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Die Welt · 1907-05-21 · 25 (21.5.1907) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
25 (21.5.1907)
Date
1907-05-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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\To. 25 DIE LT l^f 13 nicht um nach Palästina zurückzukehren. Sie brauchen nicht Palästina, sie sehnen sich nach irgendeinem Lande, und nur deswegen kauften sie die Aktien. Sie waren die Majorität und die Worte ..und in anderen Ländern", die in den Statuten stehen, entsprachen hren Wünschen, jetzt aber fragt man sie nicht, sondern man will die Statuten ihren Wünschen zuwider abändern, deshalb kommen;ie und protestieren. Diese Einwendungen können die Protestierenden erheben. Mögen sie den Ehrennamen Herzl streichen! Mögen sie die Verdrehung, laß, weil Herzl nicht da ist, jetzt beschlossen worden ist, etwas zu un, wogegen er war, ausschließen und sich nur auf die letzten Anwendungen im Namen der Majorität der Aktionäre beschränken. )iese Einwendungen gehören nicht in die Kategorie, die wir lügenhaft nannten. Sie sind anderer Art, sie sind Dinge, die man weder «estätigen noch bestreiten kann. Man kann sie nicht einmal betreiten, weil sie nichtig sind. Man müßte eigentlich die Aktionäre 'in einem einzigen Orte ersammeln und ein ganz genaues Plebiszit vom ersten bis zum etzten durchführen: Rüben, Simon, Levi, Jehudausw.: Zu welchem /wecke habt ihr Aktien gekauft? Und die Antwort eines jeden inschreiben und bezeichnen und die Stimmen zählen. Da dies die einzige konkrete Beweisführung ist, und da diese t. inzige konkrete Beweisführung unmöglich ist, so können die Terri- [orialisten sagen: Die Aktionäre haben die Aktien für die Erreichung irgend eines Landes gekauft. Dies wird ein Zeugnis sein, das man licht widerlegen kann. Aber diese Möglichkeit ist unbeschränkt. Nicht nur Territoriaismus, sondern auch Icaismus, AUiance-Tendenz und was ihr wollt, kann man den Aktionären zuschreiben! Man müßte nur jene iegische Predigt weiter ausspinnen: Die armen, unterdrückten, verengten Aktionäre, die das Kissen unter ihrem Haupte verkauft haben, Sie Hungerleider, die sich den Bissen vorn Munde abgespart haben, i'in Aktien zu kaufen, haben die Aktien nicht für Palästina und iuch nicht für ein freies Land mit nationaler Autonomie gekauft! laben diese unglücklichen Hungerleider keine anderen Sorgen? Sie brauchen ein Stück Brot und sofort, sie brauchen vier Ellen .and, und die im Nu! Wozu brauchen sie Autonomie und Na- ■ ionalität? Sie kennen nicht einmal die Bedeutung dieser Worte! ieht hin und fraget sie! Verlangen sie Freiheit? Possen! Brot vollen sie! Und in jedem beliebigen Lande, sogar in Rußland, \ enn sie nicht gezwungen sind, auszuwandern. Und sollten keine Jogroms sein und sollte sie die Polizei menschlich behandeln, so vollen sie lieber dort bleiben und sich nicht mit Weib und Kind her Berge und Meere schleppen. Geht hin und fraget sie! Das ist die Nichtigkeit der Redensarten, leere Deklamation, iicht Lügenhaftigkeit, noch weniger — eitel Dunst. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es unter den Aktionären Leute gab, die Palästina nicht genau genommen haben, es werden ins auch' die ehrlichen Territorialisten zugeben, daß es noch sicherer st, daß in der großen Masse Leute sind, die die Ziele der Freiheit, 'er Nationalität, der Selbstverwaltung und der Konzentration der Volkskräfte noch weniger empfinden und begreifen als das Begeben nach Palästina. Denn das Bestreben nach Palästina ist im Ende doch etwas, was im jüdischen Herzen steckt, was in der Tradition die tiefsten und ältesten Wurzeln hat, so daß es kaum -inen Juden in der Welt gibt, sogar unter den Sekten, die vom jüdischen Zentrum am weitesten entfernt sind, sogar unter den i^alaschahs, die Erez Israel nicht kennen. Das territorialistische Bestreben hingegen ist etwas ganz Modern-Erkünsteltes. Es liegt also viel näher, anzunehmen, daß diese Ungenannten nicht für den Territorialismus Geld gegeben haben, sondern für die Befriedigung ihrer realsten Bedürfnisse, und diese realsten Bedürfnisse sind doch nicht die Bedürfnisse eines Zentrums oder einer eigenen Regierung, sondern die Bedürfnisse der Ernährung und des Aufhörens der Verfolgungen. Aber kann man diese Psychologie zur Grundlage machen? Kann man diese Luftargumente zur Geltung bringen? Daß die Masse so oder anders gedacht habe und möglicherweise so und anders zugleich, oder vielleicht, daß sie gar nichts gedacht habe? Das hieße nicht einmal, Berge an Haare hängen, sondern an reine Luft. Solche polemische Methoden sind nicht die Methoden der Logik, und der Organisation, sondern ein Tohuwabohu von Hypothesen und Mutmaßungen, die man weder bestätigen noch widerlegen und nach denen sich keine Partei und Organisation der Welt richten kann. Wir müssen annehmen, daß jedermann, der etwas gekauft hat, weiß, was er gekauft hat, und zu welchem Zweck er gekauft hat, denn heben wir diese Voraussetzung aufr so verlieren sich die Hypothesen ins Unendliche. Dann gibt es keinen Kongreß, keine Kolonialbank, keine Generalversammlung, keine Organisationsstatuten und kein Bankstatut, nur — Hypothesen! Nach rückwärts gerichtete Hypothesen ä conto der Masse, in deren Namen man alles sagen kann. Hypothesen, daß die Armen und Unglücklichen wahrscheinlich dies oder jenes verlangt haben! Ist dies Volkserziehung? Wir stellen die Frage nicht nur für den gegebenen Fall, sondern im allgemeinen. Kann man so arbeiten und sich organisieren? Zusammengefaßt: es waren Kongresse. Vor der Gründung der Kolonialbank konnte jedermann erfahren, wofür die Aktien bestimmt sind, es bestand kein Gedanke wegen eines andern Landes. Man hörte kein Wort darüber im Kongreß. Wie darf man da annehmen, daß die Aktionäre die Aktien gekauft haben für die Erreichung eines anderen Landes? Als die Worte „und in anderen Ländern" in die Statuten aufgenommen worden sind, hat Herzl sofort versprochen, dieses Suffix streichen zu lassen. Und die Sache wurde offiziell durch den Kongreß kundgegeben. Und all dieses konnten die Aktienkäufer wissen und fuhren fort, die Aktien zu kaufen. Wir haben also das gute Recht, zu sagen, daß sie wahrscheinlich wußten, was sie kauften und wofür sie kauften. Und wollen die Herren uns gütigst sagen, welch andere Richtschnur und welch sonstiges Kriterium außer Generalversammlungen der Aktionäre vorhanden sind? Und solche Generalversammlungen haben ja stattgefunden und die Frage entschieden! Würden sie entschieden haben, so wie es die Minorität will, so wäre alles recht und billig. So würden uns die Protestler nicht sagen: Geht hin und fragt die Leute in der Gasse, geht und sucht mit Lichtern, ob nicht Gegner vorhanden sind. Weil aber die Entscheidung nicht nach ihrem Wunsche ausgefallen ist, so ist sie nicht gut, und man spricht „im Namen des Volkes" etc. Da gibt es keinen Rat. Vielleicht noch eine Generalversammlung? Man weiß im voraus, daß jede Generalversammlung den Beschluß, der bereits durch die Kongresse und in früheren Generalversammlungen gefaßt worden ist, bestätigen wird. Es ist eine ziellose und grundlose Agitation, die den Zweck hat, nur ein bißchen Lärm zu schlagen. Wir hoffen, daß die Besinnung auch unter denjenigen wenigen Protestlern, die einen Protest, eine Aktion beabsichtigen, weil sie die Sache nicht reiflich überlegt haben, endlich zur Geltung kommen wird. m

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