Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE3HELT No. 24 Auch innerhalb der Organisation wurde gearbeitet an dem Ausbau des zionistischen Gedankens. Eine gründliche Debatte über die Prinzipien der Gegenwartsarbeit - wurde eingeleitet durch die Publikation einiger Thesen verschiedener namhafter Zionisten im hiesigen Parteiorgan „Joodsche Wächter". Es folgten einige Abende, an denen diese Thesen von ihren Verfassern verteidigt wurden, was zur Klärung der Meinungen viel beigetragen hat. rr= :ll^5L NACHRICHTEN Abermals Panik in Odessa Die „Rjetsch" meldet aus Odessa: Ein minderjähriges Mitglied des „Verbandes der russischen Leute", Melnikow, erschien bei der Polizei, und indem er Wunden und Tätowierungen auf seinem Körper vorwies, erzählte er, daß acht unbekannte Leute, darunter zwei Juden, ihn nachts auf der Straße, ergriffen und aufs offene Meer gebracht hätten, nachdem sie ihm zuvor die Augen zugebunden hatten. Man habe ihn sodann ans Land gebracht und ihn dort den entsetzlichsten Foltern unterworfen, wobei die Leute fortwährend geschrieen hätten: „Das hast du für deine Ergebenheit gegen Kaulbars!" Melnikow wurde sofort von Kaulbars, dem Generalgouverneur Glagolew und dem Stadthauptmann Grigorjew besucht. Der Polizei gelang es trotz ihrer eifrigen Bemühungen nicht, die Teilnehmer an dem Überfall aufzufinden. Der Verband der russischen Leute ist furchtbar aufgeregt und nimmt eine äußerst drohende Haltung ein. Die Bevölkerung ist von entsetzlicher Panik ergriffen. Man vermutet eine grausame Provokation, die zu einem Pogrom führen soll. Nachträgliche Meldungen besagen, daß die Stimmung sich noch immer nicht beruhigt habe. Die Administration berate über Mittel, einen Pogrom hintanzuhalten. Charakteristisch ist, daß der Bericht des Generalgouverneurs nach Petersburg bereits alle Teilnehmer an dem angeblichen Racheakt als Juden bezeichnet. Protest gegen die galizischen Wahlmißbräuche Wien, 10. Juni. Die Wahlmißbräuche in Galizien standen auf der Tagesordnung einer Protestversammlung, die. Samstag abend im Galeriesaale des „Hotel Union" stattfand. Der Saal war überfüllt Vorsitzender Dr. Kronawetter führte aus: Unwidersprochen wurde von den größten Ungesetzlichkeiten berichtet. Wofür sind Gesetze, wenn sie von Behörden selbst nicht gehalten werden? Der Justizminister hat das bestehende Strafgesetz gegen diese Mißbräuche für genügend erachtet. Übersteigt aber nicht der Stimmzettel, dessen Photographie ich Ihnen hier zeige und der den aufgedruckten und nicht vertilgbaren Namen des Ministers Dr. v. Korytowski trägt (Pfui-Rufe), übersteigt er nicht alle Begriffe der Zivilisation? Jeder Private müßte ein so errungenes Mandat zurücklegen, — um wie viel mehr ein Mann aus dem Rate der Krone! Die Staatsanwälte müssen ihre Pflicht erfüllen. Die Regierung hat das Wort! (Stürmischer Beifall.) Der gewesene Reichsratskandidat Dr. Birnbaum gab hierauf, vom Regierungsvertreter wiederholt unterbrochen, eine Schilderung der Wahlvorkommnisse in seinem Wahlbezirk, welche die Versammlung wiederholt zur lautesten Empörung veranlaßte. Dieser schwarzgefärbte Korytowski-Zettel, sagte er, ist kaum der Erwähnung wert. Das ist in Galizien das Alltägliche, das Natürliche. Am elendesten waren die Juden daran als Werkzeuge der Schlachta gegenüber dem Volke: sie stimmten gezwungen für die Politik ihrer Unterdrücker. Die Wahl der „fremden" Minoritätskandidaten — wie des Dr. Mahler — hat die Schlachta vor Wut sinnlos gemacht. Und es liegen ganz unverschämte Äußerungen von Beamten vor, daß man das verhindert hätte, wenn man es gewußt hätte. Bei den Stichwahlen wuchs daher der Schwindel ins Gigantische, ins Groteske. Denn es war die Losung ausgegeben: Geschehe, was da wolle, ein Oppositioneller darf nicht gewählt werden. Redner besprach die Wahl in Buczacz, die als ein Muster anzusehen sei. Sein Gegenkandidat war der bekannte Moysa. Redner behauptet, daß bei der Wahl von der Amtsgewalt der Behörden Mißbrauch gemacht wurde. Ich behaupte, fährt Redner, vom Regierungs.vertreter wiederholt unterbrochen, fort, daß man in Tlumacz auch vor einem Mordversuche nicht zurückschreckte. (Bewegung)r, Tausende Ruthenen und Juden gaben mir das Geleite, weil man eine Bande polnischer Bauern gegen mich gemietet hätte. Nachts mußte ich mein Zimmer wechseln, weil Ziegelsteine durch mein Fenster flogen. Mein Hausherr aber entdeckte im Hof um 2 Uhr morgens zwei Polizisten, die einem Strolch den Weg wiesen: „Hier geht man zu Dr. Birnbaum." Und überrascht, erklärten sie auf dieFrage, was ziezu dieser Zeit hier wollten: „Dieser „Herr" möchte gern den Dr. Birnbaum — kennen lernen." (Anhaltende Bewegung.) Tausende kleine Leute hat man ruiniert. Die Stimmzettel wurden erst am Tage der Wahl im Wahllokal ausgefolgt. Feder und Tinte waren — gegen das Gesetz — nicht da. An der Urne wurden 700 bis 800 Wähler „wegen empfangener Unterstützung" bei der Stichwahl zurückgewiesen, darunter ein Mann, der 200 fl. Steuer zahlt. In der Kommission saß der Steuerkommissär. Ein Tischler mit Namen „Schneider" wurde abgewiesen, weil man ihn als Tischler kenne. In Zigany wurde ein Wähler zurückgewiesen, weil er zu alt sei, ein zweiter, weil sein Kompagnon bestraft worden war, ein dritter, weil er unehelich geboren ist, ein vierter, weil er — zu schlecht gekleidet war. Dann kam das Skrutinium. In Stanislau wurden einige hundert Zettel für ungültig erklärt, weil die Leute den Vornamen „Marcus" des Dr. Braude nicht polnisch „Markus" geschrieben hatten. Wenn unsere Stampiglien einen Buchstaben nicht deutlich abgedruckt hatten, waren sie ungültig. 276 Bauern des ruthenischen Dorfes Zigany schwuren dem Geistlichen, daß sie mich gewählt hatten. Das Skrutinium ergab für mich — 26 Stimmen. Es wurden so in jeder Stadt 500 bis 600 Stimmen gefälscht und gestohlen. (Pfuirufe.) Solange wir in Galizien unter anderem Recht stehen, ist das Staatsbürgerrecht nicht erfüllt. Wir haben Telegraph und Telephon in Bewegung gesetzt, um dem Ministerium begreiflich zu mächen, daß in Galizien Dinge geschehen, deren der Orient sich schämen müßte. Sind die Minister die Herren oder ist es Graf Potocki? Das Parlament muß den Ministern sagen, daß in Galizien Ordnung werden muß. Diese Wahlen müssen annulliert werden, und ihresgleichen dürfen nicht wieder entstehen. (Stürmischer Beifall.) Ein von Dr. Kronawetter verlesenes Schreiben des Abgeordneten Pernerstorfer verspricht, im Parlament wenigstens einen moralischen Erfolg in dieser Sache herbeizuführen. Dr. Jarosiewicz, der ruthenisch-sozialdemokratische Gegenkandidat des Vorredners, konstatiert, daß er jedes Wort des Dr. Birnbaum als Tatsache bestätige. Er begrüße das Auftreten der neuen jüdischen Partei, die auch das Judentum aus den Klauen der Schlachta befreien werde. Abg. Dr. Ofner: Das Volk in Galizien — Polen, Ruthenen und Juden — erkennen endlich ihre Kraft und werden sich helfen. Gegen die Gerechtigkeit des Parlaments, wenn es die Wahlen prüft, bin ich mißtrauisch. Es wird die Entrüstung der ganzen Wählerschaft nötig sein, um gegenüber der Macht der Schlachzizen dem Abgeordnetenhause die Kraft zu verleihen, eine Prüfung dieser Wahlen durchzusetzen. Nach längerer Debatte nahm die Versammlung eine Resolution an, welche über die unerhörten Wahlfrevel in Galizien ihre tiefste Entrüstung ausspricht und an das Parlament appelliert, es möge jene galizischen Wahlen, die auf verbrecherische Weise zustande gekommen sind, annullieren. Sie fordert die Regierung auf, die Schuldigen zu bestrafen und die erschütterte Regierungsautorität gegenüber den galizischen Behörden wiederherzustellen. Ablenkung der jüdischen Emigration nach den Südstaaten Amerikas Der Hilfsverein der Deutschen Juden versendet ein Communique, dem wir folgendes entnehmen: Auf Anregung von Jakob H. Schiff in New-York wird durch die Industrial Rem oval Office daselbst jetzt der Versuch gemacht, eine Ablenkung der Auswanderung aus dem östlichen Europa nach den südlichen Häfen der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Als Landungshafen, von wo aus der Strom der Einwanderung weiter in das Innere gelenkt werden soll, ist Galveston gewählt worden. Daselbst ist eine Organisation geschaffen worden, die die Ankommenden in Empfang nimmt und nach Plätzen im Hinterlande weiterführt, wo für sie bereits im Voraus Arbeitsgelegenheit vermittelt wurde. Mit der Durchführung dieses Planes einer Ablenkung der Auswanderung von den bisherigen Wegen in Europa ist ein Komitee in London betraut worden, an dessen Spitze Herr Israel Zangwill von der Ito steht. Dem Komitee gehören unter anderen an Leopold de Rothschild, Luden Wolf und die beiden Vorsitzenden des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Herr James Simon und Dr. Paul Nathan. Für die Arbeit in Deutschland ist alsdann noch ein besonderes