Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 25 (21.5.1907)
- Date
- 1907-05-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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als in eigentlich bäuerlicher Siedelung sich einzuleben imstande ist. Es wäre eine Vergeudung von Kraft, wenn man diese Elemente in Bauern und in bäuerliche Arbeiter direkt überführen wollte. Aber bisher fehlten trotz oder vielleicht gerade infolge des Wohltätigkeitssystems die Möglichkeiten, diese städtischen Arbeiter in Plantagen und Fabriken zu beschäftigen. Das System der Wohltätigkeit mußte zu einem vollständigen Stillstande in der Kolonisation führen, und in dem Augenblick, wo die Philanthropie einsah oder auch bloß sah, daß sie nicht erreichen kann, was sie erreichen wollte, war der Stillstand der Kolonisation eine vollendete Tatsache. Wenn es auch vorauszusetzen ist, daß die Flut der nach der Türkei einwandernden Juden wieder abflaut, und wenn auch natürlich vorauszusetzen ist, daß sich nach Palästina nicht ein kontinuierlicher Strom jüdischer Emigranten richten wird, um so mehr, als die philanthropische Kolonisation seit längerer Zeit auf dem toten Punkte angelangt ist, so muß doch etwas geschehen, daß die große wirtschaftliche Versuchsstation, die in der jüdischen Kolonisation vorliegt, nicht in dauerndes Stocken gerät. Aber auf dem bisherigen Wege ist an keinen Fortschritt zu denken. Nur auf selbständigem Wege kann die Kolonisation zu einem Fortschritte gelangen. Die palästinisch-jüdische Karikatur eines Assessorismus muß aufhören, und die freie Initiative muß ihn ablösen. Von diesen gleichen Ansichten, die sich auf die Erfahrung gründen, ausgehend, haben sich in letzter Zeit verschiedene Gesellschaften gebildet, die auf geschäftlicher Grundlage das angefangene Werk fortsetzen wollen. Es ist ganz natürlich, daß der Trieb zu erwerben ein Ansporn in der Kolonisationstätigkeit ist, mehr als alle Philanthropie. Man kann ein so grimmiger Gegner des Kapitalismus sein, wie man will. Es ist aber dennoch kein Zweifel, daß auf Jahrhunderte hinaus doch noch der Kapitalismus die Form der gedeihenden Unternehmung sein wird. Statt theoretischen Kampf gegen den Kapitalismus zu führen, muß es unsere Aufgabe sein seine noch unbesiegbare Kraft vor den Wagen unserer Kolonisation zu spannen und auf genossenschaftlichem Wege Kapital zu wirtschaftlichen Unternehmungen zu vereinigen. Die Gesellschaften, die sich in jüngster Zeit gebildet haben, fußen auf der Zusammenfassung von Kapitalien zum Zwecke der Erzielung von Geschäftsgewinnen lur die Teilnehmer und haben damit den wichtigsten Schritt getan, um im Lande natürliche, der Landesentwicklung entsprechende und sie fördernde Fortschritte iw machen. Die meisten dieser Gesellschaften haben in dem aufblühenden Lande die Industrien zu ihrem Arbeitsfelde ausersehen. Es ist Kein Zweifel, daß auf industriellem Gebiete materielle Fortschritte viel schneller und beinahe müheloser zu erzielen sind, um so mehr, ils die Juden weit mehr zu Industriearbeiten als zu landwirtschaftlicher Arbeit Eignung und Schulung haben dürften. Wenn aber die Juden nicht in gleicher und ähnlicher Lage bleiben wollen, wie ihnen das seit Beginn des Mittelalters in allen Ländern zuteil geworden ist, so müssen sie sich festen Grund unter den Füßen in iandwirtschaftlichern Besitz und landwirtschaftlicher Arbeit erwerben. Sonst werden sie auch in Palästina immer eine in der Luft schwebende Bevölkerung bleiben. Sie werden Vermittler bleiben, also in jener Rolle als Volk weiter bleiben, welche ihre Schwäche bedingt und zugleich den Haß der Völker ihnen zugezogen hat. Solange sie nicht Grundbesitzer sind, bleiben sie die Fremden im Lande. Aber so, wie die Dinge heute in Palästina liegen, lehnen sich alle Industrieunternehmungen doch eng an die Landwirtschaft an. Da ist die Gesellschaft Chermon, die französische Juden zu ihren Initiatoren hat, an der aber auch Juden anderer Herkunft und Staatsangehörigkeit teilnehmen. Es ist gelungen in geringem Maße Edmond Rothschild für diese Gesellschaft zu interessieren. Auch Narcisse L6ven gehört ihr an. Der Vorstand in Palästina ist durch Klimker vertreten. Chermon will statutengemäß die agrikulturellen Produkte des Landes industriell verarbeiten. Das gleiche Ziel verfolgt die Gesellschaft Atid, an deren Spitze die Ingenieure Pewsner und Wilbuschewitsch stehen. Aber wenn auch diese Gesellschaften für sich erwerben, so bereichern sie weit mehr noch die einheimische Landbevölkerung als sich selbst. Denn sie machen die landwirtschaftlichen Produkte, die diese hervorbringt, erst wertvoll Ganz ebenso sind alle arabischen Dörfer in der Nähe jüdischer Kolonien reich geworden. Das elende Fellachennest Bet-Dedschan, das in bitterlichster Armut versunken war, ist beispielsweise durch die Nähe und die Tätigkeit der jüdischen Kolonieen zu einem Dorfe wohlhabender und reicher arabischer Bauern geworden. Wenn die Juden teil haben wollen an dem allgemeinen Aufschwünge des Landes, der ihren Händen und ihren Unternehmungen in erster Linie zu danken ist, so müssen sie sich noch mehr, als es bereits geschehen, agrikulturellen Unternehmungen zuwenden. In diesem Sinne ist eine neuere Gesellschaft von Bedeutung, die danach strebt, die Landwirtschaft zu entwickeln und auf diese Weise vielleicht viel langsamere finanzielle Fortschritte zu machen, in Wahrheit aber sich an dem wirklichen und allein wertvollen Werte des Landes jüdischerseits zu beteiligen. „Denn sturmfest steht der Boden, den wir bauen." Das ist die Gesellschaft Agudath- Netaim, die vor etwa anderthalb Jahren gegründet wurde und bereits verschiedene Unternehmungen in Angriff genommen hat. Sie wurde in Palästina gegründet, und zwar von Leuten, die schon lange im Lande ansässig sind und die sich einiger Erfahrung in der palästinischen Arbeit erfreuen. Da sind die Herren Eisenberg, Levi, Pewsner, Wilbuschewitsch, Klimker, Solmiak, Wechsler, Michlin, Natanson. Es freut uns konstatieren zu können, daß auch David Wolffsohn seine Anteilnahme in Aussicht gestellt hat. Denn wir erachten von unserm besonderen Standpunkt als deutsche Juden die Investierung gerade jüdischen Kapitals aus Deutschland ' für besonders wünschenswert. Wir sollten nicht bloß im jüdischen Interesse dahin zu wirken suchen, daß gerade Juden deutscher Staatsangehörigkeit in erhöhtem und großem Maße an der palästinischen Arbeit und insbesondere an palästinischem Besitze sich beteiligen sollten. Gerade deshalb wäre die Anteilnahme an der Gesellschaft Agudath-Netaim seitens deutscher Juden von besonderer Wichtigkeit. (Schluß folgt) ZUR IMMIGRATION IN AMERIKA Von INA SCHIMMER (New-York) Die Stellungnahme der amerikanischen Bevölkerung zur immigrationsfrage findet in zwei Organisationen ihren Ausdruck. Die eine ist die Immigration-Restriction-League, deren Anhänger, ■<u denen vor allem die Labor-unions gehören, den Standpunkt verbeten, daß Amerika nunmehr einen genügend großen Einwanderungs- -trom absorbiert habe, daß jetzt die dringende Notwendigkeit begehe, diesen Zustrom, der sich in allen Teilen des amerikanischen Lebens fühlbar mache, zu verarbeiten und zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen. Bis sich dieser Assimilationsprozeß vollzogen hat, müsse im Interesse der künftigen Entwicklung Amerikas jede weitere Einwanderung unterbleiben. Die zweite Organisation ist die National-Liberal-Immigration- League, die für die freie Einwanderung eintritt, unter Hinweis darauf, daß Amerika seinen Aufschwung hauptsächlichst der Einwanderung zu verdanken hat, daß es noch reiche Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt, die durch eine weitere Immigration, 2*