Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 25 (21.5.1907)
- Date
- 1907-05-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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: sich angezogen von dem alexandrinischen Hellenismus, dessen Berührung mit dem Judentum bekannt ist. Freudenthal war ein vorzüglicher Kennerdes späteren, nachklassischen griechischen Schriftims, das er nach der philologischen und geschichtlichen Seite erfaßte md beherrschte. Seine Studien auf diesem Gebiete und seine Veröffent- •ehungen, die sich durch große Präzision, kritischen Blick und Dichtigkeit des Urteils auszeichneten, fanden frühzeitig die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Fachgelehrten, unter denen kein Geringerer als Eduard Zeller zu nennen ist. Freudenthals Vertrautet mit diesem Stoff führte ihn dazu, sich speziell mit der alexaninisch-jüdischen Epoche eingehend zu beschäftigen. Er war dazu ie selten einer geeignet, denn er verstand nicht nur die Sprache ior jüdischen Denker und Geschichtschreiber in Alexandrien, sonlern auch deren Gedanken und Beziehungen zum Judentum. Und :i er im Jahre 1868 den Ruf als Dozent am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau an Stelle Jakob Bernays erhielt, so führte ihn ine Lehrtätigkeit zu eingehender Beschäftigung mit diesem Studium. m seiner Abhandlung über das sogenannte vierte Makkabäerbuch,!s dessen Verfasser fälschlich Josephus galt, und in seinem Buche her Alexander Polyhistor gab er eine Fülle von Forschungen über Jiese Literaturepoche, deren Vortrefflichkeit und Wissenschaftlichst uneingeschränkte Anerkennung in jüdischen wie in christlichen elehrtenkreisen fand. Freudenthal gilt als Gelehrter, auf dessen rteil man sich stützen kann. Sein Hauptwerk ist das aber doch nicht. In späteren Jahren er hatte unterdessen sein Lehramt in dem genannten theologischen üstitut mit einer ordentlichen Professur der Philosophie an der niversität zu Breslau vertauscht) beschäftigte er sich eingehend ::ii dem Leben und mit der Philosophie Spinozas. Es ist merk- . irdig, daß dieser große Denker, dessen Einfluß auf die moderne eltanschauung unermeßlich ist, trotzdem über seine Erlebnisse id seine philosophische Richtung bereits eine umfangreiche Liteair vorhanden ist, vor den Veröffentlichungen Freudenthals nur j^endär bekannt war. Was sich im Ghetto zu Amsterdam anglich der angeblichen Ausstoßung Spinozas aus dem Judentum 1 gespielt hat, bildete bisher das Thema von Romanen und romanifter „wissenschaftlicher" Abhandlungen. Die Tatsachen selbst iren wenig bekannt oder arg entstellt. Selbst die Erlebnisse des ilosophen und die biographischen Daten waren falsch überliefert, eudenthal ging nun daran, das urkundliche Material zu sammeln <i zu sichten, die vorhandenen gedruckten biographischen Quellen itisch zu prüfen und miteinander zu vergleichen. Als Frucht;ner gewissenhaften wissenschaftlichen Forschungen auf diesem Gebiete erschien im Jahre 1899: „Die Lebensgeschichte Spinozas, künden und nichtamtliche Nachrichten." Das Buch enthielt ohr, als der Titel verspricht, es ist eine Sammlung von kultursiorischem Material, die zu dem Wichtigsten dieser Gattung ge- '">rt. Wir lernen durch diese Urkunden die Familie Spinozas nnen, die aus Nantes stammt, dessen Vater und Großvater, die ide zu den angesehensten Männern der Amsterdamer Gemeinde Gilten und in ihr hohe Ehrenämter bekleideten. Der Philosoph >(bst wird uns in seiner Persönlichkeit dadurch, daß wir über ine Jugendzeit und seine häuslichen Verhältnisse viel erfahren, ^hergerückt. In dieser Urkundensammlung finden sich Mitteilen aus dem Amsterdamer Gemeindearchiv, die Spinozas Veritnis zum Judentum und zu der Gemeinde seiner Vaterstadt in n anderes Licht rücken, und dessen Biographie von den vielen "genden, die sich an den Namen des Philosophen knüpfen, ^freien. Wir erfahren auch durch sie zum erstenmal, wie es nn Bruch zwischen Spinoza und den Amsterdamer Gemeindebehörden gekommen ist, und welche Stellung die Regierung zu 'lesen Vorgängen genommen hat. Die Amsterdamer Gemeinde erfährt eine Art Rechtfertigung, da nicht die Juden allein gegen -ie Denkfreiheit einschreiten wollten, sondern auch die frommen [ alvinischen Christen jener Zeit, die gegen Spinozas „theologischvkritischen Traktat" und gegen Hobbes „Leviathan" geradezu Sturm liefen, die geistlichen und weltlichen Behörden zum Einschreiten gegen diese „gottlosen" und gefährlichen Schriften drängend. Merkwürdigerweise hielt man auch die kühne Schrift Spinozas, die anonym erschienen war, für einWerk des englischen Philosophen Hobbes, und allerdings enthalten beide Schriften, soweit sie sich mit dem Staat und mit dessen Machtbefugnissen beschäftigen, ähnliche Gedanken. Spinoza hat es nur der Anonymität seines Buches zu verdanken, daß er persönlich unangefochten blieb. Der „Maamad" der jüdischen Gemeinde zu Amsterdam war also nicht besser und nicht schlimmer als alle geistlichen Behörden jener Zeit. Die falsche Anschauung, wonach Spinoza durch den berühmten Bann vom 27. Juli 1656 aus dem Judentum gestoßen worden sei, wird durch Freudenthals Buch gründlich widerlegt. Sie hätte eigentlich niemals festen Boden fassen können, wenn die ersten christlichen Biographen des großen Denkers etwas vertrauter mit der Verfassung des Judentums gewesen wären. Aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft kann kein Jude ausgeschlossen werden, wenn er dies nicht selbst durch Übertritt zum Christentum oder zum Islam tut; das hat Spinoza niemals getan, er ist nur mit der legalen Behörde seiner Gemeinde in einen schweren Konflikt geraten, und diese hat von den ihr nach talmudischem Rechte zustehenden Befugnissen Gebrauch gemacht, indem sie ihm durch den Bann die Teilnahme an dem religiösen Leben im Judentum entzog. Daraus hat sich Spinoza sehr wenig gemacht, da er selbst jede religiöse Gemeinschaft mit seinen früheren Glaubensgenossen aufgegeben hatte. Selbst der Umstand, daß er von der jüdischen Gemeindebehörde beim Magistrat von Amsterdam denunziert wurde, worauf ihm dieser den Aufenthalt in seiner Vaterstadt verbot, ist nicht allzu tragisch zu nehmen. Denn kurze Zeit darauf durfte er wieder dahin zurückkehren. Nachdem Freudenthal dieses wertvolle Buch veröffentlicht hatte, schrieb ich (Haschiloach V, 160—64), daß es sehr erwünscht wäre, wenn dieses reichhaltige Material zu einer neuen Biographie des Philosophen benutzt würde. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Im Jahre 1904 veröffentlichte Freudenthal in der Sammlung „Frommanns Klassiker der Philosophie": „Spinoza, sein Leben und seine Lehre", ein Werk, das der Verfasser groß angelegt zu haben scheint und von dem nur der erste Band, „Das Leben Spinozas", veröffentlicht wurde. Es ist dies nicht nur die beste, sondern in Wahrheit die einzige Biographie Spinozas. Sie ist ohne jede Voreingenommenheit und ohne jede Tendenz geschrieben; sie hat keinen andern Zweck, als der Wahrheit und der Geschichte zu dienen. In der Vorrede zu diesem Buche (Seite IX) sagt er: „Der Glaubenseifer jüdischer und christlicher Theologen hat mit rauher Hand in Spinozas Leben eingegriffen und ihn Schicksalen ausgesetzt, die schwächere Charaktere zerrieben hätten. Ich habe mich bemüht, die Geschichte dieser Anfeindungen mit möglichster Unparteilichkeit zu erzählen. Aber bei der Schärfe der religiösen Gegensätze, die unsere Zeit verwirren, wird man wohl von entgegengesetzten Standpunkten aus an einer Unbefangenheit Anstoß nehmen, die Recht und Unrecht hüben und drüben erblickt. Ich würde mich durch solche Urteile nicht beirren lassen, sondern in ihnen erkennen, daß ich, von Parteilichkeit entfernt, auf dem rechten Weg gegangen bin." Nicht minder wichtig als „Das Leben Spinozas*4 ist selbstverständlich sein philosophisches System. — Auch da hat man sich durch einen Wald von Vorurteilen, wie sich Ellen Key ausdrückt, hindurchzuarbeiten. Für gewöhnlich heißt es in den Lehrbüchern der Geschichte der Philosophie, Spinoza sei in seinen philosophischen Ideen von Carthesius ausgegangen, obwohl er selbst in seinen Briefen an die vertrautesten Freunde und Jünger über die „albernen Carthesianer" und ihre Machinationen gegen ihn bittere Klage führt. Spinozas philosophisches System kann nur durch die genaueste Kenntnis der jüdischen Religionsphilosophen aus dem Mittelalter, insbesondere aber des tiefen Denkers Salome ibn Gabiröl, in senien Quellen erforscht werden. Trotzdem dies bereits von verschiedenen