Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316269--49466-3344404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
18 =- =DIE% Momenten, besonders in sanitärer Hinsicht, zu den ernstesten Bedenken Anlaß gibt. Damit beginnt eine gesunde moderne Entwicklung der Kinderfürsorge und Kindererziehung in Palästina sich siegreich Bahn zu brechen. Das Fundament für diese sehr erfreuliche Entwicklung bietet der Kindergarten, dessen Werk alsdann durch die Schulen und andere höhere Anstalten eine Fortsetzung erfährt. Aus dem Berichte seien noch folgende Bemerkungen hervorgehoben, die beweisen, in wie hohem Maße die Bevölkerung des Ortes selbst die segensreiche Wirksamkeit, die der Kindergarten ausübt, zu schätzen wreiß. „Wir können uns schon über den guten Einfluß des Kindergartens freuen. Die jungen Zöglinge, weiche ihres Gesundheitszustandes wegen nicht aufgenommen worden sind, wollen nicht mehr in den Cheder gehen. Diejenigen, welche den Kindergarten besuchen, wollen nicht mehr zu Hause bleiben; sie erwarten des Morgens den Schuldiener mit Ungeduld, um mit ihm in die Schule zu gehen. Wir freuen uns, zu sehen, wie die Zöglinge von zarter Jugend an schon gelehrt werden, sich rein zu kleiden, sich anständig beim Essen zu verhalten usw. Wenn die Kinder einmal groß geworden sind und gute Juden und anständige Menschen sein werden, so werden sie dies dem Hilfsverein der Deutschen Juden zu danken haben. Wir hatten bis jetzt mehrere Besuche, darunter auch den des Herrn Dr. Gaster aus London. Die Zöglinge haben ihm ein hebräisches Lied vorgesungen; derselbe war glücklich darüber und drückte seine Zufriedenheit über die Reinlichkeit und die gute Ordnung aus, die er bei uns getroffen." Da günstige Erfahrungen wie in Haifa auch an anderen Orten Palästinas gemacht worden sind, wo der Hilfsverein der Deutschen Juden Kindergärten zur Einführung brachte und insbesondere, da die einheitliche Vorerziehung durch die Kindergärten unschätzbare Dienste für die palästinensischen Schulen leistet, die es mit Schülern zu tun haben, in deren Familien die verschiedensten Idiome gesprochen werden, so sucht der Hilfsverein den an ihn aus immer neuen Plätzen herantretenden Gesuchen zur Begründung von Kindergärten im Rahmen seiner Mittel weiter zu entsprechen. So wurden in der letzten Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses wiederum Mittel zur Eröffnung eines Kindergartens in Tiberias zur Verfügung gestellt. Weitere Gesuche werden zurzeit geprüft. Ein „Nachtrag" Wir veröffentlichen nachfolgend den unveröffentlicht gebliebenen Schluß eines in .einem reichsdeutschen Blatte erschienenen Artikels unseres Freundes Rektor Eberhard über: „Jüdische Wanderungen und Siedelungen in Amerika" folgenden Wortlauts: Soweit also die materielle Sicherstellung der jüdischen Auswanderer in einem geschlossenen Gemeinwesen in Frage kommt, verdient das Werk der Ica vor allen anderen Beachtung; mit ihren Riesenmitteln unterhält sie außerdem noch Kolonien oder Hilfsunternehmungen in Brasilien, den Vereinigten Staaten und Kanada, in Kleinasien, Palästina und auf Cypern, in Rußland, Rumänien und Galizien. Wenn es sich aber nicht bloß um die Besserung der Lage einer kleineren oder größeren Gruppe von Juden, wenn es sich nicht nur um Emigrationsfragen und philanthropische Hilfe, sondern um die Judenfrage selber und um die Schaffung einer Metropole für die in allen Weltteilen zerstreuten Stammesgenossen handelt, dann kann nicht ein beliebiger „Judenstaat" in der alten oder neuen Welt, sondern dann kann nur das historische Land des jüdischen Volkes in Betracht kommen, Palästina. Auch Herzl, der verstorbene Führer des Zionismus, der ebenfalls (mit der territorialistischen Theorie begann, hat sich zu dieser Überzeugung durchgerungen. Bei der letzten Tagung des Aktionskomitees, der er beiwohnte, im April 1904, wandte er sich mit folgender Anrede an seine Freunde: „Als Judenstaatler bin ich zu euch gekommen; ich habe euch meine Visitenkarte überreicht: „Herzl-Judenstaatler!" Im Laufe der Jahre, im Laufe meiner Arbeit, als ich näher mit meinem Volke in Berührung kam, habe ich vieles gelernt, und jetzt sage ich euch: „Das Problem des jüdischen Volkes ist nur in Palästina zu lösen". Jedes andere Land wird als Heimstätte der Juden nur eine Ghetto-Kultur erzeugen, auch in Argentinien wird sich unter dem Einflüsse der spanisch-kreolischen Rasse eine Mischkultur herausbilden. Allein in Palästina, wobei wir einfach an das Ansiedelungsgebiet, nicht an einen politisch unabhängigen Judenstaat denken, kann das Volk den eigenen Kulturidealen nachgehen und sein Menschtum gemäß den in Jahrtausenden erworbenen Geistesveranlagungen weiter bilden, nicht abgeschlossen gegen die Kulturgüter der gesamten Menschheit, aber auch nicht in unnatürlicher Abhängigkeit oder Vermischung mit fremden Nationalkulturen. Und diese Stimmung entspricht allein der wandernden Judenmasse des Ostens, soweit sie der Stimme des Herzens und nicht [ELT ' No. 26 den Trieben des Verstandes folgt. So urteilt auch der Dichter des „Juda", Börnes Freiherr von Münchhausen, jüngst in einem Aufsatz der;Deutschen Monatsschrift" („Zur Ästhetik meiner Balladen"): „Wirklich, die alten Juden waren Aristokraten, so gewiß wie es die alten Juden, vorzüglich im Osten, heute noch sind, und so gewiß wie die freisinnigen Berliner Börsenherren längst auf den entgegengesetzten Pol herunter avanciert sind. Denn Adel heißt: festhalten am Alten, stolz sein auf Rasse, Religion und Geschlecht, Selbstbewußtsein der vererbten Eigentümlichkeiten an Körper und Seele. Aber der läßt sich taufen, ändert mit unmerklichem Verschieben den Namen ins Germanische-, ruft sich „Siegfried" und „Herbert" und versteckt feige jedes Zeichen seiner Rasse. Und sowas bildet sich dann ein, daß sich irgendein Germane dadurch täuschen oder zum Wohlwollen bekehren ließe! Es ist ein Trost, daß ihre edel gebliebenen Stammesgenossen ihre erbittertsten Feinde sind!" 0. Eberhard. So NACHRICHTEN °o VL^^l— ——JJ Vom jüdischen Unterrichtswesen in Rußland (Nach offiziellen Mitteilungen) Dem Gesetzprojekte über allgemeine Volksbildung, das das Ministerium für Volksaufklärung s. Zt. der Reichsduma vorgelegt hat, sind zahlreiche statistische Angaben über die Schulbildung in Rußland beigelegt. Darin finden wir auch einige Ziffern über die jüdischen Elementarschulen, eingeteilt nach den Lehrrayons. Darnach befanden sich im Jahre 1904 in Rußland folgende jüdische Elementarschulen: Petersburger Lehrbezirk: 30 Chedarim und Talmud-Thoras mit 31 Melamdim und Lehrern. Moskauer Lehrbezirk: 23 Chedarim und Talmud-Thoras mit 24 Lehrern. Charkower Lehrbezirk: 48 Schulen mit 90 Lehrern, darunter 35 Chedarim und Taimud-Thoras mil 40 Melamdim und Lehrern. Odessaer Lehrbezirk: 1600 Schulen mit 2594 Lehrern. Darunter 1270 Chedarim und Taimud-Thoras mit 1331 Melamdim und Lehrern. Kiewer Lehrbezirk: 2569 Schulen mit 2914 Lehrern. Darunter 2389 Chedarim und Taimud-Thoras mit 2505 Melamdim und Lehrern. Kasaner Lehrbezirk: 6 Schulen mit 20 Lehrern. Darunter 3 Chedarim und Taimud-Thoras mit 3 Melamdim. Orenburger Lehrbezirk: 4 Chedarim und Taimud-Thoras mit 5 Melamdim und Lehrern. Wilnaer Lehrbezirk: 2709 Schulen mit 5241 Lehrern. Darunter 2941 Chedarim und Taimud-Thoras mit 2507 Melamdim und Lehrern. Rigaer Lehrbezirk: 173 Schulen mit 271 Lehrern. Darunter 154 Chedarim und Taimud-Thoras mit 203 Melamdim und Lehrern. Warschauer Lehrbezirk: 4209 Schulen mit 4843 Lehrern. Darunter 3579 Chedarim und Talmund-Thoras mit 3967 Melamdim und Lehrern. Kaukasischer Lehrbezirk: 9 Schulen mit 17 Lehrern. Darunter 2 Chedarim mit 2 Melamdim. West-Sibirischer Lehrbezirk: 3 Schulen mit 9 Lehrern. Ost-Sibirischer Lehrbezirk: 4 Schulen mit 8 Lehrern. Darunter 3 Chedarim und Taimud-Thoras mit 4 Melamdim und Lehrern. Turkestan: 23 Chedarim mit 23 Melamdim. Amtirer Bezirk: 8 Chedarim mit 23 Melamdim. Im ganzen bv-findeii sich in Rußland 11418 jüdische Anfangsschulen mit 14 098 Lehxern. Darunter 10 014 Chedarim und Taimud- Thoras mit 10 653 Melamdim und Lehrern. Eine programmatische Erklärung des „Jüdischen Klubs" im Reichsrat Am 16. Juni fand in Wien die Sitzung der Parteileitung der Jüdischen Nationalpartei für Österreich statt. Es wurde beschlossen, daß die vier national-jüdischen Abgeordneten im Parlamente eine eigene Vereinigung unter dem Namen „Jüdischer Klub" bilden sollen. Zum Obmann des Klubs wurde Abgeordneter Doktor Benno Straucher gewählt. Der „Jüdische Klub" verlautbart folgende Erklärung: Der „Jüdische Klub" wird stets für die Rechte, Interessen und die Wohlfahrt des jüdischen Volkes eintreten, die Anerkennung der jüdischen Nationalität und die faktische Durchführung der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Juden energisch