Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Wir haben hier einige Professoren und Studenten, welche von getauften Juden abstammen, oder sich haben taufen lassen, oder endlich dies demnächst besorgen wollen; dazu eine ganze Anzahl von solchen, die sich „nicht zu erkennen geben wollen" und nach einer Gelegenheit suchen, um die Arier im Deutschtum zu übertrumpfen. Diese Gelegenheit glaubten sie jetzt gefunden zu haben: die Studenten arrangierten unter dem Protektorat des Rektors, eines Judenstämmlings, namens Pfersche, der ihnen dazu — ein unerhörtes Vorgehen gegen einen Kollegen — einen Hörsaal der Universität überließ, eine Versammlung von einigen persönlich geladenen Couleurstudenten, welche „im Namen der deutsch-liberalen Studentenschaft" die Suspendierung der Dozentur von Dr. Mahl er forderten, weil er durch sein Mandat und seine Gesinnung sich als Nichtdeutscher dokumentiert und daher die Berechtigung verloren habe, an der deutschen Universität zu lehren! Hinterlistig und niederträchtig ohnegleichen ist diese Denunziation, denn nicht allein hier in Prag, auch im Wahlkampf in Galizien hat Dozent Mahler seinen Zusammenhang mit der deutschen Wissenschaft und ihren Errungenschaften nie verleugnet, bei aller Betonung seiner jüdischen Nationalität und zionistischen Gesinnung! Er hat die Angelobung im Parlament in deutscher Sprache geleistet — bei einem galizischen Abgeordneten ein noch nicht dagewesener Fall, — und ist von seinen polnischen Gegnern als „Hakatist", als „Deutscher Zionist" bekämpft worden! Gerade für Böhmen ist wiederholt von den Zionisten die innerpolitische Betätigung abgelehnt worden, gerade hier könnten die Zionisten deutscher Sprache für den deutschen Kandidaten stimmen und sogar — wie es auch geschehen ist — öffentlich für ihn eintreten, so wie jene in den slavischen Bezirken für den czechischen! Aber nicht genug an dem, jene Elemente wußten auch die arische, deutsch-radikale Studentenschaft, welche bisher dem Zionismus direkt sympathisch gegenübergestanden hatte, aufzuhetzen: in einer öffentlichen Studentenversammlung beschlossen 400 von ihnen eine Resolution, worin die Suspendierung des Dozenten Mahler gefordert wurde. Sie gingen allerdings noch weiter als die Hetzer wollten: sie proklamierten die Entfernung sämtlicher Professoren und Dozenten jüdischer Abstammung, — was von den Zeitungen aber wohlweislich verschwiegen wurde. Es ist also der offene Krieg erklärt. Uns ist nicht bange, wir kämpfen für unser gutes Recht, und es ist wunderbar zu sehen, wie jetzt auf einmal alle kleinen Meinungsverschiedenheiten verschwunden sind, wie alle Zionisten sich als eine Familie fühlen. Alle für einen treten wir jetzt ein, und wir wissen, daß dieser eine ebenso für uns alle eintreten wird. Den liberalen Zeitungen aber ist es etwas bange geworden ob dieser Bundesgenossenschaft; sie schweigen entweder ganz, oder referieren kurz, oder geben endlich offen ihrer Mißbilligung Ausdruck. Nur die „Bohemia", welche in akademischen und möglichst arisch sein wollenden jüdischen Kreisen ihr wenig zahlreiches pseudoliberales Publikum hat, brachte ausführliche Referate. Die deutschnationalen Blätter sind völlig still; sie sehen die Sinnlosigkeit und Gefahr dieses Kampfes: sie wissen, daß wir Zionisten nichts dabei verlieren können, furchtbar viel aber das Deutschtum Österreichs. Der jüdischen Bevölkerung aber gehen die Augen auf; von allen Seiten erhalten wir Beweise der Sympathie und wenn nicht alles trügt, so stehen wir jetzt an einem Wendepunkt unserer Entwicklung, an dem Beginne unseres Aufschwunges zu einem Machtfaktor des öffentlichen Lebens, auf welchen alle Bedrängten unseres Volkes und selbst alle Freiheitsliebenden der anderen Volksstämme Österreichs ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen setzen. — □□□□□□ FEUILLETON O □ □ □ ->\ O Zum Jubiläum von Elisa Orzeszko Vor wenigen Tagen feierte ganz Polen das 40jährige Schriftsteller-Jubiläum der beliebtesten und populärsten polnischen Schriftstellerin, Elisa Orzeszkos. Die Entwicklung ihres Talentes fiel in die Zeit der Herrschaft des Positivismus auf dem ganzen Gebiete des polnischen Lebens. Nach dem machtvollen Aufschwung des Romantismus, der in der Tragödie von 1863 ausklang, erhob sich die Losung der nüchternen organischen Arbeit. Zusammen mit der ganzen jungen Intelligenz Polens opferte Elisa Orzeszko ihre Kräfte dem Positiven: Arbeit und Pflicht. Diese zwei Worte aber beseelte sie durch ein drittes: Liebe. Einen großen Teil ihres Lebenswerkes widmete Elisa Orzeszko den unglücklichen, dunklen Massen des jüdischen Volkes. Ein Fatum der ewigen Knechtschaft lastet auf den armen und von allen Völkern der Welt gehaßten Kindern Israels. Ein grausames, unmenschliches Unrecht! Wo sind die heiligen Losungen der Menschenliebe, der christlichen Barmherzigkeit, des Mitleides für die „Kleinen" dieser Welt? Wo — Fortschritt, Licht, strahlende Wahrheitsideale und Allverzeihung? Ist denn das Leben nicht ein reißender Strom, welcher alles Schöne und Häßliche, Reine und Schmutzige, Edle und Niedrige in die blauen Fernen mit sich reißt? Auf dem Felsengrunde finden wir doch so wunderbare Kristalle wie graue Kiesel. Der unbarmherzige Gott der Zeit, der Allvertilger Chronos, verwischt alle kleinen und großen Unterschiede und, ähnlich wie der schreckliche indische Wagen Djagerat, jagt er, alles um sich verwüstend, in die unbekannte Zukunft, in die blauen Fernen . . . Von diesem erhabenen Piedestal aus betrachtet Elisa Orzeszko tief gerührt die jüdische Tragödie. Und das Taubenherz der edlen Frau und großen Schriftstellerin ist erfüllt von weicher Liebe für die Millionen der Nächsten — der „Chalatjuden." Dem Ursprung dieses Verhältnisses zu den Juden, das im Werke von Elisa Orzeszko seinen stärksten Ausdruck gefunden hat, begegnen wir auch bei vielen der besten polnischen Schriftsteller der vergangenen und gegenwärtigen Epoche — bei Korzeniowski, Swientochowski, Szymauski, Danilowski, Konopnicka und anderen. Es hat seine tiefe historische und psychologische Begründung. Man müßte lange und auf historischen Daten der jüdischen Geschichte in Polen beruhende Traktate schreiben, um die Urgründe und die historische Kontinuität dieses Verhältnisses klarzulegen. Man kannte und verstand die Juden nicht. Es existierten auf einem Boden zwei in ökonomischer Beziehung organisch zusammengewachsene, aber kulturell und ideell ganz entgegengesetzte Milieus. Zwei von einander verschiedene, einander fremde Welten. Die Rolle von Kaufleuten, Vermittlern, Händlern, die von den Abkömmlingen der kampfeslustigen uud lebensfrohen Schlachta durchaus verachtet war, stellte die Juden in der Wertung der Nachbarn auf das Niveau von niedrigeren Wesen. Auf dem Boden dieser Anschauungen entstand das Verhältnis zu Juden, das im Mitleid, Mitgefühl, der faden, kraftlosen, evangelischen Liebe für die „Kleinen" seinen besten Ausdruck fand. Man mußte sich auf die Höhen der edlen Abstraktionen emporschwingen, um aus den fernen Perspektiven im Juden einen Menschen erkennen zu können. Man mußte sich auf die edlen Losungen der Humanität stützen und die Tiefen des jüdischen Elends in krassen Farben schildern, um den Juden ihre Existenz verzeihen zu können. Eine ganze Reihe von Schriftstellern bemüht sich, in den dunklen Tiefen der jüdischen Seele rosige Perlen der menschlichen Gefühle, der Liebe zum Vaterlande, der Ehrlichkeit, der Anhänglichkeit usw. zu finden: Es gibt Juden, die sich manchmal nach der Heimat sehnen, die nicht stehlen, die ein musterhaftes Familienleben führen, die im Kampfe um das tägliche Brot verderben, und endlich solche, die sich von nebligen Idealen, poetischen Träumereien und farbigen Phantasien umgaukeln lassen. Wir haben den Eindruck, als ob sich die polnischen Schrift-