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Die Welt · 1907-05-21 · 25 (21.5.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
25 (21.5.1907)
Date
1907-05-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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auch bei unsern Unternehmungen? Man beteiligt sich an ihnen mit einem Betrage, den man von vornherein ä fonds perdu gibt. Man erwartet keine Rente und regt sich nicht sonderlich auf, wenn das ganze Kapital verloren geht. Höchstens bedauert man es, daß eine gut gemeinte Sache, für die man eine immerhin nennenswerte Spende gegeben hat, durch irgendwelchen Zufall mißlungen ist. Wird ein derartiges Unternehmen nochmals angeregt und in Vorschlag gebracht, und diesmal kann es gerade ein gutes und lebensfähiges sein, so ist man ihm gegenüber bedenklich und mißtrauisch; man rechnet sich aus, was man bereits an solchen Unternehmungen verloren hat, und darüber hinaus will oder kann man nicht gehen. Abgesehen aber von all diesen Erwägungen, ist es auch meine Überzeugung, daß die vielen Mißhelligkeiten zwischen Arbeitern und Administration, die in Palästina fast mit demselben Zeitpunkt begannen, als die Kolonisation in Angriff genommen wurde, nie solchen Umfang und solche Schärfe angenommen hätten, wenn die Unternehmer selbst im Lande gelebt und alles nach eigener Verantwortung geleitet hätten. Auf mich macht es jedesmal einen lächerlichen und z. T. auch traurigen Eindruck, wenn bei einer Streitigkeit zwischen Administration und Arbeitern oder Kolonisten in Palästina gleich die großen volkswirtschaftlichen Theorien und die Koryphäen des Sozialismus hervorgeholt werden. Ich verstehe es ganz gut, wenn in großen industriellen Unternehmungen in Europa oder in Amerika der Lohnkampf unvermeidlich wird, und ich bin objektiv genug, auf keiner Seite Böswilligkeit und Habgier vorauszusetzen, sondern einen natürlichen, unvermeidlich gewordenen Prozeß. So weit sind wir aber in Palästina nicht. Wenn Unternehmer und Arbeiter, beide gleichmäßig, außer dem wirtschaftlichen noch ein hohes nationales Interesse haben, so ließe sich der Kampf in den meisten Fällen vermeiden. Wir dürfen von keinem verlangen, daß er seine wirtschaftliche und moralische Existenz einer Idee opfere, ebenso kann die Forderung nicht gestellt werden, bei wirtschaftlichen Fragen auf das Interesse eines Ideals Rücksicht zu nehmen. Aber wohl können wir uns die Möglichkeit denken, daß ein Ideal im Menschen so lebhaft und so stark wird, daß er ihm alles zu opfern bereit ist und daß er auch in seinen geschäftlichen Interessen die Rücksicht auf die Verwirklichung dieses Ideals walten läßt. Schließlich sehen wir doch, daß die staatliche Gesellschaft, weil sie ein höheres als das rein wirtschaftliche Interesse wahrzunehmen hat, stets bestrebt ist, die wirtschaftlichen Gegensätze auszugleichen. Was der Staat mit den ihm zu Gebote stehenden Zwangsmitteln erreicht, dürfte vielleicht auch das Ideal, wenn es tief im Menschen wurzelt und keine oberflächliche Spielerei ist, erreichen können. Die praktische Gegenwartsarbeit des Zionismus in Palästina, so hoch man sie auch einschätzen mag, müßte unbedingt daran scheitern, wenn sie ein großes Ideal in kleinen Münzen umzusetzen sucht. Es genügt nicht, wohlhabende Juden, von denen viele gar nicht Zionisten sind, zu einer kleineren oder größeren Beteiligung an landwirtschaftlichen oder industriellen Unternehmungen in Palästina zu bewegen. Denn solche Unternehmungen gelingen nur in den seltensten Fällen, und jeder Mißerfolg schadet der Sache mehr, als die kleinen Ansiedelungsversuche nützen können. Die praktische Gegenwartsarbeit des Zionismus, selbst hinsichtlich der Ansiedelung in Palästina, wird am besten durch die Propapierung der Idee, durch die zionistische Erziehung gefördert. Sehet zu, einige hundert reiche Zionisten zur Ansiedelung in Palästina zu bewegen, und damit habt ihr mehr erreicht und Dauernderes geschaffen als mit der Gründung aller möglichen Syndikate mit Einlagen von je 1O0O Mk. Nicht der ökonomische Formalismus wird den Zionismus zum Ziel führen, sondern die nationale Idee und das Erwachen des geschichtlichen Bewußtseins. Amittai. Die Abänderung der Bankstatuten*) In den letzten Tagen veröffentlichte „Die Welt" einen Aufruf wegen der Abänderung der Statuten der Jüdischen Kolonialbank, die am 9. Juli vom englischen Gericht in London durchgeführt werden soll. Der Aufruf bezweckt, das Publikum von dem geplanten Rechtsakt in Kenntnis zu setzen, damit diejenigen, die gegen diesen Beschluß protestieren wollen, ihre Proteste einreichen können. Nach englischen Gesetzen muß eine derartige Abänderung der Statuten vor dem gerichtlichen Beschluß bekannt gegeben werden, damit Gegner und Protestierende ihre Einwendungen zur rechten Zeit machen können. Der Zeitpunkt wird für eine solche Bekanntmachung festgesetzt, und es werden auch die Zeitungen genannt, in denen die Bekanntmachung veröffentlicht werden soll. Die Kolonialbank hat zur rechten Zeit und in den vorgeschriebenen Zeitungen diese Bekanntmachung veröffentlicht. Diese Angelegenheit an sich ist bereits aus dem Stadium der Diskussion und der Kontroverse herausgetreten, nachdem die Kongresse beschlossen und die Generalversammlungen der Aktionäre mit großer Majorität schon zweimal diese Abänderung akzeptiert haben. In jeder Organisation der Welt, in jedem finanziellen Institut und in jeder Aktiengesellschaft entscheidet die Majorität, und eine einmalige Entscheidung genügt vollständig. In diesem Falle hat eine große Majorität zweimal nacheinander entschieden, und die Leitung der Kolonialbank hatte die Pflicht, den Beschluß auszuführen; es ist also nur eine kleine Formalität, die von den englischen Gerichten jetzt erfüllt werden soll. Von unsern Gerichten, d. h. von den Kongressen und Generalversammlungen wurde die Sache bereits angenommen. Nur wegen der englischen juristischen Ordnung mußte man die Bekanntmachung, betreffend die Zulassung der Proteste veröffentlichen. Und diese wurde veröffentlicht. Was kann man mehr tun? Es grenzt an Naivetät, von der Leitung zu verlangen, daß sie *) Dieser Artikel, der gleichzeitig im „Haolam" erscheint, ist veranlaßt durch eine Kampagne, die die Territorialisten jetzt gegen die Aenderimg der Bankstatuten eingeleitet haben und die zum Teil groteske Formen angenommen hat. Die vorstehenden Ausführungen haben nicht den Zweck, gegen die Gehässigkeit und Unaufrichtigkeit in dieser Kampagne autzutreten, sondern sie begnügen sich, die Berechtigung der Angriffe einer sachlichen Kritik zu unterziehen. vor der vorgeschriebenen Zeit und in mehr als den für diesen Zweck fixierten Zeitungen Bekanntmachungen veröffentlichen solle. Oder sollte sie etwa eine Agitation von Mann zu Mann entfalten, um Leute ausfindig zu machen, die geneigt wären, zu protestieren? Die Abänderung ist legal, sie wurde von der Majorität angenommen. Die Ausführung des Majoritätsbeschlusses verzögerte sich infolge verschiedener zufälliger und formeller Schwierigkeiten und mußte am Ende doch verwirklicht werden. Die Leitung steht auf dem Boden der Kongreßbeschlüsse und die Kolonialbank auf der Basis der Beschlüsse der Generalversammlungen. — Was kann man noch dagegen zu protestieren oder darüber zu diskutieren haben? Wie kann man eine so klare Sache verwirren? Man konnte sie nur durch Lügen verwirren, und hat es getan. Wie weit diese Lügereien gehen, können wir aus dem Umstände ersehen, daß man jetzt ein Gerücht in Umlauf gebracht hat, Theodor Herzl sei ein Gegner der Abänderung der Bankstatuten gewesen. Wenn man so etwas unter fremden, dem Zionismus fernstehenden Leuten erzählt, so kann man sehr leicht die Unwissenden irreleiten. Aber wenn man so etwas Zionisten, die an Kongressen teilgenommen haben und die die stenographischen Berichte besitzen, vorerzählt, so müssen sie doch staunen, daß Leute vorhanden sind, die sich erkühnen, „zu lügen, in einer Sache, die leicht ermittelt werden kann"! Befürchten sie nicht, daß jemand sagen könnte: Wollen wir doch die Dokumente prüfen! Es ist unwahr, daß Herzl Gegner der Abänderung der Bankstatuten gewesen ist. Das Gegenteil davon ist wahr. Er war der erste, der es versprochen und der sich dazu verpflichtet hat. noch bevor der Kongreß einen diesbezüglichen Beschluß angenommen hatte. Er hat diese Ansicht in klarer und unzweideutiger Weise auf dem dritten Basler Kongresse im Laufe der Debatte über die Abänderung der Bankstatuten ausgesprochen. Es ist eine Beleidigung für den großen Toten und ein schnöder Mißbrauch seiner Autorität, wenn man ihn jetzt in die Polemik hineinzerrt und in seinem Namen das Gegenteil davon behauptet, was er gesagt hat! Diese Behauptung, er habe nach seinem Gut-

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