leben, er war graziös mit dem Tode, und die Tändelei wurde ihm Tiefsinn. Wäre ich ein Maler und sollte ihm einen Totentanz weihen, ich würde ihn mit dem Gerippe eine Gavotte tanzen lassen. So war Theodor Herzl als Dichter, so wurde er später als Politiker, wenn auch seine Politik kein Feuilleton war, sondern hier alles ins Kolossale übersetzt wurde. — Das eigentlich Bedeutsame aber war nun nicht, daß alle diese Extreme sich in Theodor Herzl fanden, sondern daß er allmählich erkannte, wie seines Wesens Mischung war, und daß er sich über dieses sein Wesen stellte und nun aus vollem Willen und Bewußtsein heraus all diese verschiedenen Seiten seiner Natur in sich harmonisierte. Er hatte seine Philosophie und kultivierte seine Persönlichkeit. Er suchte und fand die Synthese all dieser Antithesen in sich. „Ich pflege mein Dasein," schrieb er einmal. Das war ein echtes und großes Wort. Er hatte die edle Eitelkeit gewaltiger Naturen, die sich bespiegeln, um an sich arbeiten zu können. So war er selbst sein höchstes Kunstwerk: eine herrliche Schöpfung. Er hatte die ästhetische Vollendung des inneren Menschen, die ganz der herrlichen Schönheit seines Körpers entsprach. Das war seine Größe. Nordau hat eines vergessen: Theodor Herzl hätte Heine werden können, wenn Dichterruhm sein Traum gewesen wäre. Er hätte Disraeli werden können, wenn er im Kranze des Rhetors sein Ideal gesehen hätte. Er hätte George Eliot erreichen und Baron Hirsch übertreffen können, wenn er gewollt hätte. Aber er wollte nicht. Das ist sein Titanentum. Er resignierte als Dichter, er resignierte als Redner, er resignierte als Romancier und resignierte als Administrator, um mehr als das alles zu werden. Und was wurde er? Theodor Herzl. Sein Dichten ließ er in Blättern zerstieben, die der Wind verwehte. Sein Reden war ihm nur ein Mittel, sich selbst zu geben. Seine Phantasie begnügte sich zur politischen Kombination. Sein Administrationstalent hörte mit der Schöpfung der Organisation auf. So wurde er, so blieb er Theodor Herzl, der Hellene im Charakter, dem die Harmonie der Persönlichkeit alles war. Er war, wenn ich so sagen darf, die personifizierte Musik. Denn Musik ist nichts anderes als die Geschichte einer Dissonanz, die zur Harmonie wird. Das war er, der Mann der großen Antithese und der noch größeren Synthese. Und das war seine Wirkung: weil er von jedem etwas hatte, nicht bloß von den vier Großen, die Nordau nannte, sondern auch von dir und von mir etwas, fühlte sich jeder ihm verwandt. Und weil er von jedem abwich, konnte jeder emporschauen zu ihm. . Imponieren tut uns ja nur das, was uns fehlt, lieben aber tun wir nur dort, wo wir uns selbst wiederfinden, unser Eigenstes, Tiefstes und Reinstes. So war er unser Freund und gleichzeitig unser Held, der Bruder und auch der Führer, der Geliebte und doch auch der Vergötterte. Das ist das Geheimnis seines Ruhmes, und das sichert ihm die Äonen. 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.