Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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\To. 26 IQ verlangen und unablässig zu verwirklichen trachten, und alle von welcher Seite immer kommenden Angriffe auf das Judentum entschieden abwehren. Im Sinne des jüdisch-nationalen Parteiprogramms wird der „Jüdische Klub" nur eine freiheitliche, wahrhaft volkstümliche Politik vertreten, geleitet von den Grundsätzen politischen und wirtschaftlichen Fortschritts, sozialer Gerechtigkeit, individueller und nationaler Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Volksstämme. Der „Jüdische Klub" wird für die Lösung der nationalen Fragen auf dem Wege der nationalen Autonomie, für den Ausbau der Verfassung auf weitester demokratischer Grundlage unter Schutz der Minoritäten, für die Demokratisierung der Verwaltung, für die kräftigste Förderung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Österreichs unter scharfer Bekämpfung der reaktionären Gewerbepolitik, für den Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung, namentlich für weitestgehenden Arbeitsschutz, Koalitions-, Preß- und Versammlungsfreiheit wirken. Eine Kampagne gegen Dr. Mahler Der neugewählte österr. Abgeordnete Dr. Arthur Mahler ist bekanntlich Dozent an der deutschen Universität in Prag. Die Prager Deutschen, die arischen und jüdischen, haben gegen ihn eine regelrechte Hetze inszeniert und markieren große Angst um den deutschen Charakter der Universität. Protestversammlungen werden von den Prager Deutschen, die von sich um jeden Preis reden machen wollen, arrangiert, und in der wohlbekannten Pose der Deutschtumsretter wird gegen Dr. Mahler die Defensivkraft und nationale Stärke des Prager Deutschtums demonstriert. Deutschliberale (scilicet Juden) und Deutschvölkische ziehen, in gesonderten arier-, resp. judenreinen Protestversammlungen schön separiert, an einem Proteststrange; allerdings aus verschiedenen Motiven und mit verschiedener Logik. Die Jüdisch-Deutschen fühlen sich durch die zionistische Bewegung, die unter der jüdischen Jugend Böhmens immer festere Wurzeln faßt, arg bedroht und folgen dem politischen Reklamebedürfnis der zur Untätigkeit und Bedeutungslosigkeit verurteilten Prager Deutschen, wenn sie gerade jetzt, wo ihnen Dozent Mahler als Reichsratsabgeordneter unangenehm und gefährlich zu werden beginnt, seine Stellung und politische Gesinnung zum Gegenstande ihrer Angriffe machen. Die Herren dieser Couleur kämpfen einen Existenzkampf und mögen immerhin den Fall Mahler in ihrer ohnmächtigen Wut aufgreifen, um auf sich wieder aufmerksam zu machen. Auch die deutschradikalen Studenten haben in einer allerdings allgemein zugänglichen Studentenversammlung protestiert. Das Häuflein deutschjüdischer Studenten hat sich auf geladene Gäste beschränken müssen und hat eine offene Aussprache mit den Zionisten gescheut. Der Protest der Deutschvölkischen zeugt, wenn man von den Rucksichten auf das durch drei zionistische Universitätsdozenten angeblich gefährdete Prager Deutschtum absieht, von einer totalen Unkenntnis des Zionismus und von der Halbheit dieser Radikaldeutschen. Es ist aufgelegter Widersinn, zionistischen Dozenten gegenüber von einer „Gefährdung der freien Wissenschaft und Forschung" zu sprechen. Der deutschradikale Protestredner hat es sich nicht nehmen lassen, auch dies ins Treffen zu führen und von klerikalen Tendenzen des Zionismus zu faseln. Ein Professor, der nach ihm sprach, glaubte, ihm nachschwätzen und die Freiheit der Wissenschaft gegen die Zionisten in Schutz nehmen zu müssen. In Prag ziehen solche Phrasen und gelten als der positivste Beweis deutschfreiheitlicher Gesinnung. Wer den Zionismus und die Zionisten, wer speziell die mit so blitzdummen Argumenten angegriffenen Prager Universitätsdozenten kennt, wird wissen, wes Geistes Kinder die Herren Angreifer sind. Auf die Konsequenz und Gesinnungsstärke der deutschvölkischen Studentenschaft, die gegenüber dem akademischen Senat mit Gewaltandrohung arbeitet, wirft die Tatsache ein bezeichnendes Licht, daß sie, die Patentdeutschen, die Rassenantisemiten, die Unentwegten, jüdische Professoren, getaufte und ungetaufte, anerkennt, wenn sie sich das deutsche Mäntelchen umhängen, jüdische Lehrer dagegen, die sich offen und ehrlich als Juden bekennen, hinausdrängen. Wien. Die zionistischen Studentenvereine der Universitäten und technischen Hochschulen in Wien, Prag, Brünn, Krakau, Leinberg und Czernowitz haben an das Unterrichtsministerium eine Eingabe gerichtet, in welcher sie Protest gegen die kulturwidrige Hetze erheben, die von Prager Universitätshörern gegen den Dozenten und zionistischen Abgeordneten Dr. Arthur Mahl er inszeniert wurde. Dieselbe widerspreche allen Grundsätzen von akademischer Freiheit, von Lehrfreiheit und Achtung vor ehrlicher fremder Gesinnung. Die Universität ist Kulturträgerin, nicht politische Arena. Wenn daher gegen Dr. Mahler aus rein politischen Gründen Stellung genommen und seine Entfernung aus dem Lehrkörper verlangt wird, so entspricht dies weder den Kulturaufgaben einer Universität noch den Bedürfnissen freier Wissenschaft. Ein interessanter Heinefund wurde, wie die Düsseldorfer N. N. mitteilen, in Düsseldorf in der Kasernenstraße bei Ausschachtungsarbeiten zur Legung von Gasrohren gemacht. Die Arbeiter stießen hierbei auf einen großen vortrefflich erhaltenen jüdischen Grabstein. Wie die hebräische Inschrift besagt, handelt es sich um den Grabstein eines Isak Geldern, Sohn des Josef Geldern. Als Beerdigungsjahr wird das Jahr 1782 angegeben. Der Verstorbene gehört der berühmten Familie Geldern an, aus der Heinrich Heines Mutter, bekanntlich eine geborene van Geldern, stammt, und wird in der Inschrift als „sehr gelehrt" be zeichnet. Nach dem Stammbaum Heines ist er ein Onkel der Mutter Heines, also ein Großonkel des großen Dichters. Die Mutter Heinrich Heines Peiersche (Betty) war die Tochter des Arztes Dr. Getschlik (Gottschalk) de Geldern und dieser der Sohn des Leiser (Lazarus) Zatznes Josef de Geldern. Dieser ist offenbar der auf dem Grabstein genannte Josef, dessen zweiter Sohn eben der Isak de Geldern ist, der im Jahre 1782 beerdigt wurde und dessen Grabstein nunmehr gefunden wurde. Zur Erklärung des Fundes sei bemerkt, daß sich früher bei der Fundstelle in der jetzigen Kasernenstraße zwischen Benrather- und Grabenstraße ein israelitischer Friedhof befand. Bereits im Jahre 1884 wurden hier mehrere Grabsteine aufgefunden. Wie der Abhandlung „Geschichte der jüdischen Gemeinde Düsseldorfs" (Geschichte der Stadt Düsseldorf in 12 Abhandlungen, Festschrift zum 600jährigen Jubiläum. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein, Düsseldorf 1888) des Rabbiners Dr. Abr. Wedeil zu entnehmen ist, war der Friedhof an der Kasernenstraße der älteste Friedhof der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, der ihr gleich nach ihrer Ansiedelung überwiesen wurde. Im Jahre 1788 wurde der Gemeinde eine andere Begräbnisstelle, der „Gräuliche Bongard", überwiesen. Bezüglich des Friedhofes auf der Kasernenstraße — so heißt es in der angeführten Abhandlung — wurde der Gemeinde das Recht erteilt, nach Verhältnis der auf der „Extension" fortschreitenden Bautätigkeit die davon berührten Gräber nach dem neuen Friedhof zu überführen. Bei sehr vielen ist es geschehen; den exhumierten Gebeinen wurden zum größten Teil nebst den Grabsteinen rechts vom Eingang des neuen Friedhofs neue Grabstätten bereitet. Unbegreiflicherweise ist dies jedoch nicht bei allen geschehen. Jetzt ist der Friedhof zum Teil mit Häusern bebaut. Ein Teil der Gräber befindet sich jedoch noch jetzt unter der Straße, ohne daß die Gebeine, welche darin ruhten, ausgegraben worden wären. Merkwürdigerweise waren das gerade die jüngsten Gräber, welche bekannten Persönlichkeiten angehörten, deren Familienangehörige noch in Düsseldorf und Umgegend lebten, wie z. B. das Grab der Frau Dr. v. Geldern geb. Bock, Großmutter von Heinrich Heine. (Es ist dies die Gattin des erwähnten Arztes Dr. Gottschalk de Geldern. D. Red.) und der Frau Rabbiner Brandes. Diese Gräber und verschiedene andere wurden im Jahre 1884 auf der Kasernenstraße mit den vorzüglich erhaltenen Grabsteinen bei den Kanalisationsarbeiten ausgegraben und nach dem Friedhof an der Bongardstraße überführt. — Der neu gefundene Grabstein wurde ebenfalls nach dem israelitischen Friedhofe geschafft. Zionisten! gedenket ier Selbstbesteuerung!