Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 25 (21.5.1907)
- Date
- 1907-05-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Anerkennung unseres Rechtes am Lande wird genau so groß sein wie das Resultat unserer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsarbeit im Lande. Es ist das Wesen einer politischen Partei, das sie sich nicht bloß politisch nennt, sondern vor allem politisch handelt. Um aber politisch zu handeln, ist das erste und wichtigste Erfordernis, daß eine energische Leitung an der Spitze steht, die bereit und imstande ist, im gegebenen Augenblicke tatkraftig vorzugehen. Man kann in der Erteilung von weitgehenden Kompetenzen, in dem Freie- Hand-Lassen an die Parteileitung niemals weit genug gehen, wenn man überhaupt den Wunsch hat, daß in politischer und insbesondere diplomatischer Beziehung irgendetwas geschehen soll. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, daß wir von Zeit zu Zeit in die Forderungen, die wir im Hinblick auf einzelne Schritte stellen, das höfliche Wort mit einfließen lassen „unbeschadet der politischen Tätigkeit des Aktionskomitees44. Was wir erreichen wollen, muß von einer kräftigen Zentrale mit Energie und unter vollem Vertrauen der Partei zur Leitung vorbereitet werden. Aber auch die Gegenwartsarbeit muß viel mehr noch als in den Ländern der Zerstreuung in Palästina von politischen großen Gesichtspunkten geleitet sein. Wir dürfen eben nicht glauben, daß schon jeder Kolonist, den man etwa in Palästina ansiedelt, ein Baustein für die Errichtung des zionistischen Zuktinftsstaates ist. Wenn das der Fall wäre, so hätte die Methode recht gehabt, die dadurch Palästina mit Juden bevölkern wollte, daß sie die Chalukah zu einem System der Armenunterstützung erhob, das zwar eine Menge Juden nach Jerusalem führte, aber damit eine jüdische Bevölkerung erzog, die man nicht addieren, sondern subtrahieren muß, wenn man den Einfluß und die Aussichten der Juden in Palästina abwägen will. Von dem Gedanken, Palästina mit ackerbautreibenden Juden zu bevölkern, gingen nicht bloß die politischen Zionisten nach den Kongressen aus, sondern alle, die jemals in Palästina in der Kolonisation irgendwelche Schritte unternommen haben, hatten den gleichen Gedanken und strebten zum selben Ziele. Aber die Methode war vielfach eine falsche, und schon jetzt kann man an den Resultaten sehen, welche Methode der Gegenwartsarbeit in Palästina fruchtbringend gewesen ist, und welche nicht. Man braucht nur darauf hinzublicken, in welchen Kolonien gute Erfolge erzielt werden und-in welchen man statt Fortschritten Stillstand oder gar Rückschritte sieht. Wenn man weiß, welche Summe von Kapital, von Arbeit und Opfermut, von Intelligenz und Idealismus sich zusammengefunden hat, um Rischön-l'Ziön zu einer Musterkolonie zu machen, so muß es beinahe zur Verzweiflung stimmen, wenn man sieht, daß in Rischön zwar für den Fremden, der auf einige Stunden hinkommt, genug ist, um zu glauben, daß hier ein Erfolg der jüdischen Kolonisation vorliegt, während im Gegenteil jeder Einsichtige weiß, daß kaum irgendeine andere Kolonie so sehr im argen liegt wie Rischön-l'Ziön. Und welche Millionen hat allein Baron Edmund von Rothschild gerade in diese Kolonie gesteckt. Aber das Geld allein tut es nicht. Und nicht einmal der gute Boden, das Kapital und die landwirtschaftlich vorgebildete Bevölkerung, wie das Beispiel Ekröns beweist. Das Gegenstück dazu bildet seit langen Jahren Rechöbhöth, das keineswegs äußerlich den großartigen Eindruck macht, den Rischön hervorruft. Immerhin merkt jeder Besucher sehr bald das Gediegene und Feste, das Einfache und zugleich das sichere Selbstbewußtsein der Bauernschaft, die weiß, daß sie auf eigenem, freiem Boden sitzt. Rechöbhöth ist in jeder Beziehung das glänzend gelungene Gegenstück des benachbarten Rischön-rZiön. Nicht minder muß das junge Kafr Säba den alten Kolonien entgegengestellt werden als Muster einer aufstrebenden Kolonie. Beide aber, Rechöbhöth und Kafr Säba haben ihren Erfolg allein dem Umstände zu verdanken, daß sie gezwungen waren, sich auf eigene Kraft zu verlassen und daß man in ihnen nicht das Verwaltungssystem der Bevormundung eingeführt hat, das in allererster Linie und vielleicht allein für alle Fehler in den „unterstützten" Kolonien verantwortlich zu machen ist. Pethach-Tikwäh, das so wenig die Anlage hatte, sich zu einer Kolonie im guten Sinne zu entwickeln, daß der Rothschildsche Verwalter Elie Scheid das große Wort gelassen aussprach: „Petach-Tikwäh ist überhaupt keine Kolonie", wurde zu seinem Glück von der Rothschildschen Verwaltung so vernachlässigt, daß seine Kolonisten, die gar zu gern „unter den Baron gekommen" wären, gezwungen waren, sich auf eigene Füße zu stellen. So ist, weil dem größten Teile der Kolonisten keine Unterstützung zuteil wurde, diese Kolonie gezwungen gewesen, im harten Kampfe urn ihr Dasein sich zu einer Existenz durchzuringen, um die die andern so reich unterstützten Kolonien sie beneiden können. Und diesen Erfolg verdankt sie ebenfalls in erster Linie dem Umstände, daß sie vor der Bevormundung durch die Verwaltung bewahrt blieb. Wenn auch unter der Rothschildschen Verwaltung manche Dinge vorkamen, die keineswegs im Sinne einer Verwaltung überhaupt waren, wenn auch manche der Verwalter einfach in den Kolonien das gegebene Mittel sahen, sich auf des Barons Kosten zu bereichern, so waren nicht diese Auswüchse an dem Mißerfolge Schuld, sondern die Tatsache der Bevormundung. Die Verwaltung, die beanspruchte, mit den Mitteln des Barons und den geistigen Potenzen der Verwalter die Kolonien groß und die Kolonisten glücklich zu machen, erreichte nur das eine, sie vollständig unselbständig und damit hilflos zu machen. Je selbständiger die Kolonisten waren, um so mehr haben sie in dem emporblühenden Lande durch eigene Kraft erreicht, auch wenn die Arbeit und Mühe oft eine beinahe übermenschliche werden zu müssen schien. Ganz andere Mächte als die jüdischen Wohltäter sind in ihren Kolonisationsversuchen durch die Unterbindung der Privatiniative gescheitert. Es würde hier zu weit führen, wollten wir die zahlreichen Beispiele aus der europäischen Kolonisationsgeschichte anführen, die den Beweis liefern, daß eine Kolonisation und noch dazu eine Ackerbaukolonisation nur dann Erfolge zu verzeichnen hatte, wenn alle Kräfte ungebunden sich entwickelten, wenn jede Art behördlicher Bevormundung fehlte. Es genügt auf die jüngsten Erfahrungen der deutschen Kolonisation hinzuweisen und auf die ewigen und immerwiederkehrenden Klagen über den Assessorismus in den Kolonien. Gerade die besten Freunde der Kolonien sind die größten Feinde der Bevormundung vom grünen Tische. In der allerjüngsten Zeit hatten wir in Palästina Gelegenheit zu sehen, daß die freie Kolonisation viel schnellere und sichere Fortschritte zu machen in der Lage ist als eine Kolonisation unter einer Verwaltung, sei es welche es wolle. Die weitgehende Selbstverwaltung in den Kolonien Rechöbhöth, Kafr-Säba und Pethach- Tikwäh enthält das Geheimnis ihrer Fortschritte. Im letzten Jahre hat aber die Kolonisation auch von einer andern Seite eine Förderung erfahren, die man nicht zu gering veranschlagen darf. Das Zusammentreffen der Judenverfolgungen in Rußland und den benachbarten Raubstaaten mit dem Angriff auf die zionistische Grundidee durch die sich von der zionistischen Partei abspaltende kleine Gruppe waren der äußere Anlaß, daß viele sich von ihrem Zionismus .dazu leiten ließen, das ungastliche Stiefvaterland mit dem Aufenthalt unter der milden türkischen Herrschaft zu vertauschen. So zahlreich wie im letzten Jahre ist die Einwanderung von Juden in Palästina seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Die Einwanderer, die aus materieller Not die Heimat verlassen, gehen zum allergrößten Teile in die großen überseeischen Industriezentren, und nur Leute mit einem gewissen höheren Idealismus wenden sich nach Palästina, um so mehr als die I. C. A. die Parole wieder eingeschärft hat, daß die mit ihr verbundenen Hilfsgesellschaften Auswanderer nach Palästina nicht mit Reisegeld unterstützen sollen. Immerhin sind sehr zahlreiche städtische Arbeiter eingewandert und damit ein Element, das viel leichter und besser in der Industrie und im Plantagenbau