Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316269--49460-3344398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 DIE3 des hier besprochenen Artikels werden die „Welt" mit dem Bewußtsein aus den Händen legen, daß bis zum Artikel des Gg. Böhm im Zionismus die Verelendungstheorie Axiom gewesen, wonach die Lösung der Judenfrage im zionistischen Sinne nur auf dem — daher anzustrebenden — Umweg über die vollständige Verelendung der Juden zu erreichen wäre. Gg. Böhm wird sich dagegen mit Entrüstung wehren. Hier gilt aber die Regel: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um"; und wer sich an soziologische Untersuchungen wagt, sollte Wortsinn und Bedeutung der von ihm angewendeten Begriffe gut abwägen und voll ermessen. Zu allem Überfluß operiert er ja selbst in seiner Polemik gegen die bisherige zionistische Theorie mit dem Argument, daß der Zionismus in Südafrika und Amerika viel kräftiger sei als in den Elendbezirken! Als ob das jemand von uns geleugnet hätte; als ob wir jemals bestritten hätten, daß eine Verbesserung der Lage der Juden im Golus möglich, daß eine solche dem Zionismus förderlichsei und daß wir sie nach Kräften anzustreben haben. Was wir bestritten haben und auch heute noch bestreiten, ist die Möglichkeit der Besserung der Situation des jüdischen Volkes im Golus. Das ist der prinzipielle Unterschied, den zu erfassen dem Gg. Böhm bisher noch nicht gelungen ist. Durch Zugeständnis erscheint nunmehr festgestellt, daß die innerpolitische Aktion und die Programmforderung der nationalen Autonomie für die Juden in den Golusländern mit der heute noch herrschenden Theorie des Zionismus nicht in Einklang zu bringen sind. Die Frage, die sich uns aufdrängt, ist nun die, ob wir daher an eine Revision dieser Theorie zu schreiten haben, ob sie sich wirklich als falsch erwiesen hat. Gg. Böhm beklagt sich bitter, daß einzelnen an der politischen Bewegung beteiligten Gesinnungsgenossen Mißtrauen hinsichtlich ihrer zionistischen Gesinnung entgegengebracht wird. Mir ist hiervon nichts bekannt. Das Wort vom „Mißtrauen" habe ich hier ausgesprochen, aber ausdrücklich erklärt, daß es sich nur darauf beziehe, ob wir Anhänger des „reinen" Zionismus, welche die Vermengung der beiden Richtungen prinzipiell perhorreszieren, erwarten dürfen, daß die auf einem anderen Standpunkt stehenden Gesinnungsgenossen im Falle der Übertragung exekutiver Vollmachten in der zionistischen Organisation an sie die von uns vertretenen Anschauungen respektieren, daß sie die Vorschriften der Parteitage nicht nur formell, sondern auch dem Geiste nach beobachten werden. Die zionistische Gesinnung habe ich nie bezweifelt, auch nach EELT -= No. 26 Entgleisungen nicht, die ich heute zitiert. Ich habe vielmehr hier in der „Welt" ausdrücklich erklärt, daß ich die innerpolitische Aktion zwar in ihrer theoretischen Fundierung und in ihren Konsequenzen, keineswegs aber in subjektiver Hinsicht — was die Gesinnung ihrer Vertreter betrifft — für antizionistisch halte. Daß dies nicht so ganz unrichtig war, ersieht man aus dem Versuch des Gg. Böhm, das, wasbisher im Zionismus als Axiom gegolten hat, als vollkommen falsch abzutun, die Theorie des Zionismus von Grund auf zu revidieren. Er hat damit eine Entwicklungstendenz aufgedeckt, die zu behaupten ich mich noch gar nicht getraut hätte. Die Geschäftigkeit des Gg. Böhm ist in dieser Richtung nicht ohne Nutzen. Er hat vorzeitig das Ziel enthüllt, wohin, den meisten noch unbewußt, der Weg im Zionismus unter dem Einfluß der politischen Ereignisse geht, und die vorhandene Differenz in tagesheller Klarheit aufgezeigt. Uns aber, die wir keinesfalls vor den Geschehnissen des Tages die Augen schließen, allerdings auch nicht hypnotisiert auf die „moralischen" Erfolge blicken, kann sein Versuch als Rechtfertigung gegen den Vorwurf dienen, als wollten wir uns aus kleinlicher Nörgelsucht der organischen Entwicklung entgegenstellen. In unserer Landesorganisation bestehen Gesetze, die eine vollständige Trennung der zionistischen und politischen Organisation statuieren, eine prinzipielle Scheidung beider Bewegungen verlangen. Diese Gesetze haben den Beifall des Gg. Adolf Böhm, und er hält die Frage damit für gelöst. Diese Gesetze haben auch meinen Beifall. Aber sie werden nicht beobachtet. Sie werden tagtäglich von denjenigen übertreten, für die sie eigentlich geschaffen wurden. Ein solcher Zustand ist unhaltbar und unwürdig, und er birgt für den Bestand der Organisation große Gefahren in sich. Hier muß Wandel geschaffen werden, auf die eine oder andere Weise. Das war der Zweck meines letzten Artikels; den Zweck verfolge ich auch heute. Gg. Adolf Böhm wollte die in dieser Richtung wegen Verletzung der in der Organisation geltenden Gesetze erhobenen Vorwürfe widerlegen; und er wollte beweisen, daß die innerpolitische Aktion und ihre Forderungen der nationalen Autonomie mit dem Zionismus vereinbar ist. Ich glaube, er hat bewiesen, was er widerlegen, und widerlegt, was er beweisen wollte. Über die prinzipielle Seite des Problems ein andermal. BRIEF AUS BÖHMEN Prag, 24. Juni 1907. Wir erleben jetzt große Zeiten — und noch schöner als dies: es ist kein kleines Geschlecht, welches diese Zeiten vorfinden. Zuerst kamen die Wahlen; wer es nicht miterlebte, wird die Spannung nicht verstehen, mit der jedes Teilresultat, die Abstimmung aus jedem Dorf Galiziens hier erwartet wurde. „Ist es wirklich wahr, daß dort das ganze Volk hinter uns steht, daß die ganze Jugend, die Studentenschaft voran, für uns kämpft? Ist es nicht unser unverbesserlicher „Optimismus, der uns alles dies vortäuscht?" Dann kamen die Berichte: ja, es war wirklich so! Die ganze akademische Jugend war hin ausgeströmt aufs flache Land, um ohne Bedenken auf „Carriere" und sonstige „höhere Rücksichten" für Recht und Freineil, für Recht und unsere Freiheit einzustehen und zu kämpfen. Dann kamen wieder bange Zweifel: wir sind ja angeblich nicht „disziplinierbar", und jeder von uns muß seine eigene Meinung haben und durchsetzen. Und wieder kamen die Berichte: geschlossen, wie eine Kriegertruppe, traten unsere jüdischen Brüder in den Wahlkampf. Und schließlich kam die Furcht: werden sie dem furchtbaren Druck von oben widerstehen können? Der Bezirkshauptmann hatte, als nichts mehr half, die Vertreter der Gemeinden berufen und ihnen alle Schrecken der Behördenfeindschaft ausgemalt: „Und wenn Sie uns die rechte Hand abhacken lassen, Herr Bezirkshauptmann, so werden wir mit der linken Hand den zionistischen Stimmzettel abgeben", war die Antwort. Dann kamen die Resultate der Wahlen und Stichwahlen, der Jubel über jeden Sieg, die Erbitterung über jedes Mandat, welches durch offensichtlichen Betrug uns geraubt war; und bei allen Juden, auch bisherigen Gegnern, die unbewußte Ahnung oder die Erkenntnis von etwas völlig Neuem: von der Beteiligung von Juden als Juden an der Regierung des Landes; denn in Österreich ist das Parlament keine Scheinvertretung, sondern wirklich maßgebend für die Gesetzgebung und — was noch wichtiger ist — für die Art der Anwendung der Gesetze. Das erste Mal seit fast 2000 Jahren, daß wir wieder, in einem Lande wenigstens, über unsere Geschicke selbst verfügen dürfen! Mit einem Male fanden wir auf allen Seiten Verständnis; und das Verständnis wurde plötzlich und unerwartet Sympathie durch die Affaire Groß, das zweite große Ereignis in der heurigen Geschichte des österreichischen Judentums. Groß war nämlich der Führer der Deutsch-Liberalen, der Partei, welcher bisher ein westösterreichischer Jude eigentlich schon von seiner Geburt an angehörte. Die 3 Wiener Bezirke, in welchen Juden die Majorität haben oder ausschlaggebend sind, haben natürlich Deutsch-Liberale gewählt, darunter 2 Juden. Wo sonst Liberale durchdrangen, geschah es mit Hülfe von Juden, und vor den Wahlen ließ auch der Liberalismus wirklich nichts zu wünschen übrig. Nach den Wahlen hatten die Zionisten vorausgesagt, würde sich das Bild ändern; aber gar so rapid hatten nicht einmal wir es uns gedacht: denn schon wenige Tage nach den Stichwahlen erklärte Herr Groß im Namen der übrigen Parteigenossen, daß die drei Wiener Abgeordneten nicht mit in die Partei aufgenommen werden könnten: zwei von ihnen seien ja Juden und der dritte zu freisinnig, und die Liberalen wollen mit den Nationalen und Agrariern eine große reaktionär-antisemitische Gruppe bilden. Das war selbst unseren deutsch-liberal-assimilatorischen Blättern und deren Lesern zu viel; so hatten sie sich die Entwicklung nicht gedacht, und als jetzt das Programm des „Jüdischen Klubs" erschien, welches in seiner Klarheit, freiheitlichen Gesinnung und Zweckmäßigkeit jedem einzelnen aus der Seele zu sprechen schien, da wurde es plötzlich allen klar, wohin sie gehörten. Allen denkenden wenigstens und allen ehrlichen; denn aussterben werden die Kriecher und Streber nie, das haben einige trotz allem unentwegt liberale Denunziantenseelen in Prag bewiesen: dies ist das dritte große Ereignis unseres zionistischen Lebens der letzten Wochen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.