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Die Welt · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die innerpolitische Betätigung der österreichischen Zionisten Eine Antwort von EMIL MARGULIES (Trautenau) In Nr. 24 der „Welt" hat Gg. Adolf Böhm zu obigem Thema das Wort genommen. Er versucht zu beweisen, daß die innerpolitische Betätigung mit dem Geiste des Zionismus nicht im Widerspruch stehe, und er versucht den Vorwurf zu widerlegen, daß die österreichischen Zionisten, welche sich an der politischen Aktion beteiligt, hierbei gegen in der Organisation geltende Normen und gegen zionistische Prinzipien sich vergangen haben. In letzterer Richtung wendet sich, wenn ich recht verstehe, ein Teil seiner Ausführungen auch gegen Bemerkungen, die ich hier unter dem 24. Mai 1907 gemacht habe. Seine Ausführungen erfordern eine Antwort in beiden Richtungen, u. zw. zwingt mich folgendes dazu: erstens der von Herrn Böhm unternommene Versuch, die zionistische Theorie so fortzuentwickeln, daß sie sich schließlich auch der innerpolitischen Betätigung anschmiegt; dann aber die Darstellung, die er von gewissen Vorgängen in der österreichischen Organisation gibt, und die Art, wie er die Kritik abtut. Das prinzipielle Thema scheide ich heute aus der Erörterung aus, es einem zweiten Aufsatze vorbehaltend, und wende mich dem anderen Teile zu. Es gibt in unserer Organisation tiefgehende prinzipielle Differenzen. Sie führen zu Vorfällen, bei denen die eine oder andere Gruppe sich benachteiligt fühlt. Nur offene Aussprache dieser Differenzen und dessen, wodurch sich die Minorität in der Partei beschwert fühlt, kann zur Verständigung führen. Diese aber ist die unentbehrliche Voraussetzung für gerneinsame solidarische Arbeit. Mir scheint es von Nutzen, wenn hierzu der erste Schritt noch vor dem Parteitag geschieht, damit in der Angelegenheit Prinzipien und nicht Temperamente einander gegenüber treten. Nach der Darstellung des Gg. Böhm aber wäre in der Organisation alles in bester Ordnung, — wenn es nicht ein paar böse Buben gäbe! — Natürlich finden sich diese nur im Lager der Gegner der innerpolitischen Betätigung, da Gg. Böhm ein Anhänger dieser ist; die andern: — „kein Engel ist so rein". Herr Böhm beklagt sich, daß sie „ganz ungehörigerweise'1 auf würdige, angesehene Bürger Steine werfen. „Glücklicherweise" — so tröstet er sich jedoch — „sind diese Anfechtungen vereinzelt geblieben, in der Organisation ist das Vertrauen unerschüttert.4' Die Geste, mit der Gg. Böhm die vermessenen Kritiker in Verachtung vernichtet, ist recht energisch, sie scheint mir aber hier nicht am richtigen Platz. Nachdem wir fast zwei Jahre zu allem geschwiegen und unserer zionistischen Arbeit nachgegangen, habe ich in einem Augenblick, wo eine organisatorische Zusammenfassung weit differierender Gruppen geplant ist, angedeutet, daß in der Organisation nicht alles in Ordnung ist. Nicht aus Freude an der Kritik, sondern um klarzustellen, worüber eine Vereinbarung notwendig getroffen werden müßte, unter welchen Voraussetzungen unserseits der geplante Zusammenschluß gefördert würde. Gg. Böhm findet das ungehörig, und so werde ich aussprechen, was ich früher nur angedeutet, begründen, warum Skepsis und Bedenken uns erfüllen. Gg. Böhm schreibt: „Formell ist uns nicht der geringste Vorwurf zu machen"; er stützt diese Behauptung auf eine sehr gedrängte und nicht sehr genaue Wiedergabe der Thesen vom Krakauer Parteitag (1. Juli 1906). Hier ist schon ein Umstand verdächtig. Warum diese Einschränkung auf das letzte Jahr? Es hat ja niemand behauptet, die Erfahrungen, welche uns einer gewissen Richtung gegenüber bedenklich machten, erst in der Zeit vom Krakauer Parteitag 'gemacht zu haben. Diese Einschränkung ist eine ganz willkürliche und beabsichtigte, und sie verfolgt den deutlichen Zweck, alles aus dem Weg zu räumen, was die Harmonie in Rosa in seiner Darstellung der Geschehnisse stören könnte. In diesen sanften Farbenton muß ich einige andere Farben mischen. Die Wiedergabe der Thesen des Krakauer Parteitags ist ebenso willkürlich als die zeitliche Einschränkung; sie ist weniger von realistischen als von ästhetischen Absichten diktiert. Indem Gg. Böhm These 1: „Die zionistische Organisation ist keine politische Partei" zitiert, bemerkt er dazu, daß dieser Satz „als Selbstverständlichkeit eigentlich überflüssig war". Ich bin nun allerdings im allgemeinen auch der Ansicht, daß dieser Grundsatz in unserer Organisation so selbstverständlich sein sollte, daß es überflüssig sein müßte, ihn erst besonders in einer Resolution festzulegen. Liegen aber einmal die Verhältnisse so, daß diese Selbstverständlichkeit nicht mehr selbstverständlich ist, daß es eines harten Kampfes bedarf, um sie zur Anerkennung zu bringen, dann sagt derjenige, welcher nachträglich in Besprechung dieser Ereignisse ganz harmlos bemerkt, daß die Deklarierung des Grundsatzes als Selbstverständlichkeit überflüssig war, damit noch keine Unwahrheit, aber er gibt der Wahrheit nicht, was ihr gebührt. Gg. Böhm hat ein teilweise schlechtes Gedächtnis, ich will ihm aufhelfen. Weiß er nichts mehr von der Landeskonferenz, die am 20. Mai 1906 in Wien getagt, und die gegen seine Stimme beschlossen. hatte, die so selbstverständlich unpolitische zionistische Organisation in eine politische Partei umzuwandeln? Hat er es ganz vergessen, daß der Krakauer Parteitag, der als außerordentlicher tagte, ursprünglich als ordentlicher beschlossen und einberufen worden war, mit dem Programm, diese Umwandlung in eine politische Partei durchzuführen? Und daß es erst stürmischen Protestes — oder wie er sagen würde, vereinzelter ungehöriger Anfechtungen — aus der Organisation und schließlich des Vetos einer höheren Stelle bedurfte, um die wahlreformerfüllten Gesinnungsgenossen zur Klarheit zu bringen und die zionistische Landesorganisation gleichsam im letzten Augenblick vor einem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Ganz so harmlos war die Situation wirklich nicht. Und wenn wir Gegner der zionistischen Landespolitik damals Thesen deklarativer Art, die von platonischen Erwartungen sprachen, ohne starke Opposition hingenommen haben, dann geschah es nur aus dem Gefühl, daß es in dem Augenblick um die Existenz der Landesorganisation ging und daß in dieser Situation vor der Notwendigkeit, sie zu erhalten, alle anderen Fragen in den Hintergrund zu treten hatten. Aber es hat außerordentliche Anstrengungen und schwere Kämpfe gekostet. Wir haben diese Ereignisse gut in der Erinnerung behalten. Denn ohne Freude, mit schmerzlichem Bedauern w;enden wir unsere Kräfte nach innen. Allerdings haben wir auch nicht wichtige Gründe, sie zu vergessen. Auf diese Ereignisse vor und bis zum 1. Juli 1906 gründet sich ein Teil der „ungehörigen Anfechtungen vereinzelter Art". Aber ich will an das Gedächtnis des Gg. Böhm nicht erst viele Anforderungen stellen. Ich will ihm freiwillig in die zeitlich so eng gezogenen Grenzen folgen und hier zur Illustrierung aus meinem reichen Material ein einziges Geschehnis herausgreifen. Es datiert aus allerjüngster Zeit, liegt so nahe, daß man es beim besten Willen nicht vergessen haben kann; es zeigt deutlich, welche Rücksichtnahme zionistische Interessen und Kreise von der Seite, für die Gg. Böhm spricht, zu erwarten haben, wenn sie diesen zufällig nicht konvenieren; wie manche auf ihre Korrektheit überaus stolze Gesinnungsgenossen es mit der Beobachtung der Parteigesetze, der Achtung vor den andersgesinnten Zionisten halten; und wie sich unter dem Einfluß der zionistischen Landespolitik der Zionismus selbst entwickelt; schließlich aber ist Gg. Adolf Böhm für diesen Fall persönlich mit verantwortlich. Am 10. Mai d. J. erschien in Wien ein neues Blatt: „Jüdische Zeitung." Seinem Inhalt nach repräsentierte es sich als Wahlflugblatt anläßlich der Reichsratswahlen. Man konnte gar nicht anders annehmen, als daß man ein Blatt der Jüdischen Nationalpartei vor sich habe. Vom Zionismus war nur an einer Stelle flüchtig die Rede, wo der Versuch gemacht wurde, den Reichsratsk ndidaten Dr. Schalit sozusagen gegen den Vorwurfzu entschuldigen, daß er Zionist sei. Kurze Zeit darauf aber brachten verschiedene Parteiblätter eine Notiz — offenbar von der Redaktion der „Jüd. Ztg." eingesandt —, welche letzteres Blatt als offizielles Organ der zionistischen Partei in Österreich bezeichnete. Diese Notiz behauptete eine erweisliche Unrichtigkeit; denn die österreichische Landesorganisation besitzt kein offizielles Parteiorgan, und nur der Parteitag kann ein solches schaffen. Diese Tatsache war den Einsendern der Notiz ebenso bekannt wie mir. Die nachträglich — nicht öffentlich vorgebrachte Entschuldigung, das i. ö. D. K. habe mit der Herausgabe des Blattes einen Auftrag der Landeskonferenz erfüllt, ist keineswegs ausreichend. Die Landeskonferenz hatte zur Erteilung des parteioffiziellen Charakters kaum die Legitimation. Wollten wir aber diese Entschuldigung formell als ausreichend anerkennen, dann kann doch unmöglich behauptet werden, daß die Herausgabe der „Jüdischen Zeitung" eine Ausführung des Auftrages der Landeskonferenz bedeutete. Die Landeskonferenz kann nur den Auftrag gegeben haben, ein zionistisches Organ unter Beobachtung der geltenden Parteitagsbeschlüsse zu schaffen. Und daß eine unpolitische Organisation ihr „offizielles Parteiorgan" nicht als Wahlflugblatt erscheinen

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