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Die Welt · 1907-05-21 · 25 (21.5.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
25 (21.5.1907)
Date
1907-05-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 25 DIE^ELT 11 dünken die Statuten der Kolonialbank verfaßt, und er habe es gewünscht, daß man in die Statuten „Palästina und die anderen Länder" hineinschreiben soll, war eine erdichtete Legende, mit der man ihn zu reizen pflegte. Er protestierte mit aller Energie dagegen. Er bedauerte auf das lebhafteste jene Ungenauigkeit der Bankstatuten, jenen Gegensatz zwischen dem Text der Statuten und den Kongreßbeschlüssen. Er versprach die Abänderung und veranlaßte sie. Wie können Leute jetzt gegen ihn ein falsches Zeugnis abgeben? Man sollte nicht dem Löwen nach seinem Tode einen Fußtritt geben! Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Als der Kongreß die Prinzipien und die Beschlüsse wegen der Kolonialbank festgesetzt hatte, konnte er nicht in die genauen Einzelheiten eingehen. Die Sache wurde den englischen Juristen übergeben, die die Statuten nach den englischen Gesetzen und selbstverständlich in Übereinstimmung mit den Kongreßbeschlüssen zu verfassen hatten. Und hier entstand der Irrtum. Um Statuten für eine Bank, die in England zu arbeiten bestimmt war, abzufassen, mußte man sich an englische Juristen, die mit englischen Gesetzen und Usancen vertraut sind, wenden, und diese Juristen waren es, die während der Statutenabfassung beschlossen haben, zu den Worten „in Palästina" noch die Worte „und in anderen Ländern" hinzuzufügen. Es war also eine Abänderung, die durch fremde Hände gemacht worden ist. Nicht wir ändern jetzt die Statuten, im Gegenteil, wir stellen den ursprünglichen Text nach Form und Inhalt der Kongreßbeschlüsse wieder her, wir beseitigen die Abänderung, die die fremde, formelle Jurisprudenz im Gegensatz zu den Kongreßbeschlüssen verursacht hatte. Als diese Abänderung gemacht wurde, flogen von allen Seiten Proteste nach Wien. Und Herzl hat sofort versprochen, den Fehler wieder gut zu machen. Und das wurde auch so vielemale durch den Kongreß akzeptiert! Und nicht nur das, es sind auch Beweise in allen Protokollen vorhanden, daß Herzl nicht einmal diese Proteste abgewartet hat, sondern selbst gegen diese Ungenauigkeit der Statuten protestiert hat. Als er nämlich erfahren hatte, daß man der Forderung der englischen Juristen folgend, vom Texte der Kongreßbeschlüsse abgewichen ist, telegraphierte er nach London, man solle sich nur nach den Kongreßbeschlüssen richten. Und als dieser Protest unberücksichtigt blieb, hat er die Verpflichtung auf sich genommen, die Statuten abzuändern. Dies ist die sogenannte Abänderung die jetzt gemacht wird, nicht mehr und nicht weniger. Wer wirkt also im Herzischen Geiste und nach seinem Willen? Wir, die wir seine Verpflichtung einlösen, oder die anderen, die wenigen, die seinen Namen anrufen, weil er nicht mehr unter uns weilt, und im Gegensatz zu den Dokumenten und zu den öffentlichen Erklärungen, die er im Kongresse abgegeben hat, das falsche Gerücht aussprengen, er sei ein Gegner der Abänderung der Bankstatuten gewesen? Um genau zu begreifen, wie dieser Irrtum, den wir jetzt durch die Formalität, die man „Abänderung der Bankstatuten" nennt, wieder gut machen müssen, entstanden ist, muß man ein wenig die Art der Statutenabfassung für Banken und Aktiengesellschaften in London verstehen. Nicht der Kongreß hat diesen Irrtum verschuldet, sondern der englische Zopf. Ist es noch notwendig, zu erwähnen, daß der Zionismus für Palästina als Endziel gegründet worden ist, daß die Kolonialbank nur diesem Zwecke dienen soll, und daß keine andere Tendenz zu jener Zeit bestanden hat? Die Sache ist ja sonnenklar. Die ganze Ugandaepisode, die ganze Geschichte mit dem „Territorialismus" wäre ja damals niemanden auch nur irn Traume eingefallen. Es ist also gar keine logische Grundlage vorhanden, in sophistischer Weise nach rückwärts herauszukonstruieren, daß die Käufer der Aktien der Kolonialbank, die von dem zionistisch-palästinensischen Kongreß gegründet worden ist, in einer prophetischen Anwandlung einen Ugandismus oder Territorialismus vorausgeschaut und demzuüebe Aktien gekauft haben. Das sind ja reine Hirngespinste! Wäre Herzl ein geheimer Territorialist gewesen, und hätte er absichtlich in die Statuten der Kolonialbank die Worte „und in anderen Ländern", geleitet von einer territorialistischen Tendenz, hineinbringen wollen, so würde er sich sicher nicht gescheut haben, das auf den Kongressen klipp und klar kundzugeben. Er war ein Mann der Wahrheit, der ohne Scheu und rückhaltlos seine Ansicht offen vertrat. Die Leute, die jetzt seinen Namen benutzen zu einer Agitation gegen die Abänderung der Bankstatuten, machen ihn ja zum Heuchler. Und wie weit war er von Hintergedanken und Heuchelei und dilatorischem Wesen entfernt! Wir richten uns nur nach seinen klaren Worten, nach seinen ehrlichen Zusagen, nach seiner positiven Verpflichtung, und wir wissen es ganz genau, daß die überflüssigen Worte „und in anderen Ländern" durch die juristischen Formalisten in London eingeschaltet worden sind. Und auch diese haben es nicht wegen irgend einer territorialistischen Tendenz getan. Sie hatten dafür ganz andere formelle Gründe. Es liegt im Geiste der englischen Justizform, daß man dort Bankstatuten oder Statuten irgend eines finanziellen Instituts in einer sehr detaillierten Weise verfaßt. Es ist eine Stileigentürnlichkeit englischer Statuten. Wenn man in Deutschland z. B. eine industrielle Gesellschaft bildet, so werden die Statuten ganz allgemein gefaßt. „Die Gesellschaft gründet, betreibt und fördert industrielle Unternehmungen jeder Art". In England hingegen ist es anders: Man muß alles angeben, auch Details, die nicht in der Absicht der Gründer liegen und die nur im Bereiche einer sehr entfernten Möglichkeit liegen. Wenn eine Gesellschaft den Zweck hat, zu bauen, so schreibt man in deutschen Statuten „Bauunternehmungen". Die Engländer hingegen führen alle möglichen Einzelheiten auf. Denn wenn eine industrielle Gesellschaft eine Brücke bauen will und „Brückenbau" nicht in den Statuten steht, so darf sie keine Brücken bauen. Wer mit dem Stile der englischen Statuten nicht vertraut ist und sie zum ersten Male liest, findet sie in ihrer unendlichen Detailliertheit geradezu lächerlich. Aber das ist die pflichtmäßige Form. Und kraft dieser Form sagten die englischen Juristen, daß man zu den Worten „in Palästina" noch die Worte „und in anderen Ländern" hinzufügen müsse. Bs war dies gegen die Kongreßbeschlüsse und gegen den Willen der Zionismen, die mit der Gründung der Bank beschäftigt waren. Im Entwürfe stand „In Palästina". Da kamen die Juristen und fragten: „Palästina? Da muß man ja die Grenzen genau abstecken. Eine haarscharf genaue Karte herstellen, wie sie noch überhaupt vielleicht gar nicht existiert. Und sollte man ein Grundstück kaufen oder ein Haus bauen, dessen einer Teil innerhalb der Grenzen liegt und dessen anderer diese Grenzen überschreitet, so wird das doch unmöglich sein. Wollte man sagen „Palästina und die Nebenländer", so müßte man für die Nebenländer ebenfalls eine so genaue Karte herstellen, und hundert Fragen würden entstehen. Wie z. B.: Ist El Arish ein Nebenland? Ja! Aber vielleicht auch Ägypten? Und wenn Ägypten, vielleicht auch der Sudan? Und dann für jedes Nebenland abermals Karten und Grenzlinien!" Dies waren die Bedenken der englischen Juristen. Also nicht etwaige territorialistische Absicht, sondern formelle Schwierigkeiten. Man berichtete dies damals Herzl, der sich an diesen Sitzungen in London nicht beteiligt hatte und der zu jener Zeit in Wien war, worauf er die Instruktion erteilt hat, daß man sich nur nach den Beschlüssen des Kongresses richten solle. Aber die Form siegte. Und die englischen Herren, die im Bankkomitee waren, sagten: „Wir können uns nicht der Ansicht der englischen Juristen widersetzen. Wir gründen eine Bank in London und wir müssen die Statuten so abfassen, wie es diese Spezialisten verlangen." Dies war der Ursprung des sonderbaren Suffixes „und in anderen Ländern". Weder Herzl noch der Kongreß — von Territorialisten war damals überhaupt noch keine Rede — sondern der fremde formelle englische Rigorismus war der Urheber. Und, wie gesagt, es liefen sofort Proteste ein, und sofort ver-

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