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Die Welt · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Hand allein die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gehen muß. Aber immerhin ist es von Interesse zu beachten, daß die Palästinapflanzungsgesellschaft sich von ihr ihre Arbeiten wird vorbereiten lassen müssen und daß die reale Arbeit für den Herzlwald durch diese Gesellschaft gemacht werden wird. Besonders aber wird die Gesellschaft, wenn sie, rationell geleitet, ihre Arbeiten fortsetzen wird, in die Lage kommen, ein altes Problem der jüdischen Kolonisation in Palästina zu lösen, das heute brennender ist als jemals, und das heute viel schärfere Formen angenommen hat als jemals früher. Es handelt sich um die Frage der jüdischen Landarbeiter. Der Arbeiter, die das ganze Jahr über Arbeit finden, sind recht wenige. Dagegen bedarf die bereits bestehende Kolonisation einer recht ausgedehnten Zahl von Saisonarbeitern. Hierfür kamen aber immer nur Araber in Betracht, weil die jüdischen Arbeiter nur dann existieren können, wenn sie auskömmliche Beschäftigung während des ganzen Jahres finden. Wenn man daher in dem Sinne die jüdische Arbeiterfrage lösen will, daß man auch für Saisonarbeit jüdische Kräfte beschäftigen kann, so muß man an Stelle des heimatlosen Arbeiters den kleinen Eigentümer setzen, der, auf die Saisonarbeit angewiesen, aus ihr und seinem kleinen Anwesen eine ausreichende Existenz erzielt Die Ansiedlung von jüdischen Landarbeitern in der Eigenschaft von Kossäthen ist jetzt das wichtigste Problem der landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina. Die Gründung einer Gesellschaft oder Genossenschaft, die ausschließlich die Errichtung kleiner Kossäthengüter zum Zweck hat, ist eine dringende Notwendigkeit, und wir werden in einem weiteren Artikel diese Frage besonders behandeln. Hier liegt die Lösung der Arbeiterfrage und ist zugleich der Weg gegeben, die orientalisch-jüdische Bevölkerung, insbesondere die marokkanischen und jemenischen, die kaukasischen und kurdischen Juden in den Kreis wirkender Siedelungsarbeit zu ziehen. Die heute nach Palästina kommenden jüdischen Arbeiter sind zum geringsten Teile Nicht-Idealisten; dann freilich kommen sie kaum für die Kolonisationssache ernstlich in Betracht, oder sie sind manchmal auch Sozialisten, und zwar solche Sozialisten, denen jedes ernste Verständnis auch des Sozialismus abgeht und die um so mehr von seinen Phrasen beherrscht werden. Wenn diese Arbeiter nichts besitzen und dadurch zu einem fluktuierenden Element in Palästina werden, so schaden sie der Kolonisation. Denn ein gesundes Element sind sie dann nicht. Wenn man sie aber durch ein Stückchen Land, durch ein Häuschen und ein wenig Gemüse- und Blumengarten zu kleinen Eigentümern macht, so verwandelt man das ungesunde fluktuierende Element in eine bodenständige und damit gesunde Bevölkerungsklasse, die im Land und auf der Scholle bleibt. Sie wird danach streben, sich wirtschaftlich in eine höhere Klasse empor zu arbeiten, und die ungesunden Ideen wegwerfen, die Theoreme sind und aus einem Lande stammen, wo sie im Zusammenhang der allgemeinen Unterdrückung in ihrer Entstehung begreiflich sind. Die Umwandlung dieser Arbeiter in Eigentümer, wenn auch noch so kleine Eigentümer, führt sie aus der Welt der Theoreme in die wirkliche Welt wirtschaftlichen Schaffens. In diesem Sinne hat versuchsweise die Agudath-Netaim dem Berliner Kolonisationsverein Esra ein Projekt vorgelegt, das bereits vom Zentralkomitee des Berliner Vereins angenommen wurde. Danach nimmt Esra fünf Serien zu je 10 Teilaktien, d. h. er zahlt in jedem Jahre 5000 Franken, so daß er nach 10 Jahren 5 Serien im Werte von 50000 Franken besitzt. Dafür verpflichtet sich Agudath Netaim, zwanzig Arbeiter in Palästina als Kleinkolonisten anzusiedeln. Sie erhalten ein Häuschen, 15 bis 20 Dunam Gartenland sowie 2 Kühe. Außerdem hat der Arbeiter die Garantie, daß er jederzeit lohnende Arbeit bei Agudath Netaim findet. Aber er bekommt mit dem Lande und dem Hause keinerlei Geschenk. Vielmehr wird ihm vom Ertrage seiner Arbeit in angemessenen Beträgen so viel einbehalten, [daß er die Installierungssumme von 2500 Franken in zehn Jahren von seinem Lohne bezahlt hat. Er erhält also keine Wohltat und kein Geschenk. Die Gesellschaft erhält ihr Geld zurück. Während sie aber die Verpflichtung eingeht, daß sie stets dem Arbeiter Beschäftigung gibt, kann dieser, wenn er das will, auch bei andern Besitzern arbeiten und dann den entsprechenden Betrag selbst zahlen. Hier ist ein Weg zur Lösung der Arbeiterfrage gegeben, der gangbar ist und zum Ziele führt. Freilich wird der Weg nicht dadurch besser, daß man sachverständige Leute aus Berlin hinüberschickt, um die Arbeiten auszuführen oder an Ort und Stelle zu überwachen. Wenn das aber gar sachunverständige Leute sind, so darf man nur dringend vor dieser Verschwendung warnen. Die Gesellschaft Agudath Netaim besitzt schon zwei Ländereien und hat schon jetzt für 20 bis 30 Arbeiter Beschäftigung, die das ganze Jahr über arbeiten können, teils in Rechöbhöth, teils bei Cäsarea. Hier also ist die beste Aussicht vorhanden, daß in das jahrelange Stocken der Kolonisationstätigkeit wieder frisches Leben hineinkommt. Es wäre aber ein großer Fehler, wollte man die gegenwärtig zu leistende Arbeit auf solche Arbeiten beschränken, die auf kolonisatorischem Gebiete liegen. Wir haben schon oft betont, daß die Kolonisation noch mehr eine innere Kolonisation mit einheimischen türkischen und palästinischen Juden werden muß, daß man die sozial wertlose Stadtbevölkerung in eine wertvolle soziale Schicht verwandeln und daß man der Kulturarbeit unter den einheimischen Juden das größte Augenmerk zuwenden müsse. Da kommt die Gründung des Bezalel und seine materielle Unabhängigmachung in allererster Linie in Betracht. Es ist das wichtigste, was für Jerusalem geschehen kann, daß man den Bezalel materiell unabhängig mache. Dadurch wird ein großer Teil der Stadtjuden auf eine höhere Stufe gehoben und trägt zur Hebung der andern Bevölkerungsschichten seinerseits wieder bei. Aber hierbei und bei allen Arbeiten in den Städten kommt es darauf an, daß die große Partei, die Palästina zu ihrem Arbeitsgebiet ausersehen hat, nicht zum Vorspann wird für die einseitige Politik anderer. Ebensowenig für die Politik gewisser in Europa sitzender Gesellschaften, wie für die Stadtpolitik, wie sie in Jerusalem bereits die schlimmsten Früchte gezeitigt hat. Man kann nicht eindringlich genug davor warnen, daß man etwa weiter die Stadtpolitik einer Jerusalemer Clique unterstützt, weder durch Teilnahme noch durch stillschweigende Duldung, die dahin geht, durch Monopolisierung der von Europa eingeführten Kulturmittel diese in ihren kulturwidrigen Händen zu gefährlichen Werkzeugen einer persönlichen Stadt- und Einflußpolitik werden zu lassen. Man unterschätzt diese Gefahr und begräbt damit viele der Erfolge, die man haben könnte. Wenn es aber ein wichtiges Erfordernis ist, zu Kleinkolonisten in erster Linie türkische Juden aus den Städten heranzuziehen, in erster Reihe die kräftigen und gesunden, dabei aber recht bedürfnislosen Juden aus Urfa und Kufa, Marokko und Jemen, so soll man nicht übersehen, daß doch der größte Teil dieser Stadtbevölkerung in den Städten wohnen bleiben wird, und daß man in den Städten dahin arbeiten muß, daß diese Bevölkerung auf eine höhere Stufe der Gesittung und der Bildung gehoben wird. Gewiß wird in den ersten Jahren jeder ernstliche Versuch auch die unerwünschte Nebenwirkung haben, daß eine Abwanderung von Juden aus Palästina nach Amerika und Australien stattfinden wird. Aber die kulturelle Arbeit, die wir den Kolonien zuwenden, muß in erhöhtem Maße den Städten zuteil werden. Das wichtigste Bildungsmittel in den Städten wird die hebräische Sprache sein. Die französische Sprache hat, wie die englische, nicht, zu einer höheren Bildung geführt, und die trostlose Bildungsstufe einer deutschsprechenden Lehrerbildungsanstalt, wo fortgeschrittene Schüler Goethe als deutschen General zu schätzen

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