Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 25 (21.5.1907)
- Date
- 1907-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 25 DIE2 gemeinsame Gegner. Die sozialistische Partei ist die einzige große Fortschrittspartei. Wesentlich für die Möglichkeit eines Zusammengehens wird das Verhalten der sozialistischen Partei gegen nationale Fragen, insbesondere gegen die. Judenfrage sein. Vorab ist anzunehmen, daß der österreichische Sozialismus hier auf einem realeren Boden stehen wird als die doktrinäre reichsdeutsche Partei, die aus einem selbstverständlichen Internationalismus dogmatisch eine Negation und, wenn es sich um Juden handelt, eine Bekämpfung desx nationalen Standpunktes folgerte. Der österreichische Sozialismus kann in nationalen Fragen nicht rein negativ sein, dazu sind sie dort zu brennend. Schon haben in der Tat die tschechischen Sozialisten ihre nationale Gesinnung betont; ins Präsidium wollen die Sozialdemokraten den Abg. Pernerstorfer entsenden, dessen kräftige Betonung des Deutschtums bekannt ist. Eine wichtige und wahrscheinlich dankbare Aufgabe der Jüdischen Gruppe sehe ich darin, die jüdischen Sozialisten für jüdische Fragen zu interessieren. Das wird,, wenn die sozialistische Partei nicht prinzipiell hindert, in ganz anderem Umfange möglich sein als in Deutschland. Es ist kein Naturgesetz, wie es hier scheinen könnte; daß die Arbeit für den Sozialismus der jüdischen Bewegung und dem Judentum unwiederbringlich die besten Kräfte entzieht. Bei alledem muß die jüdische Gruppe ihre Selbständigkeit wahren. Ihre Richtung kann man am besten als „Nationaldemokraten" oder „Nationalsoziale" bezeichnen. Sie müssen darnach streben, mit ähnlichen Gruppen anderer Nationalitäten sich enger zusammenzuschließen. Oberster Grundsatz aber des taktischen Vorgehens müßte bleiben: Bekämpfung jeder Reaktion. Zukünftige Arbeit. Auf den wichtigsten und interessantesten Teil dieser Frage, die jüdischen Arbeiten der Jüdischen Gruppe, hier einzugehen, muß ich mir versagen. Das ist ein großes Thema für sich. Arbeit wird es genug geben: Wir nennen nur Schulwesen, Gemeindeverfassung, Gesamtorganisation. Hier soll nur beleuchtet werden, was der allgemeine Zionismus aus diesen Wahlen zu lernen hat. Mit kühnem Mut sind die österreichischen Zionisten an die gefürchtete und vieldiskutierte „Gegenwartsarbeit" gegangen. Sie haben recht behalten. Ihre eigene Bewegung hat einen gewaltigen KELT — — 5 Aufschwung genommen, und die Nationalisierung jüdischer Massen ist tüchtig vorwärtsgekommen. Für die weitere Arbeit ist ein neues und breiteres Fundament gewonnen. Jetzt aber heißt es, diese zionistische Arbeit in engerem Sinne kräftig wieder aufzunehmen. Das Auge der österreichischen Zionisten darf nicht auf dem Sitzungspalast in Wien haften bleiben, es muß sich wieder nach Osten wenden. Alles ist nur Mittel zum Zweck. Der Zweck bleibt die nationale Zukunft des gesamten jüdischen Volkes. Jetzt ist manche schlummernde Kraft wachgerufen, mancher Opfermut erprobt worden. Der Zionismus muß den Vorteil davon haben. In andern Ländern werden sich jetzt genug Leute finden, die das Vorgehen der österreichischen Zionisten als Rezept für ihre eigene Tätigkeit betrachten. Das ist grundfalsch. Eines schickt sich nicht für alle. Nur wo ähnliche Verhältnisse der Judenverteilung vorliegen, kann ähnliches versucht werden. Das ist der Fall in Rußland, Polen, Rumänien und vielleicht New York. Es wäre unsinnig in Deutschland. So energisch Verfasser für eine politische Betätigung der deutschen Juden als Juden eintritt, so sehr hält er doch die Schaffung einer jüdisch-politischen Partei oder Fraktion für naive und gefährliche Utopie. Hier kann es nur unsere Aufgabe sein, durch Erziehung der Juden zu politischer Reife und straffe Zentralisierung unserer großen Organisationen es dahin zu bringen, daß die deutschen Juden sich nicht mehr gedankenlos einer mit andern Erbstücken einer vergangenen Zeit überkommenen politischen Partei blindlings anschließen, sondern sich ernsthaft vergewissern, daß man zu den Gegenleistungen bereit und fähig ist, die sie als wertvolle Kampfgenossen verlangen können. Auch der russische Zionismus wird viel zu lernen haben. Die politische Gleichberechtigung der russischen Juden ist nur eine Frage noch von Jahren; und alles, vielleicht die Zukunft der zionistischen Bewegung, hängt davon ab, ob bis dahin die jüdische Masse genug nationalisiert ist, um nach der Emanzipierung nicht der Assimilation, sondern dem Zionismus zuzufallen. Das beste Mittel ist hier die jüdisch-politische Arbeit in unserm Sinne. Darum können wir, so schwer es uns wird, den russischen Zionisten nur raten: Hinein mit Mut und Kraft in die politische Bewegung des Tages! Das zu lehren, ist die Bedeutung der österreichischen Reichsratswahlen für den Zionismus. Gegenwartsarbeit im Zionismus Von Dr. HEINRICH LOEWE (Berlin) Den Streit um die Ziele, die der Zionismus erstrebt, darf man wohl als endgiltig beseitigt ansehen. Das Basler Programm gibt die klare und unzweideutige Antwort auf die Frage nach dem Zwecke des Zionismus. Auch über die Mittel und Wege, durch die man das Ziel zu erreichen hat, sollte eigentlich nach dem Wortlaute des Programms kein Zweifel sein. Immerhin ergibt es sich aus dem Gange der Geschichte, daß diese Mittel und Wege zwar in ihren großen Grundzügen im Programm niedergelegt werden konnten, daß es aber das Wesen einer vernünftigen Realpolitik mit sich bringt, daß verschiedene örtliche und zeitliche Verhältnisse auch mancherlei Wege und verschiedene Mittel verlangen. Ebenso wie wir im Zionismus gegenüber der Wohltätigkeitskolonisation die volkstümlichen Grundlagen und den politischen Charakter der Bewegung betonen mußten, und wie uns dagegen der Territorialismus genötigt hat, die Notwendigkeit Palästinas in den Vordergrund der Nationalisierung unserer Massen zu rücken, so muß auch die andere Gegenwartsarbeit sich nach den Erfordernissen der Gegenwart, nach den vorhandenen Mitteln und nach der allgemeinen Entwicklung richten. Über die Gegenwartsarbeit in den Ländern der Zerstreuung kann man im allgemeinen gewiß keine Forderung stellen, die auf alle Länder zugleich zutreffend wäre. Es muß den einzelnen Landsmannschaften vorbehalten bleiben, die wesentlichen Gesichtspunkte ihrer Arbeit im Lande im Rahmen des Basler Programms selbst in die Hand zu nehmen. : Ganz anders ist es mit der gemeinsamen Arbeit im Lande unserer Zukunft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich die Zukunft Palästinas aus seiner Gegenwart entwickeln wird und daß sie sich auch ohne unser Zutun entwickelt. Eine Untätigkeit in Palästina würde keineswegs dazu führen, daß Palästina auf dem Standpunkt stehen bleiben würde, auf dem es sich augenblicklich befindet oder daß es auch nur hinter den andern aufblühenden Ländern des Orients zurückbleiben würde, sondern nur dazu, daß wir uns des Einflusses begeben würden, den wir auf diese Entwicklung im Interesse unseres Volkes haben können und haben müssen. Denn wer die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in Palästina in die Hände nimmt, ergreift damit wirtschaftlich und kulturell entsprechend Besitz. Der Einfluß im Lande und die 2