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Die Welt · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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No. 26 NEBELT lassen, daß sie darin niemals offiziell Wahlagitation treiben darf, wäre auch ohne die Beschlüsse des Krakauer Parteitags selbstverständlich. Die „Jüdische Zeitung" bedeutet, als Organ der zionistischen Landesorganisation oder auch nur, wie sie sich heute nennt, des innerösterr. Distriktskomitees betrachtet, eine eklatante Verletzung der Krakauer Thesen, mit denen Herr Böhm, paradiert. Wir haben also die Wahl, eines von zweien anzunehmen: entweder hat die Redaktion der „Jüdischen Zeitung" die Parteitagsbeschlüsse mißachtet — oder Gg. Böhm und seine engeren Gg. haben in einer unangebrachten Weise Nachrichten in die Öffentlichkeit lanciert, die ihnen als unrichtig bekannt sein und durch welche Gesinnungsgenossen diskreditiert werden mußten. Ein Drittes gibt es nicht. Für jeden Fall aber steht eines fest: das kritisierte Verhalten läßt selbsj jene Rücksicht vermissen, die mir unter Gesinnungsgenossen unerläßlich scheint. Ob Herr Böhm nach dieser Probe auf die Feststellung, daß ihnen formell kein Vorwurf zu machen sei, noch besonderen Wert legen wird? Und ob er die Behauptung aufrecht erhalten wird, daß es sich bei der Kritik nur um „vereinzelte Anfechtungen" handelt? Denn dieser Einzelfall ist kein Einzelfall, — er ist ein Beispiel aus einer ganzen Reihe ähnlicher: Die Verbreitung von derartigen unrichtigen Meldungen ist schon fast Gewohnheit. Wir haben immer dazu geschwiegen. Es war unrecht von uns. Dieses Vorgehen der zionistischen Politiker hat für die Vertreter des „reinen" Zionismus in persönlicher Hinsicht Konsequenzen gezeitigt, die es begreiflich erscheinen ließen, wenn der eine oder der andere sich verbittert von der aktiven Arbeit fernhalten würde. Gestützt auf die „selbstverständlichen" Beschlüsse der Parteitage haben wir stets die Anschauung vertreten und verkündet, daß die zionistische Landesorgatiisation keine politische sei, daß jeder Gesinnungsgenosse in politischer Hinsicht frei sei, und daß Zionismus und innere Landespolitik unmittelbar miteinander nichts zu tun hätten. Durch Vorgänge, wie der geschilderte, werden wir nicht nur desavouiert — ohne Berechtigung —, wir können vor Freund und Feind, die ein Recht darauf haben, uns für die Wahrheit unserer Behauptungen persönlich verantwortlich zu machen, — Gefahr laufen, als solche, die nicht wissen, was sie wollen, oder als Unaufrichtige bloßgestellt zu werden. Sollen aber wir österreichische Zionisten, gleichviel welcher Richtung, in der Landesorganisation einträchtig zusammenarbeiten, — und das ist doch wohl unser aller Ziel, — dann ist die erste Voraussetzung die Achtung vor der abweichenden Meinung des anderen, die loyale Respektierung des fremden Standpunktes und gleichwertende Anerkennung, — die Beobachtung der Parteigesetze, nicht nur formell, sondern auch dem Geiste nach. Eine weitere Voraussetzung ist, Jaß von keiner Seite und bei keiner Gelegenheit etwas geschieht, was wie eine Abschwächung unseres Programms, eine Preisgabe der zionistischen Grundsätze gedeutet werden könnte, daß nichts dergleichen geschieht, noch geduldet wird. Gesinnungsgenosse Böhm hat bereits eine solche Zumutung für sich und die anderen empört zurückgewiesen. So will ich denn nichts anderes tun, als ohne jeden Kommentar eineStelle aus derselben „JüdischenZeitung" und derselben 1.Nummer im Wortlaut zitieren. In diesem „offiziellen" Parteiorgan heißt es an der einzigen Stelle, die vom Zionismus handelt, in einem Propagandaartikel für den Reichsratskandidaten Dr. Schalit wörtlich: „Dr. Schalit ist aber Zionist! Dieser Vorwurf wird noch immer von jenen Leuten erhoben, die heute noch das von den hämischen Gegnern des großen Herzl ausgestreute unsinnige (!) Märchen (!) glauben, die Zionisten wollten die Juden zur Auswanderung nach Palästina bewegen! Es ist "traurig und beschämend, daß man so etwas noch widerlegen muß. Der Zionismus will für die Hunderttausende (!) von Juden, die heute (!) schon auswandern und nirgends ein Asyl mehr haben, eine Heimstätte in Palästina schaffen, wo die Juden sich wieder kulturell, wirtschaftlich und politisch frei ausleben können. Es ist selbstverständlich, daß dieses Volkszentrum, dessen Schaffung schon im Werden ist, äußerst günstig auf die Lage der Juden in aller Welt einwirken wird. Aberdiezionistische Partei hat auch noch nicht einen (!) Juden zur Auswanderung veranlaßt. (!) Das also soll die Sünde des Dr. Schalit sein, wegen welcher er nicht gewählt werden darf, daß er seit 10 Jahren für das Wohl seiner unglücklichen, durch die Welt wandernden Stammesgenossen aus Galizien, Rußland und Rumänien (sie) arbeitet. (!!!) Wir betrachten das als seinen größten Ruhmestitel!" Das Zitat ist wörtlich. Nichts wurde weggelassen, nichts hinzugefügt. Diese Stelle braucht keinen Kommentar! Sollte aber irgendein Leser finden, daß hier jemand „zionistische Ideale in die Tasche gesteckt oder sie in politisches Kleingeld für den Tagesbedarf umgewechselt habe", dann will ich festgestellt haben, daß ich nur zitiere und daß mein Zitat keineswegs aus dem Zusammenhang herausgerissen ist. Ich will nun selbstverständlich nicht den ^Staatsanwalt spielen; ich verstehe gut, daß eine Entgleisung, ein Übersehen im Drange der politischen Geschäfte einmal unterlaufen kann, und denke nicht daran, den nominell hierfür verantwortlichen Gesinnungsgenossen einen Strick daraus zu drehen. Aber zu volltönender Abkanzelung der Kritik scheint mir danach recht wenig Anlaß vorhanden zu sein. Man wird es jetzt besser verstehen, warum uns die Notiz über den „offiziellen Charakter" der „Jüdischen Zeitung" mit Unruhe und Erbitterung erfüllen mußte. Waren es doch nicht bloß wir, die diskreditiert wurden, sondern der Zionismus selbst. Ich habe Grund anzunehmen, daß manche von den „Politikern" sich dieser Interpretation des Zionismus geschämt haben und daß sie gerade von ihrem Standpunkte d:e meiner Ansicht nach auch zu Wahlzwecken gar nicht notwendige und so wenig mannhafte Preisgabe zionistischer Ideale bedauert haben. Gg. Adolf Böhm ist allerdings ganz anderer Ansicht. Er ist stolz auf das Geschehene, rühmt sich dessen und sonnt sich froh im Lichte der „moralischen" Erfolge; und ich muß annehmen, daß auch die Nummer 1 der „Jüdischen Zeitung" einschließlich der kritischen Stelle in seinen Augen als „moralischer" Erjolg erscheint. Den Gg. Böhm haben diese „moralischen" Erfolge kühn gemacht. Sein Ehrgeiz ist ins Große gewachsen; und er ist entschlossen, das so vielversprechend begonnene Werk würdig zu vollenden. Er will es krönen durch eine umstürzende Revision der zionistischen Theorie! Berthold Feiwel, ein bewährter Gesinnungsgenosse und seiner Neigung nach ein Freund der innerpolitischen Bewegung, hat unlängst hier zugestanden, daß die Anhänger der letzteren Richtung zwar nicht in der Praxis, wohl aber in der Theorie unrecht haben.*) Die zionistische Tendenz umschreibt er hierbei mit den glücklich gewählten Worten „daß der Zionismus die trügerischen Fäden, die uns mit dem Golus verbinden, zu lösen, nicht zu verdichten habe". Aus dem Dilemma zwischen Theorie und Praxis hilft er sich mit der dilatorischen Erklärung, daß es, bedingt durch die Forderungen des Lebens, Ausnahmen von der Theorie geben müsse. Gg. Böhm weiß den Sinn und Zweck der ausweichenden Antwort nicht zu würdigen. Er ist nur eifrig und offenbar wenig beschwert durch Respekt vor der bisherigen theoretischen Fundierung des Zionismus. Er verwirft die Antithese von Theorie und Praxis vom StanJpunkt der „verstandesgemäßen" Betrachtung aus ja ganz konsequent und sagt wörtlich: „Wenn unsere Theorie vom Leben über den Haufen gerannt wird, dann ist sie eben falsch." Und Gg. Böhm beweist, daß diese Theorie, deren Kern er in den oben zitierten Worten Feiwels findet, falsch ist; und zwar geschieht dies auf die Weise, daß er ihr, die nach seiner Angabe als Axiom im Zionismus gegolten hat und die von allen hervorragenden Zionisten bis auf den heutigen Tag vertreten wurde, die Marke „Verelendungstheorie" umhängt. Diese Art von wissenschaftlicher Polemik ist nicht neu. Man diskreditiert gegnerische Anschauungen, indem man ihnen einen falschen Namen gibt und nun gegen djn Begriffsinhalt des letzteren polemisiert. Ist man sehr vorsichtig, so definiert man die Bezeichnung bei ihrer ersten Verwendung, -— natürlich nicht ihrem eigentlichen Wortsinn nach, sondern in willkürlicher und gezwungener Auslegung. Man kann das ruhig tun; auf der nächsten Seite haben Schreiber und Leser diese dem Worte aufgezwungene künstliche Definition längst vergessen; und alle Leser *) Ohne mich in die vorstehende Diskussion einmengen zu wollen, möchte ich nur zur Beseitigung eines Mißverständnisses, das sich auch bei Herrn Böhm einsteilte, ganz kurz bemerken, daß der hier zitierte Satz in dem betreffenden Artikel vollständig folgendermaßen lautete: „Ich möchte meinen Standpunkt in etwas paradoxer Form ausdrücken: In der Theorie haben die Gegner der zionistisch-politischen Gegenwartsarbeit recht, in der Praxis deren Anhänger." „In etwas paradoxer Form" — das sollte andeuten, daß der Satz nicht absolut gilt. Natürlich gibt es auch manche theoretisch zu belegende Argumente für die innerpolitische Betätigung, die ja oft genug genannt werden. Aber nicht sie, sondern die gegenwärtige Gestaltung der Golusverhältnisse, hauptsächlich die Notwendigkeit der Nationalisierung unserer Massen, geben nach meiner Meinung angesichts der schwerwiegenden Gegengründe den Ausschlag. B. F.

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