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Die Welt · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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schon überzeugten Zionisten selbst für die Propaganda wichtiger, als eine mit oberflächlichem Material betriebene Agitation nach außen. Heute aber kann selbst der eifrigste, wissensdurstigste Zionist nicht zu allen Quellen niedersteigen, weil diese noch nicht völlig erschlossen sind. Das ist ein ganz unerträglicher Zustand. Den Luxus einer wissenschaftlichen Revue, deren Schaffung von einigen Gesinnungsgenossen verlangt wird, können wir uns heute leider noch nicht leisten. Selbst die „Neue Zeit" hat trotz der sozialistischen Millionenheere noch immer ein Defizit Aber bei dem Anwachsen der Zahl lokaler Parteiblätter könnte die „W e 11" ihren Charakter ändern. Dies ist mein Wunsch zu ihrem Jubiläumstage. Sie sollte fortan eine Verbindung von Amtsorgan und wissenschaftlicher Revue darstellen, sich nicht mehr mit Tagesfragen beschäftigen und auch ihren literarisch-feuilletonisiischen Anstrich verlieren. Jedes Land hat heute sein zionistisches Organ, für Deutschland ist die Erörterung der Tagesfragen Sache der „Jüdischen Rundschau", für Österreich die der neugeschaffenen „Jüdischen Zeitung". An dem erwähnten Mangel sind wir aber selbst schuld, nicht nur unsere Leitung, weil wir ihn noch nicht stark genug empfunden und noch nicht laut genug nach Abhilfe gerufen haben. Bisher ist nur bei den Poale Zion, eben weil sie durch die sozialistische Wissenschaft geschult sind, das Bedürfnis nach theoretischer Durchbildung des Zionismus zutage getreten. In ihren Blättern finden wir gediegene Diskussionen über unsere Probleme, deren Höhe anerkennenswert ist, mag man mit dem Inhalt übereinstimmen oder nicht. Im bürgerlich-zionistischen Lager — wenn diese Bezeichnung überhaupt gewählt werden darf — ist es damit recht schlimm bestellt. Wir lebten bisher von ein paar mehr oder minder verschlissenen Theorien. Damit füllten wir unsere Broschüren, unsere Reden, unsere Presse. Aber selbst angenommen, all unsere Theorien wären richtig und allein genügend, alle Probleme zu bewältigen, die auf uns einstürmen, so ist ohne eine Umhüllung des Gerippes mit Fleisch weder Interesse zu erwecken noch das erweckte zu erhalten. Schopenhauer hat, wie er selbst einmal bemerkt, Bände geschrieben, das Werk seines Lebens daran gesetzt, um einen einzigen Gedanken auszusprechen. Auch wir müssen zumindest unser halbes Dutzend Grundgedanken mit viel mehr Material belegen, als bisher, wenn schon Gesinnungsgenossen eine „Revision" dieses Grundgedanken selbst für unnötig halten sollten. Die Frage der inneren Politik war nur der Anlaß für obige Anregungen, sie ist aber nicht etwa jene, bei welcher der erwähnte Mangel am empfindlichsten fühlbar wäre. Denn dafür, daß notwendige Entwicklungen vor sich gehen, wenn auch eine mangelhaft weitergebildete Theorie sie verbieten will, sorgt schon das Leben. Der Mangel einer theoretischen Durchbildung ist vielmehr am deutlichsten fühlbar geworden, als es sich um die Frage einer Auseinandersetzung mit der Poale Zion handelte, und manche „Bürgerliche" einen schneidigen Angriff forderten, ohne daß sie den scharfgeschliffenen geistigen Waffen der Poale Zion etwas Ebenbürtiges hätten entgegensetzen können. Nach dieser Richtung haben wir bisher die größten Unterlassungssünden begangen. Am 2. November 1906, also vor fast dreiviertel Jahren, hat die „Welt" den Bericht über das Parteiprogramm der österreichischen, am 23. November 1906 jenen der russischen Poale Zion abgedruckt. Bis heute vermissen wir auch nur die kleinste Diskussion, geschweige denn eine gründliche theoretische Debatte über diese Programme. Und es handelt sich um nichts Geringes. Das Programm der russischen Poale Zion spricht im Punkt III 7 mit aller Deutlichkeit aus, wie sich die marxistischen Zionisten den Aufbau des Judenstaates vorstellen. Die Bürgerlichen regulieren die Übertragung des Kapitals nach Palästina — die Arbeiter jene des Klassenkampfes. Begreift man nicht, daß in dem absehbaren Momente, wo die Poale Zion zu einer starken Fraktion am Kongresse anwachsen werden, erbitterte Kämpfe über die sozialen Fragen zu gewärtigen sind, . wenn bis dahin einerseits die Poale Zion am extremen Marxismus festhalten, anderseits die „bürgerlichen" Zionisten nicht das geringste soziale Programm für unsere Bewegung ausarbeiten werden. Ich halte die Kämpfe über diese Fragen für die wichtigsten und gleichzeitig gefährlichsten. Sie können unsere Organisation, die für heftige Prinzipienkärnpfe heute noch viel zu schwach ist, direkt sprengen. Zumindest aber besteht die Gefahr, daß die Arbeiter aus unserem Lager in jenes des Bundes oder der separatistischen Sozialdemokratie getrieben werden könnten. Der Zionismus kann aber nie und nimmer jene Klasse entbehren, welche das lebendigste und vorwärtsdringenste Element in seinen Schlachtreihen darstellt. Der Dogmatismus der Poale Zion birgt aber eine noch nähere Gefahr. Jeder flüchtige Besucher Palästinas wird dort, gleich mir, die Wahrnehmung machen, daß das revolutionäre Treiben, der fanatische Kampf gegen tiefwurzelnde religiöse Überzeugungen und die schematiche Übertragung des Klassenkampfes auf den Boden Palästinas seitens einiger junger russischer Poale Zion nicht nur geeignet ist, die gesamte Judenschaft des Landes gegen den Zionismus zu empören und unser Werk damit aufs ärgste zu gefährden, sondern auch ein Einwanderungsverbot der im Punkte sozialistischer „Umtriebe" äußerst empfindlichen türkischen Regierung zu provozieren. Schon haben gewisse orthodoxe Kreise eine unserer Anstalten als Herd der Revolution beim Pascha denunziert. Man male sich die Folgen aus! Von geringeren Konsequenzen will ich gar nicht reden. So ist die antireligiöse Propaganda mancher jungen Leute Schuld daran, daß einige große Kolonien sich weigern, ihre arabischen Arbeiter durch unsere Pioniere zu ersetzen. Besonnene Poale Zion gaben mir in Palästina selbst zu, daß das Treiben ihrer unbedachten Kollegen unsere Arbeit am schwersten gefährdet. Ich will diese tapferen jungen Leute, welcher unserer Sache mit Begeisterung ihr Leben weihen und nur ihren tiefsten Überzeugungen folgen, gewiß nicht herabsetzen. Im Gegenteil. Ohne dieses Element gibt es kein Vorwärtskommen. Aber ihrem extremen Dogmatismus muß ein Zügel angelegt werden. Das geht aber nur, wenn auf die Schule, aus der sie kommen, Einfluß geübt wird, d. h. wenn wir die marxistische Strenggläubigkeit ihrer heimischen Organisationen bekämpfen. Wir müssen ihnen klar machen, daß das Hineintragen der Klassenkampfidee in den Zionismus ein geradezu herostratisches Beginnen ist. Wie können wir aber die Poale Zion vom revolutionären und marxistischen Sozialismus abbringen, wie können wir die beiden großen Gefahren, welche dessen Eindringen in den Zionismus heraufbeschwört, abwenden, wie können wir den Arbeitern Vertrauen zu unseren Absichten einflößen, was können wir ihnen als Ersatz für ihre so bestechenden Lieblingsdoktrinen bieten, wenn wir, abgesehen von einigen allerdings sehr schön klingenden Allgemeinheiten und utopischen Zukunftsschilderungen, absolut kein soziales Programm haben? Damit habe ich das Problem genannt, welches am dringendsten der theoretischen Durchbildung bedarf. Es soll mich freuen, wenn meine Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen und unsere großen Soziologen sich auf das Kampffeld begeben. Hoffentlich beteiligen sich aber auch alle anderen Zionisten von Bildung und Wissen recht lebhaft an den kommenden prinzipiellen Erörterungen. — Inneres Leben brauchen wir, Kampf und Klärung! Sonst veröden unsere Zirkel und verrosten unsere Waffen! Adolf Böhm, Wien. Aufzeichnungen eines Memoiren sind immer interessant, besonders wenn sie über bewegte geschichtliche Momente Zeugenschaft ablegen. Denn in ihnen tritt vor allern das Unwägbare des Geschehens, die „Stimmung", besonders stark zum Ausdruck. Von welchem unschätzbaren Werte sind z. B. jetzt die Memoiren der Zeitgenossen der großen französischen Revolution! Die kommenden Jahre werden sicherlich auch eine Fülle von Aufzeichnungen aus den Revolutionsjahren Rußlands — die für uns Miterlebende vielleicht erst beginnen — ans Licht fördern. Da werden die verschiedenen Stimmen und Stimmungen zu Worte kommen, der Freunde wie der Feinde der neuen Ordnung. Ich weiß nicht, ob Fürst S. D. Urussow, der vor kurzem einen Band Aufzeichnungen (Kischinew, 1903—1904, Memoiren eines liberalen Gouverneurs Gouverneurs, Berlin, Verl. J. Ladyschmikow, 1907) veröffentlichte, der erste ist, der mit Memoiren hervorgetreten ist. Jedenfalls verdienen sie unsere volle Aufmerksamkeit, da sowohl Gegenstand der Schilderung als die Person des Verfassers selbst für uns von besonderem Interesse sind. Fürst S. D. Urussow ist einer von denen, die in einer Stunde berühmt geworden sind. Er war es, der in der ersten Duma die großen Enthüllungen über die Pogromorganisationen und die Mitschuld der Regierung an den Judenmetzeleien machte. Er war es, der das geflügelte Wort von den Beamten, die „ihrer Erziehung nach Wachmeister, ihrer Gesinnung nach Hooligans (Pogromstschiki)" prägte. Und seine Worte waren damals für die Regierung der

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