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Die Welt · 1907-05-21 · 25 (21.5.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
25 (21.5.1907)
Date
1907-05-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Gerechtigkeit! Das Judentum hat der Menschheit seinen Tribut gezollt, es hat ihr die Bibel gegeben, die Propheten; das Christentum ist aus ihm hervorgegangen. Jetzt werden im Namen des Christentums schreckliche Verbrechen begangen. Wo bleibt die Menschheit? Man spricht heutzutage viel von Humanität. Wo aber ist sie angesichts der Greueltaten? Amerika hat bei den großen Judenmassacres nichts anderes getan, als die amerikanischen Konsulate in Rußland beauftragt, die Sache zu untersuchen. Und wenn jetzt Menschen aus jenem Lande kommen, deren Verstand infolge der Schrecken, die sie erlebt, etwas zerrüttet ist, so dürfen ihnen nicht die Tore verschlossen werden. Amerika muß ihnen Zuflucht gewähren, Amerika, das Land der Freiheit. Und Juden haben mitgearbeitet, diese Freiheit zu schaffen. Denkt daran!" Mit stürmischem Beifall nahm die Versammlung diese Rede auf. Eine kurze persönliche Bemerkung sei mir gestattet. Die oben erwähnte, vom Kongreß in Anerkennung der internationalen Bedeutung der Immigrationsfrage erwählte Kommission zur Untersuchung der ErmgrationsVerhältnisse befindet sich bereits in Europa und weilt gegenwärtig in Italien. Sie wird dann nach den slavischem Ländern gehen, nach Rußland, sowie nach Rumänien, sie wird auch nach Österreich und Deutschland kommen. Ihr Bericht wird großen Einfluß auf die Fassung der künftigen Immigrationsgesetze haben, und diesem Bericht wendet sich daher die ganze Aufmerksamkeit aller am Immigrationsproblem beteiligten Personen und Körperschaften zu. Die aus neun Mitgliedern bestehende Kommission, deren bedeutendsten Mr. Charles P. Neill, Kornniissioner of Labor und Professor J, W. Jenk of Cornell university sind, setzt sich zum größten Teil aus „Restrictionisten" zusammen; sie geht also bereits mit gewissen Voraussetzungen an das Studium dieser Frage heran. Um so eher müssen die europäischen Körperschaften hier eingreifen. Und hauptsächlichst die großen jüdischen Organisationen sollten ihr Hauptaugenmerk auf die Arbeit der Kommission in den verschiedenen Städten der Auswanderungszentren richten; sie sollten ihren Einfluß aufbieten, daß das jüdische Immigrationsproblem in seiner ganzen Tiefe vor der Kommission aufgerollt wird, daß diese die Erscheinungen des jüdischen Lebens aus der Vergangenheit und in der Gegenwart begreife und sich nicht mit bloßen, oft äußerlichen Tatsachen abfindet. Das Resultat möge dann sein, daß Amerika als Zufluchtsstätte für die Unterdrückten und Verfolgten offen bleibt, bis wir unsere Zufluchtsstätte, unsere Heimstätte, gefunden haben. NATIONALE ANSIEDELUNG IN PALASTINA Obwohl ich der praktischen Qegenwartsarbeit in Palästina, wenn sie nicht auf gleichzeitiger kultureller Gegenwartsarbeit in der Diaspora basiert ist, nicht diese große Bedeutung beimesse, wie es von einem Teil unserer Gesinnungsgenossen geschieht, habe ich die Diskussion zwischen Dr. Leo Kohan und dem Professor Otto Warburg über diese Frage (in der Welt Nr. 22 und 24) mit dem größten Interesse verfolgt. Aus diesen Erörterungen sehe ich, daß der Mangel an historischer Auffassung der Dinge, welcher der modernen volkswirtschaftlichen Schule anhaftet, sich auch im engeren Kreis unserer Bestrebungen sehr fühlbar macht. Der historische Materialismus allein kann nicht alle Fragen lösen, und das einfache wirtschaftliche Interesse genügt nicht, eine nationale Bewegung zu fördern, welche der Idee nicht entbehren kann. Dr. Leo Kohan hat die richtige Bemerkung gemacht, daß es unsere nationalen Interessen in Palästina kaum fördern könne, wenn reiche Zionisten sich mit irgendeiner kleinen Summe, die sie im schlimmsten Fall leicht verlieren können, an einem landwirtschaftlichen oder industriellen Unternehmen beteiligen. Selbst wenn auf diese Weise ein ziemlich hohes Aktienkapital zusammengebracht würde, lasse sich damit die jüdische Ansiedelung in Palästina nicht weit fördern. Die Leute müßten selbst in das Land kommen und an dem Gedeihen der von ihnen ins Leben gerufenen Unternehmungen mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit ihrem Vermögen und mit der Zukunft ihrer Familie interessiert sein. Professor Warburg antwortet darauf, daß erstens solche Leute in unserer Bewegung nicht vorhanden seien, da es schwer falle, selbst Beiträge von je 1000 Mark zu erhalten; daß aber auch zweitens die Forderung des Dr. Kohan unberechtigt sei. Wenn es gelänge, größere Kapitalien in Palästina zu investieren, so käme es darauf gar nicht an, ob die Kapitalisten im Lande oder anderswo ihren Aufenthalt hätten. Die moderne kollektive Arbeit des Kapitals sei ja anders nicht möglich als durch eine bezahlte Administration. Professor Warburg führt das Beispiel des belgischen Kapitals an, das an industriellen Unternehmungen in Südrußland beteiligt ist. Für die Höhe der Rente und für die Entwicklung der dortigen Unternehmungen sei es gleichgültig, wo die Aktionäre wohnen. Diese Ausführungen wären nur dann zutreffend, wenn unsere Bestrebungen in Palästina lediglich sich darauf beschränken wollten, jüdisches Kapital im Lande zu beschäftigen, um dadurch jüdischen Arbeitern und Handwerkern Gelegenheit zu geben, sich eine einigermaßen leidliche wirtschaftliche Existenz zu gründen und somit das jüdische Element zu verstärken. Das ist aber nicht der Fall. Wir wollen im Lande unserer historischen Heimat ein jüdisches Volksleben auf natürlicher Grundlage erneuern, und dabei kommt es nicht immer bloß auf die Quantität der Ansiedler, sondern auch auf die Qualität an. Hundert wohlhabende Zionisten, die sich dauernd mit ihrer Familie in Palästina niederlassen, nützen unserer Sache viel mehr als zehntausend Kapitalisten, die nicht im Lande wohnen und nur etwa mit einem hundertsten Teil ihres Vermögens an die dort begründeten Unternehmungen gebunden sind. Sagt man uns, solche wohlhabende Zionisten, denen der Zionismus eine ernste Lebensaufgabe ist, die für unsere Bewegung mehr als eine Sprechstunde täglich und eine Spende von mehreren Hundert Mark überflüssig haben, hätten wir gar nicht, so müssen wir uns mit dieser Tatsache abfinden. Allerdings hätten wir dann die Aufgabe, den Zionismus in anderer Weise zu propagieren und die Pflichten, die er uns aufladet, höher zu bernessen. Aber jedenfalls darf nicht behauptet werden, daß mit dem Heranziehen jüdischen Kapitals nach Palästina alles getan sei. Denke man sich, wir hätten dort einige hundert reiche Familien, die im Lande bleiben wollten und es in keinem Falle, mag kommen, was da wolle, verlassen würden, dann würden sich auch die kulturellen Zustände rasch bessern. Der Arbeiter muß mit der Schule zufrieden sein, in die er seine Kinder schicken kann, mag sie noch so wenig bieten. Wohlhabende Familien hingegen würden schon für die Hebung des Schulwesens aufs beste sorgen. Eine Kolonie wohlhabender oder gar reicher Zionisten würde überhaupt in Palästina erst den Komfort schaffen, der uns Europäern unentbehrlich ist. Es handelt sich nicht nur um wirtschaftliche Forderungen; die kulturellen sind viel dringender und wichtiger; sie können aber nur dann befriedigt werden, wenn Palästina nicht das Land bleibt, wohin arme Juden wandern, um dort teils aus Not und teils aus wirklich idealer Begeisterung das kümmerliche Brot zu suchen. Es gibt hier Imponderabilien, die nicht besprochen werden können, deren Einfluß aber leicht zu spüren ist. Unsere Ansiedelung würde eine ganz andere Form annehmen, wenn sie die gesunde Mischung von wohlhabenden, mit ihrem Kapital arbeitenden Kolonisten und einfachen Arbeitern hätte. Selbst das Beispiel, das Professor Warburg anführt, spricht gegen dessen Behauptung. Freilich ist es den belgischen Kapitalisten gleichgültig, wo ihr Kapital arbeitet; aber ebenso ist ihnen das Land und der Boden gleichgültig, auf welchem ihre Unternehmungen sich befinden. Verzinst sich ihr Kapital gut, so mag Rußland, Land und Leute, zugrunde gehen. So aber denken wir uns die jüdischen Unternehmungen in Palästina nicht. In erster Reihe haben wir nationale Interessen im Auge, und wenn wir wünschen, daß sich das in palästinensischen Unternehmungen investierte Kapital gut rentiere, so liegt uns nichts an dem Nutzen des Kapitals selbst, sondern an der Förderung unserer nationalen Bestrebungen, die sich daraus ergibt. Außerdem ist es nicht einmal richtig, daß es für die Kapitalisten ganz gleich sei, wer die Administration des Unternehmens in Händen habe. Denken wir uns den Fall, um bei dem von Professor Warburg angeführten Beispiel zu bleiben, die belgischen Kapitalisten würden sehen, daß ihre Unternehmungen in Südrußland nicht gedeihen, gleichviel aus welcher Ursache sich der Mißerfolg resultiert, sie würden dabei nicht ruhig bleiben, sondern mit der größten Aufmerksamkeit die Dinge studieren. Ist die Administration unfähig und an dem schlechten Ergebnis schuld, so wird man sie sofort von der Leitung entfernen. Geschieht dies

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