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Die Welt · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 26 DIE^ELT schwerste und härteste Schlag. Denn er war ja kein Hergelaufener, uich kein Outsider. Er war ja selbst Bureaukrat. Sprößling einer iralten, von der Mongolenzeit noch herstammenden russisch-tataischen Adelsfamilie, (die meisten altadligen Familien Rußlands daieren ursprünglich von der Zeit der Khanenherrschaft her und sind atarischer Abstammung), in den Kreisen des hohen Tschin aufgevachsen, selbst in verantwortlicher Stellung seit vielen Jahren, zuerst Adelsmarschall und Semstwo-Vorstand in Kaluga, dann 1902 /ize-Gouverneur inTambow, 1903—1904 Gouverneur in Kischinew, larauf Gouverneur in Twer und schließlich Ministergehülfe) war er in den sogenannten „Regierungsmännern" vollkommen Ebenbürtiger, ier die geheimsten Drähte der Verwaltung, die verborgensten Abichten der Regierung kannte. s Die Memoiren, die Fürst Urussow jetzt veröffentlicht, beziehen ich nur auf die Zeit, die er als Gouverneur von Bessarabien in vischinew zubrachte. Es war die Zeit, die unmittelbar dem beühmten Pogrom von 1903 folgte. General v. Paalen, den man or aller Welt der Schuld am Pogrom, ja sogar der Organiation dieses fürchterlichsten aller Pogrome beschuldigte, konnte uf seinem Platze nicht mehr bleiben. Die öffentliche Meinung erlangte dessen Absetzung. Und sogar Plehwe, dieser brutalste nd rücksichtsloseste aller Minister, sah sich gezwungen, ihn absetzen. Und mit seinem inquisitorischen Blick fand er aus der inzahl der in Betracht kommenden Kandidaten den sanften, gutliitigen Fürsten Urussow heraus und berief ihn auf diesen Posten, ei seinem Empfang gab er ihm den „Rat", „wenig Reden zu alten und keine judenfreundlichen Gefühle zu zeigen". Diesen Rat" hat Urussow doch nicht befolgt. Urussow und Plehwe — is sind zwei interessante Gegensätze, die sich nur aus der psychotischen Analyse dieser zwei verschiedenen Klassen angehörigen lenschentype erklären lassen. Urussow ist der echte russische iberale, so wie ihn einst Turgenjew malte, so wie er noch in der radition lebt. Es war eine Generation russischer Gutsbesitzer nd Adliger, die noch voll und ganz die Grundsätze der Humansten aufbewahrten, sie oft ins Leben umsetzen wollten,— z. B. er „Dekabristen-Auf stand" — und die solche hohe moralische ersönlichkeiten wie Stankewitsch, Tschaadajew, Herzen, Bakunin;w. hervorbrachten. Fürst Peter Krapotkin kam gleichfalls aus eser Sphäre. Sie vereinten in sich beides: die hohe sittliche enkart und die „breite" russisch-gutsherrliche Lebensweise. So i z. B. Herzen, der Revolutionär und Europäer, doch seine Lebzeit n „Barin" (Gutsherr) seinen Gewohnheiten nach geblieben. Was n „Barin" sei, ist schwer zu definieren. Es ist eben „Tradition", ihrhunderte von. Wohlleben haben diesen Typus ausgearbeitet, in echter „Barin" kann kein Mensch der Tat sein, aber auch ein Knutenschwinger, kein Diener der grausamen Despotie. Die lilimmsten Vertreter der russischen Bureaukratie waren nicht die äger der hohen Namen. Unter den Henkern und „Bezwingern" idet man nicht die Namen der Dolgorukis, Schachowskoj, Barjanski, die ältesten Namen der russischen Geschichte. Aber dafür io „Rasnotschinzy", die Plebejer von gestern, die heute Herren urden. Sipjagin, Plehwe, Witte, Bulygin, Durnowo, Ignatjew nd tutti quanti waren emporgekommene kleine Leute, denen der •nechtsinn von gestern noch im Blute liegt, waren Glücksjäger nd „Arrivisten". Sie hatten keine erbliche Intelligenz, keine verebten Grundsätze, keine Atmosphäre der Kultur, und deshalb war -•s für sie leicht, sich über jedes sittliche Prinzip hinwegzusetzen, ubald es galt, die Karriere zu befestigen. Diese Psychologie des russischen „Barin" spiegelt sich auch im ■>uche des Fürsten S. D. Urussow wieder. Es ist das Werk eines .^:uten, ziemlich gescheiten, hochgebildeten Menschen. Aber man "pürt, daß dieser Mensch wohl kaum fähig sein würde, etwas Bedeutendes zu leisten, auf die Geschichte seines Landes einschneidend zu wirken. Nicht er, nicht Fürst Swjatopolk-Mirski, die Stolypins und Durnowos, die ausgeprägtesten „Rasnotschinzy", die Emporkömmlinge, die „kleinen Leute", zimmern oder vielmehr schustern das neue Rußland zurecht..... Was Urussow als Gouverneur von Kischinew geleistet hat» läßt sich nicht genau bestimmen. Man könnte eigentlich sagen: nichts. Aber er trug einen Geist der Versöhnlichkeit, der Beruhigung und der sittlichen Gesinnung in die Bevölkerung hinein und beruhigte vor allem die Juden. Von starken und nachhaltenden Maßnahmen, von weitgreifenden Reformen ist jedoch nichts zu merken. Natürlich, — wenn man Plehwe zum Minister hat, kann der beste Gouverneur nichts leisten. Die Zeit der Urussowschen Verwaltung Bessarabiens verlief ruhig, und deshalb enthält auch der Bericht des Exgouverneurs keine besonders ergreifenden, packenden Stellen. Was die Juden anbetrifft, so verhält sich Urussow im allgemeinen sehr sympathisch, tritt für ihre volle Gleichberechtigung ein, paktiert jedoch mit den Verhältnissen und beruhigt sich auch mit halben Maßregeln. Er. ist eben keine Kampfnatur. Und das ist das Unglück Rußlands, daß gerade seine besten, edelsten Menschen so wenig politisches Kampftemperament haben. . . . Ober die Lage der Juden in Bessarabien und das Verhältnis der übrigen Bevölkerung zu ihnen, über die Entstehungsgeschichte des ersten Kischinewer Pogroms erzählt uns Urussow nichts Neues. Er hebt das gutmütige, freundliche Verhältnis des faulen, schwerfälligen Moldawanen, des Autochthonen von Bessarabien, zu den Juden hervor und v/eist die Vorwürfe von der jüdischen „Ausbeutung" mit Hinweis auf die tatsächlichen Verhältnisse zurück. Wir erfahren auch sehr wenig über die eigentliche Rolle der Regierung bei den Pogromen. Wir hätten gerade in dieser Beziehung von Urussow mehr erwartet. Hat er doch in der Duma solche eklatante Enthüllungen gemacht! In diesem Buche versucht er sogar, Plehwe wie auch den Gouverneur von Kischinew, v. Paalen, — von der Beschuldigung reinzuwaschen, als hätte er direkt den Pogrom organisiert. Aber aus verschiedenen Andeutungen geht doch hervor, daß Plehwe Schuld hatte. Übrigens schiebt Urussow die Verantwortung für die Pogrome vollends der Zentralregierung zu, ohne jedoch neue, tatsächliche Enthüllungen zu machen. Höchstens erfahren wir von den verschiedenen Machenschaften der untergeordneten Behörden, so z. B. den Kunststücken des gewesenen Vizegouverneurs von Kischinew, Ustrugow, der in puncto Judenbedrückung und Deutung der Gesetze zuungunsten der Juden ein unerreichter Meister war. Er ignorierte sogar die Senatserlässe, wenn sie zugunsten der Juden ausfielen, wofür er schließlich doch seines Amtes enthoben wurde. Auch über Plehwe, diesen jedenfalls merkwürdigen Menschen, der ein bestimmtes Programm und ein unverrückbares Ziel hatte, erfahren wir fast nichts. Die Äußerungen über ihn, die in dem Buche sich befinden, sind zu flüchtig, treffen nicht den Kern der Sache. Manche Bemerkungen verblüffen uns. So z. B. erklärt Fürst Urussow, P. N. Durnowo, dieser berüchtigte Pogromgauner und Freund Trepows und Plehwes, sei gegen die Regeln vom 3. Mai 1882, d.h. gegen die vom „Lügenpascha" Ignatiew erlassenen Judengesetze und -Beschränkungen. Durnowo als Judenfreund! Das hätte verdient, näher beleuchtet zu werden. Aber Urussow hat nicht die Kraft der scharfen Charakteristik und Beleuchtung, wendet seine Aufmerksamkeit zugleich mehr Persönlichkeiten zweiten und dritten Ranges zu, die die breite Öffentlichkeit nicht interessieren können..... Alles in allem, ein sehr interessantes Büchlein eines liebenswürdigen „Liberalen"! A. Cor.

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