Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 DIE^ELT No. 27 uns. Denn wir hatten nur ein Wollen. Das ist das große Geheimnis der mächtigen Willensnaturen. Im Flusse des Geschehens und Sichwandeins sieht er ein Ziel, im Sturme des Lebens, der mannigfachen Vielstimmigkeit hört er einen Ton. Und deshalb ist der Mann des großen Willens ein Visionär, solange die Wirklichkeit ihm noch nicht Recht gegeben hat, ein Mann der Tat, sobald sein Wille ins Leben sich eingereiht. Und das war Herzl. Beides: Visionär, in dessen Auge sich auch der Abglanz einer fernen, in blendendem Lichte schimmernden Welt spiegelte. Mann der einen Tat, des einzigen Gedankens, sobald es galt, den Traum in die Wirklichkeit zu projizieren. Es gibt einen Standpunkt innerhalb des Zionismus, innerhalb des modernen, sich entwickelnden Judentums, der Herzl vollständig fremd war, und der gerade am Wege steht, der uns zum Innersten der Herzl'schen Welt führt. Es ist der Entwicklungsgedanke. Ich weiß, das Wort ist banal. Es drückt auch nicht ganz adäquat meinen Gedanken aus. Aber ich will gerade diese Formel wählen, weil sie am deutlichsten iJie Denkweise Herzls charakterisiert. Menschen des großen Willens sind ihrem Wesen nach der Idee der Entwicklung fremd. Weil Entwicklung das Willenselement, das Element der gewaltsamen Sprengung der Kette des Werdens, des „Schaffens" ausschließt. Was sich entwickelt, entwickelt sich aus einem anderen, früher Dagewesenen. Keine Umwälzung, keine plötzliche stürmische Katastrophe, wobei die alten Götter mit Donnergetöse in den Erebos versinken und die neuen in den Olympos ziehen. Kein: „Und nicht das und nicht jenes". Sondern ein Nebeneinander von Altem und Neuem, ein „Das und Jenes". Beides geht in einer höheren Einheit, in einer neuen Form auf. Der Willensmensch, der Mensch des „Es werde" hat für Zusammenhänge kein Auge, und mag er ein noch so überragender Intellekt sein. Für uns, die wir mitten im Judentum stehen, die das jüdische Volk in seiner totalen Entfaltung sehen, in seinem Gewordensein und Werdensollen, für uns, die keine Willensmenschen, aber Erkennende sind, ist das jüdische Leben so voller Fragen, und jede Frage voller Untiefen. Es ist einmal so — das ist der „Fluch der Erkenntnis'*. Wer zu viele Facetten sieht, übersieht den Brennpunkt. Herzl hat nie an den Problemen des Judentums, das eine eigene Welt ist, gelitten. Er hat alles, was er über das Judentum gedacht hat, in einem Wort zusammengefaßt: Freiheit. Und erfragte sich nicht: kann das jüdische Volk selbstständig werden? Hat es noch soviel Kraft und Lebenslust? Er sagte einfach, seinem Impulse, seiner eigenen Seele das Geheimnis ablauschend: es muß wollen. Und er richtete seinen ganzen Willen auf eine Idee.- Und damit hat er den innersten Kern der jüdischen Seele erfaßt — unbewußt war er in dieser Beziehung ganz Jude — den Zwischenraum zwischen den großen Willensmenschen der jüdischen Antike, den Propheten, die im Namen des ewigen, weltschaffenden Willens kamen, um dem Volke den Willen zum rechten Leben beizubringen. Es war uralte Vererbung im Herzl'schen Blute. Das jüdische Volk hat im Laufe der Zeit den mächtigen, starken, auf ein Ziel gerichteten Willen verloren. Da kam er und gab ihm für eine Weile den Willen wieder. Er war die Selbstbesinnung des jüdischen Volkes auf sich selbst. Wie „ein großer, weitverzweigter, mit Blumen und Früchten beladener Baum von sich selbst nicht weiß, wo seine Blüten, wo seine Früchte sind" — um ein Bild der Vedas zu gebrauchen —, ist das jüdische Volk, und es weiß nicht mehr, wohin es geht. Es weiß nur, woher es kam. Und nun kam der Mann, der von der Vergangenheit des Judentums so wenig wußte, dem auch dessen Gegenwart nur wie ein fast fremdes, nicht allseitig gesehenes, nicht restlos aufgenommenes Bild war — und sagte: Es werde! Der Wille erwache! Und das war das erlösende Wort. Auch die Rätselsuchenden, Untiefensuchenden fühlten sich vom Alpdruck ihrer Zweifel befreit — und sie fingen an zu glauben. Das war die große Tat Herzls, sein Verdienst der jüdischen Geschichte gegenüber. ... A. Cor. Theodor Herzl*) Ein Gedenkblatt von EMIL COHN (1906) In einer Bewegung wird oft die einigende Kraft der großen Idee überschätzt. Man schreibt ihr und ihr allein die Erfolge auf propagandistischem und organisatorischem Gebiete zu. Und doch sollte man neben dieser inneren treibenden Kraft die sogenannten Äußerlichkeiten nicht vergessen: eine Fahne, welche die Idee symbolisiert und über den Massen flattert, ist etwas Wichtiges, ein Lied, das im Munde des Volkes lebt und die Idee besingt, ist etwas sehr Starkes. Nichts aber wirkt gewaltiger auf die Massen, schließt sie fester zusammen, erweckt mehrEinheitsgefühl, als wenn die Begeisterungen der Hunderttausende sich treffen in einer Person, in der das Ideal nach übereinstimmender Ansicht seinen vollkommensten Ausdruck findet. Das ist das große Argument: im Staatsleben für die Monarchie, im Religionsleben für den Papismus. Die Hunderttausende suchen ein Zentrum, ihre Seelenbewegung geht zentripetal. Sie brauchen das personifizierte Ideal, sie brauchen den großen Mann, der, wie König Saul, alle um Haupteslänge überragt. Die Republik braucht ihren Napoleon, die Sozialdemokratie ihren August Bebel. Das ist eine unbestreitbare Tatsache der Massenpsychologie. Der große Mann! Dieses Wesen läßt sich nicht definieren. Eines ist jedenfalls sicher: es gibt starke Männer, die sich ewigen Ruhm erworben haben und doch nicht Volksheroen geworden sind. Theodor Herzl war und ist so ein Volksheros. Warum konnte er es werden? Worin liegt das Geheimnis seiner im besten Sinne populären Größe? Wie mußte der Mann aussehen, der ein Volk wie das unsere, so voll von Extremen und Gegensätzen, unter einen Hut, unter seinen Hut zu bringen vermochte? Max Nordau, Theodor Herzls Freund, war es, der wohl hier der Wahrheit am nächsten kam, als er sagte: „Weniger Dichter als Heinrich Heine, ein geringerer Redner als Disraeli, minder phantasievoll als die Christin Eliot, als Administrator kleiner als Baron Hirsch, war er nichtsdestoweniger größer als jeder von ihnen, weil er dies alles zugleich war." Dieses Urteil tippt an die Wahrheit, wenn es auch recht ungeschickt formuliert ist; man kann nämlich in Wirklichkeit von jedem dieser Männer ein gutes Stück haben und doch ein Stümper sein. Das, was an diesem *)■ Wir bringen hier die vielfach angefeindete Gedenkrede von Dr. Emil Cohn, dem gemaßregelten Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin.