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Die Welt · 1907-05-21 · 25 (21.5.1907) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
25 (21.5.1907)
Date
1907-05-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 - DIE^ELT - No. 2r Die Auflösung der Duma Viel Tränen wird man der zweiten Duma nicht nachweinen. Sie war „morte-nee", man sah den Schatten des Todes um sie schweben, noch bevor sie zusammengetreten war. Und als sie zusammentrat, so sah man sofort, daß man von ihr nichts zu erwarten habe. Man wußte, sie werde keine einzige Frage lösen. Und die Juden wußten allzugenau, daß der zweiten Duma nicht die Rolle der Befreierin, der Löserin der Judenfrage zukommen werde. Warum? Es war ja sozusagen eine linke, radikale, durchaus oppositionelle Duma! Aber sie war zugleich in ihrer Grundlage ohnmächtig, im vornhinein zur Tatlosigkeit verurteilt. Denn eine Volksvertretung kann nur dann eine Bedeutung erlangen, wenn sie ein „Volk" hinter sich hat. Nicht die Versprechungen der Regierung, nicht die Paragraphen der Konstitution sind die Verfassungsgarantien, sondern die lex non scripta des Volkswillens. Eine Regierung wird nie einen Staatsstreich wagen, wenn sie das ganze Volk geharnischt vor sich sieht. Mit Feuer spielt man nicht. Wenn man aber einsieht, daß das Feuer ein Strohfeuer ist, daß seitens des Volkes gar keine Gefahr droht, daß es der neiien Ordnung ebenso stumpf-gleichgültig gegenübersteht wie der alten, dem ancien regime? Dann kann die Regierung alles wagen — und tut es auch. Man sah es an der zweiten Duma ganz deutlich. Der ersten Duma gegenüber verhielt sich die Regierung scheu und furchtsam. Sie wußte noch nicht ihren Wert einzuschätzen. Sie glaubte, hinter dem Taurischen Palaste sei der Ozean der Volksmacht. Als sie aber den Schritt wagte, als sie die erste Volksvertretung auflöste, ohne daß ein Finger sich rührte, ohne daß das Volk zur Verteidigung seiner Rechte sich erhob, da begriff sie, daß sie mit einem ungefährlichen Gegner zu tun habe. Sie wollte noch eine Weile den Schein der Loyalität wahren, ließ die Rechte der Duma, die Grundlage der Verfassung, unangetastet, beließ das Wahlrecht den Wählern und wartete den Ausgang ab. Der Ausfall der Wahlen bewies, daß die Duma schwach sei. Eine radikale Volksvertretung, aber kein entschiedenes, radikales, bereites Volk. Und die „Kadetten" waren mutlos. Und die Reaktionäre erhoben wieder triumphierend das Haupt. Die Duma glaubte nicht an sich selbst. Dadurch war ihr Geschick besiegelt. Nicht einmal ein großes und schönes Andenken hinterläßt sie, wie die erste Duma. Kein einziges geflügeltes Wort hat sie geschaffen, keine einzige mannhafte, historische Tat, wenn auch nur des Protestes, hat sie aufzuweisen. . . . Nun hat die Regierung den vorletzten Schritt gewagt: die Abänderung des Wahlrechtes. Ich sage den vorletzten, denn der letzte, die vollständige Revozierung des Manifestes, die Wiedereinsetzung des unbeschränkten Absolutismus ist die notwendige Folge der Regierungspolitik. Und wenn auch die dritte Duma sich, wenn auch nur in lämmerhafter Unschuld, oppositionell gebärden wird, dann wird das Zarentum sicherlich auch vor dem letzten Mittel nicht zurückscheuen. . . . Also — es ist zunächst aus mit der „Volksherrschaft" und mit allen schönen Programmen der verschiedenen Konferenzen. Was wird z. B. jetzt die Partei der „Ssejmawtzy", d. h. die jüdische Partei, die den einzigen Ausgang in der Judenfrage, in der Schaffung eines jüdischen Landtags in Rußland mit autonom-legislativen Gerechtsamen sieht, anfangen, jetzt, da selbst die Voraussetzungen ihres Programms über den Haufen geworfen sind? Im September werden die neuen Wahlen nach dem abgeänderten Wahlgesetz stattfinden. Soweit die Sachlage sich übersehen läßt, wird die Wahlgesetzänderung keinen erheblichen Einfluß auf den Anteil der Juden an den Wahlen ausüben. Mehr verlieren, als bei den letzten Wahlen, können die Juden ohnehin nicht. Die Erhöhung des Zensus und die Neueinteilung der Wahlkurien könnten sogar in manchen Orten, wo früher die Polen oder die Bauern siegreich waren, zugunsten der Juden ins Gewicht fallen. Aber wi wollen jetzt noch keine Vermutungen und Berechnungen über di. Wahlen machen. Noch sind die „Trauertage" um die aufgelöst1 Duma nicht vorüber. Noch weiß man nicht, ob nicht ein Volks stürm sich erheben wird, der das ganze Gefüge der Regierung? politik stürzen wird. In diesem Nichtwissen in diesem Zweifel i>- bereits die Verzweiflung enthalten. Denn in einem Lande, wo de Wiborger Aufruf nicht geholfen hat, wo die ungeheuerlichsten Repressalien nicht imstande waren, den Volkswillen zurTat aufzustacheln was kann man da erwarten? Aber wir Juden müssen uns wieder rüsten. Wir müssen unser Politik den Umständen gemäß revidieren, die Fehler von gester; wieder gut machen. Und das muß gleich geschehen. Ich teil nicht die Ansicht, daß die Zionisten in der Duma als solche au! treten müssen. Auch der Erfolg der zionistischen Partei bei de; Reichsratswahlen in Österreich ändert meine Anschauung nich Ich würde ein immer mehr um sich greifendes Aufgehen de Zionismus in der allgemeinen Politik als eine ernste Gefahr fii den Zionismus betrachten. Denn er hört dann auf, eine Bewegung zu sein, die auf das Ganze ausgeht, die eine totale Lösung anstreb:; er läuft Gefahr, eine Kompromißpartei zu werden, eine Partei nebe i den anderen. Wenn aber die politische Abstinenz anderseits ei;: Unding ist, wenn wir in keinem Falle das Fernstehen vom allge meinen Leben als Programmpunkt des Zionismus aufstellen dürfet, dürfen wir wiederum eine Eigenbrödlerpolitik, wie sie bei de-, vorigen Wahlen in Rußland getrieben wurde, nicht zulassen. Di> Interessen des Judentums gehen das ganze jüdische Volk an, um; die Zionisten müssen sich in dieses Ganze einfügen. Bei der jetzige:! Sachlage, wo die Autokratie ihren Kampf gegen die Verfassung nun ernstlich beginnt, dürfen wir uns nicht Unerreichbares, — wi Landtag, Autonomie usw., vorspiegeln lassen. Es ist keine Politik mehr es ist Geschichtsphantastik. Was wir das Mindestprogramm nannten ist, rebus sie stantibus, das Höchstprogramm. Wenn wir von de;1 übrigen politischen Parteien in Rußland und der Regierung selbs ernst genommen werden wollen, müssen wir auch ein „vernünftiges Programm aufstellen. „Vernünftig", ich weiß, wie odios das Won klingt, ich kenne den philisterhaften Nachgeschmack der Idee, die dem Worte zugrunde liegt. Aber das Leben ist einmal so. WiL Pascal einmal sagte: Das Leben ist ein Punkt zwischen zwei Unendlichkeiten, so möchte ich sagen: . . . Ein großes Philistertum zwischen zwei Idealen. Mit dieser Tatsache müssen wir rechnen. — darnach auch handeln. Und die Auflösung der Duma, die dadurch erforderlich gewordenen Neuwahlen und Rüstungen legen uns eine große und verantwortungsvolle Aufgabe auf: die Konzentrierung der jüdischen Kräfte in Rußland, die Schaffung einer großen nationalen Partei mit einem Mindestprogramn behufs Erlangung der Gleichberechtigung und neuer Lebensmög lichkeiten in Rußland. In diesem Punkte darf der Zionismus nich im Wege stehen. Weder der formale noch der innere Gedanken gang des zionistischen Programms gebieten uns, eine Sonderstellung in dieser Frage einzunehmen. Wir haben genug daran, daß alle Völker Rußlands, jedes auf seine Art, gegen die Juden sind, wii dürfen nicht unserseits das Eisen gegen die eigene Brust wenden Wir dürfen nicht auf die Revolution rechnen. Revolutionen sind überhaupt unberechenbare Faktoren, besonders im Lande der Unmöglichkeiten, in Rußland. Wir müssen den Tatsachen Rechnung tragen, und wenn sie noch so traurig sind, — und unsere Politik darnach richten. Nicht Zersplitterung und Bfuderkampf also sondern Konsolidierung der jüdischen nationalen Kräfte soll die Parole der nächsten politischen Aktionen sein. A. Cor JAKOB FREUDENTHAL Von Dr. SIMON BERNFELD In wenigen Monaten hat das jüdische Volk vier hervorragende Gelehrte verloren, von denen man mit dem agadischen Wort sagen kann: „Es sind das Verluste, die nie mehr eingeholt werden können." Indessen hinsichtlich der ersten drei verstorbenen Gelehrten (Salomon Buber, Moritz Steinschneider und Adolf Neubauer) kann man sich wenigstens mit dem Gedanken trösten, daß sie ein hohes Alter erreicht und dasjenige in der Wissenschaft vollendet haben, was als Spezialgebiet ihrer Forschung galt. Anders ist es mit dem am 4. Juni aus dem Leben geschiedenen Forscher Jakob Freudenthal dessen eigentliches Hauptwerk nicht vollendet zu sein scheint, ein Werk, das um so bedeutender und interessanter ist, als es eine der wichtigsten Kulturerscheinungen der neueren Zeit und einem de; Hauptträger der modernen Lebensanschauung gewidmet ist. Jakob Freudenthal wurde am 20. Juni 1839 in einem kleinen hannoveranischen Städtchen geboren. Er widmete sich dem Studium der klassischen Philologie und der Philosophie. Besonders fühlte

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