Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 25 (21.5.1907)
- Date
- 1907-05-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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wenn entsprechend reguliert, zum Segen Amerikas nutzbar gemacht werden können. Beide Organisationen wirken nun in Wort und Schrift für ihre Idee, machen in der Bevölkerung für sie Propaganda, suchen Stimmen zu gewinnen, die dann bei den Wahlen zum Kongreß und bei Erlassung neuer Immigrationsgesetze ihren Einfluß ausüben. Eine interessante, sehr stark besuchte Versammlung fand Sonntag den 2. Juni hier statt, die von der National-Liberal-Immigration- League einberufen worden war, und in der Commissioner General of Immigration, Mr. F. P. Sargent, seine Stellungnahme zum Immigrationsproblem präzisierte. Er leitete mit der psychologisch richtigen Bemerkung ein, es wäre eine allgemeine Wahrnehmung, daß jeder Mensch, der daran gehe, seine Lebensumstände zu verbessern, sich nach jenen Plätzen begeben werde, wo er die besten Chancen für ein gutes Fortkommen findet. Wenn nun die hier angesiedelten Immigranten, denen es bereits gelungen ist, ihren „Standard of life" zu erhöhen, an ihre Verwandten und Freunde in der alten Heimat schreiben,. daß sie hier Arbeit finden können und die Möglichkeit haben, sich emporzuarbeiten, so ist es klar, daß diese Angehörigen als Ziel für ihre Immigration jene Orte ins Auge fassen werden, wo ihnen durch die bereits erfolgte Niederlassung der Vorausgewanderten der Anfang erleichtert wird. Aus dieser Tatsache sei die ungeheuer starke Konzentration der Einwanderung in den großen Industriezentren New-York, Chicago, Philadelphia usw. zu erklären, und diese Anschwellung würde, wenn in gleichem Maße fortgesetzt, durch die Herabdrückung der Arbeitslöhne, sowie durch das Nachsichziehen von Armut und Krankheit eine Gefahr bedeuten. Dem sei also Einhalt zu gebieten. Dagegen seien die Verhältnisse im Westen und Süden der Vereinigten Staaten dem Immigranten noch viel zu wenig bekannt. Wo immer man dort hinblicke, sei es auf den Farmen, sei es in Fabriken oder Werkstätten, überall sei ein ungeheuerer Mangel an Arbeitskräften vorhanden, der sich sehr stark fühlbar mache, und wodurch die Entwicklung jener Staaten gehemmt werde. Tausende und Tausende yon Arbeiten könnten dort Beschäftigung finden, und es wäre daher dringend geboten, den Immigrationsstrom nach jenen Landgebieten zu lenken. Wenn die Regierung, anstatt immer neue restriktive Gesetze zu erlassen, lieber Vorsorge träfe, dem Immigranten bei der Landung Information~zu geben, wo er in jenen Staaten ein gutes Fortkommen finden, wo und unter welchen Bedingungen er Land erhalten könne, wo er Arbeit und die höchsten Löhne erzielen könne, so würde sie weit mehr zur Wohlfahrt Amerikas beitragen. Die Regierung dürfe sich jedoch nicht allein auf bloße Information beschränken, sondern mit allen Kräften darauf hinarbeiten, die Verhältnisse in jenen Teilen des Landes zu verbessern, gute Lebensbedingungen zu schaffen, die Lohnverhältnisse ähnlich jenen in den großen Städten zu gestalten, so daß der Immigrant einen Vorteil darin sieht, sich dort anzusiedeln. Dies würde zur Folge haben, daß der Immigrationsstrom nach und nach und ganz natürlich nach jener Richtung abfluten würde. Aber an diese Arbeit müßte die Regierung sofort und mit aller Energie herangehen, und Aufgabe der National-Liberal-Immigration- League wäre es, ihr darin beizustehen durch entsprechende Aufklärung der einströmenden Massen. Wichtig aber wäre es auch, daß die bereits hier Ansässigen in den Berichten, die sie nach der alten Heimat senden, stets die volle Wahrheit über Amerika und seine Möglichkeiten schreiben. Nicht von der Immigration abhalten sollten sie, aber auch nicht Amerika als das goldene Land hinstellen, wo jedermann Reichtümer sammeln kann. Manchem gelingts, manchem mißlingts. Es heißt, hart und schwer arbeiten, und wenn man die Arbeit nicht in seinem Beruf finden kann, so heiße es eben nach der ersten besten Arbeit greifen. Vor nichts dürfe man zurückschrecken. Sehr scharf wandte sich Commissioner Sargent gegen den „illiteracy test", welchen als Gesetz durchzubringen die „Restriktionisten" auf eifrigste bemüht sind. Viele kommen her aus Ländern der Bedrückung, wo die Regierung ihnen jede Möglichkeit, sich Bildung anzueignen, nimmt, und es wäre grausam und ungerecht, sie die Schuld der Regierung entgelten zu lassen. Und diese Immigranten, die weder lesen noch schreiben können, sind, wie die Praxis erwiesen habe, nicht die schlechtesten Arbeiter. Außerdem herrsche in allen Teilen des Landes eine starke Nachfrage nach „unskilled laborers", wobei es nichts zu sagen hat, ob der Arbeiter lesen oder schreiben kann, und die Einführung eines Gesetzes, .welches jeden "ausschließt, der nicht lesen und schreiben kann, gleichviel, ob er gesund und arbeitsfähig ist und hier gebraucht wird, würde dem LandeJsehr zum Schaden gereichen. „Zu einem gewissen Grade bin ich Restriktionist", meinte Mr. Sargent, „und zwar wenn es sich um Einwanderer handelt, die das Wohl des Landes gefährden, und das sind Wahnsinnige, Schwachsinnige, Personen mit ansteckenden Krankheiten oder Personen, die in moralischer Beziehung eine Gefahr bilden. Solche Elemente können wir nicht in unseren Volkskörper aufnehmen; wir müssen sie eliminieren, wenn auch das Schicksal derer, die davon betroffen werden, ein hartes ist. Aber keineswegs — und das im Interesse Amerikas — dürfe eine vollständige Beschränkung der Einwanderung eintreten, sondern nur eine Ausbreitung, Zerstreuung." Zum Schluß streifte er noch kurz die Leiden, denen der Immigrant ausgesetzt ist, ehe er Amerika erreicht, ehe er die „statue of liberty" erblickt, welche auch ihm endlich Freiheit verheißt, und welch' bittere Enttäuschung es für ihn bedeute, an der Schwelle zu stehen, aber sie nicht betreten zu dürfen, sondern in die alten Verhältnisse zurückgedrängt zu werden. Es müsse alles getan werden, um diesem Immigranten die unnütze Reise zu ersparen, und er hoffe, daß die vom Kongreß zum Studium der Emigrationsverhältnisse nach Europa gesandte Kommission auch in dieser Richtung gute Vorschläge mit heinibringen werde. Soweit Commissioner Sargent. Seine Ausführungen trafen in vielen Punkten das Wesen der Dinge, und es ist um so erfreulicher, diese freieren Anschauungen von einem Manne zu hören, der selbst Führer der „labor-unions" war und der jetzt auf einem für die Immigrationssache sehr einflußreichen Posten steht. Nach ihm sprach Mr. Edward Lauterbach, der Präsident der N. L. I. L. Er knüpfte an die letzten Bemerkungen des Commissioners an und meinte, daß die Agenten der Schiffahrtsgesellschaften aus bloßer Sucht nach Geldgewinn sich niemals darum kümmern, ob der Auswanderer den Gesetzen der Vereinigten Staaten entspricht oder nicht, sondern ihm unter allen Umständen das Billet verkaufen. Eine Kontrolle und durchgreifende Änderung würde erst dann erreicht werden, wenn die Schiffahrtsgesellschaften außer zur Zahlung der für jeden deportierten Immigranten üblichen Strafe von 100 Dollars gesetzlich verpflichtet werden, den Immigranten nicht nur nach seiner Heimat zurückzubringen, sondern ihm auch alle Ausgaben, die ei anläßlich seiner Auswanderung gehabt hat, zurückzuerstatten. Als letzter Redner sprach Mr. Barondess, der wohlbekannte Arbeiterführer. Im Gegensatz zu den anderen Rednern, die die Frage lediglich vom Gesichtspunkt des Amerikaners betrachtet hatten, nahm er den Standpunkt des Juden ein. Er entrollte ein Bild der Ereignisse in Rußland während der letzten drei Jahre une der jüngsten Ereignisse in Rumänien, und wies auf die eigenartige Stellung hin, welche das jüdische Volk in der Immigrationssachc einnimmt. Diese eigenartige Lage bedinge aber auch eine differenzierte Interpretation der Gesetze. Diese unter ökonomischem Druck und politischen Verfolgungen Leidenden, diese unfreiwilligen Flüchtlinge, welche, wenn sie ausziehen eine neue Heimat zu suchen, hinter sich alle Brücken abbrechen, dürfen nicht in eine Reihe gestellt werden mit Immigranten, die lediglich aus materiellen Gründen ins Land kommen, und, wenn sie die entsprechende Summe erworben haben, wieder in ihre Heimat zurückkehren. . . „Aber nicht um Mitleid bitten wir, auch nicht um Wohltaten, sondern nur um