Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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14 DIE30EELT No. 26 steller selbst über diese ungewöhnlichen Entdeckungen wunderten. Ein ehrlicher Jude ist ein idyllisches Motiv, das erfüllt ist von Poesie. Der brave Jude wird zum Thema für Romane, Novellen, Gedichte usw. Diese Vorliebe für die Beschreibung des jüdischen Elends und das Herausfinden der obengenannten Typen verhüllte vor den Augen der polnischen Schriftsteller die ganze Welt des inneren Lebens der polnischen Juden, den unendlichen Reichtum der Typen, Formen, Farben, Nuancen, einen wahren Schatz an Lyrik, Dramen, Epen, in dem ein wirklicher Künstler, der in den Lebenserscheinungen einzig ewige Elemente der Kunst sieht und von jeder, wenn auch unbewußten Tendenz frei ist, Stoff für seine dichterischen Inspirationen finden könnte. Es muß anerkannt werden, daß Elisa Orzeszko sich mehr als alle anderen polnischen Schriftsteller bemüht hat, die unabhängigen Typengebiete des jüdischen Lebens zu schildern, und nicht ihr Verhältnis zur übrigen Gesellschaft, ihren moralischen Wert,' aus dem man auf ihre Nützlichkeit für das Land und die Gesellschaft schließen könnte. In „Meir Ezefowicz", „Eli Makower", „Der starke Samson", „Gedali" und anderen Werken war Elisa Orzezsko bestrebt, den unbekannten Inhalt dieser verschiedenen exotischen jüdischen Massen, die durch ein unendliches Meer historischen Fluches abgetrennt sind, den Augen Polens zu zeigen. Aber eben diese, wenn auch ursprüngliche und unbewußte Tendenz der Beleuchtung derjenigen Elemente des jüdischen Lebens, die als Kleinodien im „Haufen von Trümmern" angesehen werden können, verdunkelte die parteilose Betrachtung und das Bild der Wahrheit. Und deswegen entsprechen die Erzählungen von Junoscha oder die Melodramen von Zapolska mehr der jüdischen Wirklichkeit, als die vom ethischen Standpunkte wundervollen Werke von Elisa Orzeszko. Süßer Idealismus, innige Frauengüte und endlich Mitleid, nicht dagegen der .auf Schauer, Erleben und künstlerischer Kontemplation beruhende Schaffensprozeß, bilden die Grundlage ihres Verhältnisses zu den Juden. Die jüdischen Gestalten in den Werken von Elisa Orzeszko sind Produkte ihrer Phantasie, die Charaktere durch und durch subjektiv und lyrisch begriffen, — der Ausdruck ihrer edlen Gesinnungen — aber es sind keine Juden. In ihren jüdischen Erzählungen übernimmt Elisa Orzeszko die Rolle einer Verteidigerin der Juden vor dem Angriff der sie anklagenden öffentlichen Meinung. Sie wünscht den Haß gegen die Juden auszurotten, indem sie den Schleier über dem fremden Lande des jüdischen Lebens lüftet und vor den Augen ihrer Brüder viele bewunderungswürdige, ja sogar nachahmungswerte Schönheiten enthüllt. Für diese edlen Absichten darf man Elisa Orzeszko die aufrichtigste Anerkennung aussprechen und ihr huldigen als der Kämpferin für den Fortschritt, der unermüdlichen Arbeiterin auf dem Gebiete der sozialen Aufklärung. Denn obgleich der Standpunkt, von dem aus Elisa Orzeszko die Judenfrage betrachtete, gegenwärtig zu den Überbleibseln des musealen Romantismus gezählt werden kann, vermindert das doch nicht die Verdienste der berühmten Schriftstellerin, deren Tätigkeit man vor allem von historischen Gesichtspunkten aus beleuchten muß. Elisa Orzeszko hatte die schönsten und edelsten Absichten. Sie strebte danach, die Schönheit dort zu finden, wo ihre Landsleute nur Häßlichkeit gesehen haben. Daß sie das jüdische Leben nicht kannte und zur Erreichung des Zweckes zur Idealisierung und nicht zur Darstellung der Wahrheit flüchten mußte, — die Ursachen dieser Erscheinung müssen tiefer gesucht werden, und zwar in der historischen Gestaltung der Verhältnisse. Die Periode der idyllischen Stimmungen ist vorbei. Die Umrisse haben sich verschärft, das Gefühl hat aufgehört ein Wegweiser bei der Schätzung sozialer Erscheinungen zu sein. Deswegen dürfen wir wohl die Hoffnung aussprechen, daß in der Zukunft die polnischen Schriftsteller bei der Abbildung des jüdischen Lebens vielleicht weniger Güte, aber mehr Verständnis an den Tag legen werden. Lebensarbeit tut not — nichts anderes. Dr. Mania Sokolow Ein neuer Judenroman Die zweite Auflage eines Buches ist soeben erschienen, das, obwohl es ein jüdisches in des Wortes vollster Bedeutung ist, von den angesehensten Blättern nicht übersehen werden konnte. Die Tagespresse hat diesem Judenromane lange Besprechungen gewidmet und unerwartet rasch ist die zweite Auflage dieses Buches erschienen. Hermann Blumenthal ist sein Verfasser, und „Der Weg der Jugend"*) betitelt sich das Buch. Keiner großzügigen Handlung begegnen wir in diesen Blättern, nicht durch Gestaltea und Konflikte will dieser Roman wirken: es ist die Geschichte einer Jugend. Vielleicht war es eine unbewußte Rechtfertigung, wenn Blumenthal seinem Buche die Worte Lermontows voransetzt: . . . „Die Geschichte einer Seele, und sei es auch die der unbedeutendsten Seele, ist vielleicht interessanter und nützlicher als die Geschichte eines ganzen Volkes." Ein wahres und schönes Wort. Doch ihm gerecht werden, heißt die feinsten Schwingungen miterleben, die leiseste Dissonanz mitfühlen. Und in seinem Romane will uns Hermann Blumenthal die Geschichte einer Kindheit erzählen, will er uns die „kurze Strecke beschreiben, die David Segenreich auf Erden zurückgelegt." . . . So führt er uns in das kleine Städtchen Palechov, wo David Segenreich das Licht dieser verdunkelten Welt erblickt. Wir sehen den reinen, blauen Himmel, der sich über die ersten Tage seiner Kindheit spannt, indes die Eltern mit den Nöten des Alltags im Kampfe liegen. Das nichtssagende, schmutzige Palechov, dieses kleine galizische Städtel! . . . Welch wunderbaren Inhalt birgt diese armselige Form, wie bestimmend wirkt das Leben, wirken die Ansichten seiner alten Juden auf die Kinder, auf unsern David Segenreich! . . . Folgen wir ihm auf seinem „Weg der Jugend". Wir müssen es wohl, denn der uns die Geschichte dieser Jugend erzählt, zwingt uns, die großen Schicksale seines kleinen Helden mitzuleben. Mit sechs Jahren kommt David in das „Cheder", der Ernst des Lebens drückt auf ihn, wenn auch dem Kinde noch nicht bewußt und verständlich..... Jetzt heißt es, mit Eifer lernen, denn ein „jüdisch Kind" muß sich schon frühzeitig an den Ernst des Lebens gewöhnen . . . ." In dem engen Rahmen dieser Kindheitsgeschichte, in dem begrenzten Raum ihres Milieus sehen wir den Kampf zweier Anschauungen, zweier Welten. Zwei feindliche Lager sind in Palechov: Die „Chassidischen" und die — „Aufgeklärten". Der große Strom des Lebens wirft seine Wogen nicht in die kleine galizische Stadt, was außerhalb als lächerliche Kleinlichkeit des Alltags unbemerkt verfließen mag, wird in den Mauern der „Kille" zum Ereignis. Das alles wirkt bestimmend auf die Formung des Kindergemütes. „. . . Wenn der Kleine in Schlummer verfiel, spannen sich die Vorspiegelungen der Phantasie im Schlafe fort, während die Eltern bei der Lampe saßen . . Davids Eltern geraten durch mannigfache Unglücksfälle in Not . . . Das frühreife Kind beginnt an manchem Tage den Jammer des Lebens zu fühlen . . . Aber der frohe Kinderglaube siegt, noch immer liegt die Welt in strahlendem Glänze, in Pracht und Herrlichkeit vor ihm. Er wird ein großer Mann werden! Ein Doktor . . Selbstverständlich. Hat man denn schon je gehört, daß der ärmste, hungernde galizische Jude nicht den Wunsch gehabt hätte, eines seiner Kinder als „Doktor" zu sehen . . . Über dieses Kapitel ließe sich viel sagen ... So kommt auch unser kleiner Held aufs Gymnasium nach Lemberg ... Es ist seine erste Reise. Er träumt von den Herrlichkeiten der großen Stadt, und selbst die kalten Herbstschauern können das Sonnenbild seiner Welt nicht verdunkeln .... Er ist zwölf Jahre alt ... . Soviel erfahren wir vorläufig über David Segenreichs Leben und Schicksale; der Roman ist als Trilogie gedacht, und soll in zwei folgenden Bänden über des kleinen Helden weitere Schicksale berichten . . . Wer diesen Band aus der Hand legt, wird wünschen, die folgenden bald vor sich zu haben. Wohl ist es im letzten Ende „nur" die Geschichte einer Jugend, die uns Hermann Blumenthal erzählt. Dieser Roman trägt aber Merkmale, die daran zweifeln lassen könnten, ob es ein Erstlingswerk ist. Nichts ist in diesem Buche auf Wirkung berechnet, unmittelbar will es durch gemütvolle Schilderung auf seinen Leser wirken. Nirgendwo in diesen *) Hermann Blumenthal, „Der Weg der Jugend", Roman. Julius BarJ, Berlin 1907.