Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 26 DIE^ wissen, ist nicht geeignet, andere Hoffnungen zu erwecken, um so mehr, als dieses Deutsche durch die Masse der Bevölkerung doch immer aus der Schriftsprache wieder zum Dialekt geführt wird. Die einzige Bildungssprache, neben der Landes- und Staatssprache von wichtigstem Interesse sind, kann nur das Hebräische sein, das sich ja ohne jede Propaganda unter dem Drange der Notwendigkeit extensiv und intensiv ausbreitet und sich kulturell selbst erhöht. Es fordert eine besondere Arbeit, die verschiedenen Institutionen zu behandeln, die teils für diese Kulturarbeit bestehen, teils gegründet werden müssen. Aber das eine wollen und müssen wir erwähnen, daß ohne eine große Bibliothek keine Kulturarbeit in großem Stile fruchtbringend erwachsen kann. Eine solche öffentliche Bibliothek existiert nicht. Denn d[e Chasanowiczsche sogenannte Nationalbibliothek ist erstlich kaum eine Bibliothek, und dann, soweit sie als solche angesehen werden darf, — nur eine P r i v a t bibliothek der Herren um die Lämelschule. Der vom siebenten Zionistenkongreß eingesetzten Kommission zur Gründung einer Nationalbibliothek war es aus einer erst am Kongreß zu ELT erörternden Schwierigkeit leider unmöglich gemacht, irgendwelche Schritte zu tun, um den Kongreßbeschluß hinsichtlich der Bibliothek auszuführen. Man unterschätze diese Frage nicht. Die Gründung einer Nationalbibliothek, — die bisher keineswegs existiert — ist mindestens so wichtig wie die aller Schul- und Bildungsinstitutionen, die doch nur ihr Ziel erreichen können, wenn sie sich an eine große jüdische und Bildungsbibliothek anlehnen können. Die genannte Privatbibliothek wird für die Kulturbewegung ohne Bedeutung bleiben und wird nur, solange keine Nationalbibliothek existiert, für ihre Besitzer den Wert im Sinne ihrer Jerusalemer Einflußpolitik haben. Dadurch, daß wir diese Gegenwartsarbeit im weitesten Sinne in Angriff nehmen, erhöhen wir den Wert des Landes, in dem wir unserem Volke eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte bereiten wollen. Vor allem aber erhöhen wir den Wert der Juden im Lande und treiben damit eine Politik, die geeignet ist, uns in unserer Arbeit zu fördern. Diese Gegenwartsarbeit ist bereits die Grundlage einer Zukunft. ZUR REVISION DES ZIONISMUS In meinem Artikel über die innerpolitische Betätigung der österreichischen Zionisten („Welt" 24) habe ich die Frage gestreift, ob nicht in mancher Hinsicht eine Revision der bisher in unserer Bewegung herrschenden Grundanschauungen notwendig wäre. Speziell wendete ich mich gegen die Lehre, daß es im Golus keine Möglichkeit einer Besserung unserer nationalen Lage geben könne, welche ich unsere absolute Verelendungstheorie nannte. Mit dieser Terminologie wollte ich absichtlich auf einen gewissen Parallelismus hinweisen, der zwischen der zionistischen und der sozialistischen Theorie besteht. Auch im Sozialismus galt zuerst die absolute Verelendungstheorie, bis sie vom Leben selbst Lügen gestraft wurde und eine allerdings sehr wenig tiefgreifende Revision der Lehre einsetzte, welche als praktisches Ergebnis eine immer stärker werdende Erkenntnis der Wichtigkeit praktischer Gegenwartsarbeit zeitigte. Allerdings hinkte die Lehre der faktischen Entwicklung nach, wie dies auch bei uns der Fall ist. Das Leben, stärker als alle Theorien, hatte zur Gegenwartsarbeit gezwungen, während noch die Lehre von ihrer vollkommenen Nutzlosigkeit unwidersprochen die Köpfe beherrschte. Ich will damit durchaus keine schiefen Vergleiche ziehen. Ich hatte mich ja überhaupt gegen das Vorherrschen der Theorien im Zionismus gewendet, das oft einer natürlichen Entwicklung der Partei hinderlich ist, und betont, daß seine letzten Grundlagen psychologischer Natur sind. Immerhin muß eine Bewegung, die, wie der Zionismus, eine große Zahl von schwierigen Problemen in sich begreift, stets mit gediegenem wissenschaftlichem Rüstzeug auftreten, es muß eine ständige Weiterbildung der Lehre stattfinden. Unter „Revision" verstehe ich vor allem, daß überhaupt eine fortlaufende wissenschaftliche Diskussion über unser System stattfinde. Daß dabei manche unserer Anschauungen modifiziert werden dürfte, wird nur eine der wohltätigen Folgen einer solchen Diskussion sein. Der Sozialismus, welcher, wie der Zionismus, im letzten Ende auch nur willenstheoretisch erklärt werden kann — als Wille zu einer Gesellschaftsordnung sozialer Gerechtigkeit — hat seine in neuester Zeit so mächtige Ausbreitung nur dem Urnstand zu verdanken, daß er nicht bloß als hehre Idee auftrat, sondern daß die Naturnotwendigkeit seines Sieges in immer wissenschaftlicherer Weise, zuletzt in dem grandiosen System von Marx, zu beweisen versucht wurde. Ohne diese Stütze wäre die kontinentale Arbeiterbewegung kaum je eine bewußt sozialistische geworden, (siehe die englische, in welcher das System Georges vorherrscht), ohne sie hätte aber auch der Sozialismus nicht zahlreiche der besten Intelligenzen aus allen Gesellschaftsschichten in seinen Bann ziehen können. Wenn auch die sozialistischen Systeme mit der Zeit schadhaft werden und der „Revision" bedürfen, so bleibt die internationale Diskussion darüber auf anerkennenswerter Höhe und die wissenschaftliche Behandlung der einschlägigen Probleme der Angelpunkt des Parteilebens. Nochmals, ich will nicht etwa in spielerischer Weise hinkende Vergleiche anstellen und kenne sehr wohl die ganz anders geartete Situation der zionistischen Lehre. Eines jedoch ist klar: Die geradezu unfaßbare Tatsache, daß ein so großer Komplex interessanter Probleme, wie ihn der Zionismus darstellt, weder in den Kreisen der Wissenschaftler, — Soziologen, Geschichtsphilosophen etc., — noch überhaupt unter den Gebildeten aller Nationen irgendeiner Beachtung, einer Teilnahme oder wenigstens einer Neugierde betreffs seiner Entwicklung begegnet, ist einzig und allein darauf zurückzuführen, daß es uns vollkommen an einer öffentlichen, fortlaufenden wissenschaftlichen Diskussion mangelt. Die Nachteile, weiche dieses Manko für uns zeitigt, sind von solcher Tragweite, daß es nötig ist, einmal recht nachdrücklich auf sie hinzuweisen. Die erste unangenehme Folge habe ich eben erwähnt, wir entbehren der öffentlichen Anteilnahme, welche den Sozialismus so groß gemacht hat und die allein den Zionismus zu einem Faktor auf den Kampffeldern des Geistes machen könnte und müßte. . Denn daß wir im Verborgenen blühen, daran ist durchaus nicht die Totschweigetaktik der von assimilatorischen Juden geschriebenen Tagesblätter schuld. Gerade die Wissenschaftler schöpfen nicht aus Zeitungen und würden gediegene Werke oder Artikel in wissenschaftlichen Revuen über den Zionismus und seine Probleme gewiß beachten und diskutieren. Die zweite Folge ist ein Abflauen des Interesses, zumindest aber, wenn man von einigen wenigen absieht, ein sehr mäßiges Niveau, stellenweise geradezu schreckliche Flachheit punkto zionistischen Denkens und Wissens in unseren Reihen. Drittens, und das ist vielleicht das Gefährlichste, macht uns die mangelnde Weiterbildung in den inneren Parteikämpfengegen jeden Vorstoß irgend einer energischen Richtung fast wehrlos und von zufälligen Majoritäten abhängig, zufällig nicht nur in der Art ihrer Zusammensetzung, sondern auch bezüglich der mehr oder minderen Schulung der Abstimmenden. Man denke nur an die kommende Auseinandersetzung mit den Poale Zion marxistischer Couleur. Man wird einwenden, daß wir eine ganze Anzahl von Abhandlungen, Schriften und Artikeln haben, die das darstellen, was ich verlange. Dem ist aber nicht so. Wir besitzen nicht ein einziges wissenschaftliches Werk über den politischen Zionismus. Gewiß kann man grundlegende Werke, wie das „Kapital" von Marx eines ist, nicht „verlangen" — das sind Geschenke begnadeter Geister. Was aber angeregt und verlangt werden kann, das ist zumindest eine in wissenschaftlicher Form abgefaßte Darstellung unserer Lehre unter Benutzung all der vorhandenen mitunter großartigen Einzelleistungen. Weiters müßte man hervorragende Zionisten, z. B. die Soziologen in unserer Organisation — auffordern, nicht immer bloß Werke über allgemeine Fragen zu schreiben, sondern auch einmal solche über zionistische Probleme, was, abgesehen von dem inneren Wert, auch den Vorteil hätte, die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt, in welcher jene Namen schon Klang besitzen, auf den Zionismus zu lenken. Ist es nicht traurig, daß wir von einem Nordau, einem Warburg nichts besitzen als ein paar zerstreute Artikel? Weiters müßte das A. C. verpflichtet sein, Schriften bedeutenderen Inhalts, z. B. über den Poale-Zionisrnus und bis heute noch nicht übersetzte Artikel Dubnows, Achad Haams, der Smolenskyrunde u. a. ins Deutsche übertragen zu lassen. Man könnte diese Arbeit auch der Propagandakommission übertragen, denn sicherlich ist die Vertiefung der Idee bei den 2*