Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Komitee eingesetzt worden, dem außer Herrn James Simon und Dr. Nathan Herr Dr. A. Klee angehört. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, ist bereits im vorigen Monat ein Dampfer mit einigen wenigen russischen Auswanderern über Bremen nach Galveston abgegangen. Am: 6. Juni konnte der erste größere Trupp von 54 Personen über Bremen nach Galveston expediert worden. Für diesen Dampfer war eine größere Zahl Galveston-Passagiere eingeschrieben worden, als tatsächlich abgefahren ist. Einige davon sind nicht zur rechten Zeit eingetroffen, andere sind mit einigen hundert anderen Auswanderern zusammen wegen eines vorher in einem anderen Auswanderertruppe vorgekommenen Scharlach- und Diphteritisfalles in Quarantäne zurückgehalten worden. Die Auswanderer-Schutz-Komitees des Hilfsvereins der deutschen Juden an der Ostgrenze, besonders die Komitees in Ostrowo, Myslowitz, Thorn, ließen sich die Fürsorge für diese Auswanderer besonders angelegen sein und die Oberführung auf das Schiff ist ohne störenden Zwischenfall erfolgt. Ihrem Berufe nach sind die Emigranten, die ihr Glück in der neuen Heimat suchen wollen, 35 Handwerker, 7 Fabrikarbeiter, 2 Kailfleute, 8 unbestimmt und 2 verheiratete Frauen. Die Emigranten stammen meist aus Shitomir, Odessa, Kiew, Warschau und Berditschevv. In Rußland wurde die vorbereitende Tätigkeit durch ein Ito- Komitee unter Leitung von Herrn Dr. Jochelmann geleistet. Herr Jakob H. Schiff, — meldet das Communique weiter —, hat kürzlich in einer Sitzung der amerikanischen Bnei Brith Loge das Programm für diese Einwanderung auf neuem Wege in neue Gebiete aufgestellt. Er sagte u. a.: „Wir sollten es nicht gestatten, daß unsere Glaubensgenossen fast ausschließlich in Städte längs der nordatlantischen Küste gehen. Wir müssen sie empfangen, wenn sie landen und ich glaube, daß wir unserem Lande keinen größeren Dienst erweisen können, als wenn wir den Strom der Einwanderung nach den Golf Städten, nach Atlanta und Galveston ablenken, wo man ihn braucht. Wir müssen nicht vergessen, daß wir dieses jungen Blutes, dieser jungen Leute, der Leute, die neue Aufgaben erfüllen werden, bedürfen, und so wollen A-ir ihnen die Hände reichen zum , Besten unserer Gesamtheit. Wir vollen nicht nur gute Juden, sondern auch gute Amerikaner sein, n Erinnerung daran, daß, als die Sonne für uns in der alten Welt unterging, sie glänzender und verheißungsvoller in der neuen Welt ür uns aufging." Ablehnung einer jüdischen Kolonie in Australien Vor einiger Zeit ging eine Nachricht durch die Blätter, die beagte, daß die Jewish Territorial Organisation mit der australischen Regierung behufs Überlassung von 1000000 acres Land zur Aniedlung jüdischer Kolonisten verhandele. Einige Tage später wurde «jann berichtet, daß die Regierung das Projekt abgelehnt habe. Die Jewish Territorial Organisation gab hierauf bekannt, daß es sich bei diesen Verhandlungen lediglich um die Bemühnngen eines Privatmannes handele und daß sie selbst mit der Sache nichts zu tun habe. Inzwischen hat aber dieser Privatmann, Mr. Alexander Marks, tier ein Mitglied des „Internationalrates" der Ito ist, einen Briefechsel veröffentlicht, den er mit Herrn Zangwill in dieser Angelegenheit gehabt hat und aus dem hervorgeht, daß, wenn auch üie Aktion des Herrn Marks nicht im Auftrage, sie doch mit Wissen •:es Herrn Zangwill geschehen ist. Herr Zangwill schreibt in seinen i•riefen an Herrn Marks u. A.: „Wir wären vollständig zufrieden;:iit lokaler Autonomie. Was wir lediglich wünschen, ist Ellbogen-! eiheit. Wir wünschen nicht, das Problem einiger Tausende zu 1 sen, sondern wir wollen eine Zukunft für ein ganzes Volk schaffen. I h kann sehr wohl begreifen, daß es Australien hart ankommt, ein i rritorium wegzugeben, aber Australien hat zu wählen zwischen t-.ier schwarzen und einer jüdischen weißen Bevölkerung. Unsere fi-ößte Hoffnung ist, daß in ferner Zukunft eine jüdische Provinz i' Australien bestehen soll, vielleicht auch ein jüdischer Staat, und z 'ar nicht als das geringwertigste Glied des australischen Bundes." Der Briefwechsel erregte im Lande ziemliches Aufsehen, die lJ esse betonte, das von einer Einwanderung von Juden nur dann dio Rede sein könne, wenn sie für die Bedürfnisse des Landes die K'- eigneten Fähigkeiten mitbrächten. Ein mit den Verhältnissen (ks Landes sehr vertrauter Berichterstatter schreibt darüber aus Sydney: „Während die australischen Staaten einen großen Bedarf tüchtigen weißen Ansiedlern haben, scheint eine heftige Abneigung gegen die Gründung einer Kolonie von russischen Juden in Lande zu bestehen. Einzelne Ansiedler, die aufs Land gehen urden und für Landarbeit und Farmarbeit geeignet wären, würden yi-lleicht willkommen sein, aber die Arbeiterpartei, die bekanntlich in Australien fast allmächtig ist, würde sich durchaus gegen eine M.isseneinwanderung russischer Juden aussprechen, insbesondere 'Venn sie Handwerker oder Kleingewerbetreibende wären". In seiner letzten Nummer widmet nun der „Jewish World" dieser Affäre der Landsuche und Landablehnung folgende bemerkenswerte Ausführungen: „Mit ungemischtem Erstaunen muß Herr Zangwill in den Tageszeitungen einen Auszug aus einem Briefe gelesen haben, den er an Mr. Alexander Marks, ein hervorragendes Mitglied der Melbourner Gemeinde, mit Bezug auf die Tätigkeit der ITO in Australien gerichtet hat. Der Brief war so augenscheinlich vertraulichen Charakters, daß es schwer fällt, sich vorzustellen, welches die Absicht des Empfängers war, als er den Brief in die australische Presse brachte. Es braucht natürlich nicht erst hervorgehoben zu werden, daß die privaten Briefe eines Politikers nicht mit der Sorgfalt für die Feinheiten des Ausdrucks geschrieben sind, die wir gewohnt sind, oft sogar in übertriebener Weise, bei den offiziellen Mitteilungen zu finden, die mit Rücksicht auf die Veröffentlichung abgefaßt sind. Und deshalb kann die Bekanntgabe von Mr. Zangwills privater Meinung über eine die Möglichkeit einer jüdischen Siedelung in Australien dem Itoismus schwerlich in der einen oder andern Beziehung schaden. Offenbar liegt Herrn Alexander Marks die territorialistische Sache am Herzen; aber er hat sich selbst als schlechten Diener ihrer Interessen bewiesen. Keine große Bewegung kann hoffen, zu gedeihen, wenn ihre Geschäfte in Händen von Schwätzern liegen." Zur Judenfrage in der Duma (Von unserem Korrespondenten) In der am 30. Mai abgehaltenen Sitzung der Kommission zur Beratung der die Freiheit der Person betreffenden Vorlage haben die jüdischen Deputierten Abramsohn und Rabinowitsch den Antrag gestellt, daß bei der Behandlung des Gesetzprojektes über die Unverletzbarkeit der Person alle auf das jüdische Wohnrecht außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons bezüglichen Beschränkungen abgeschafft werden sollen. Bei der Prüfung dieses Antrages wies W. M. Hessen von der Kadettenpartei darauf hin, daß die Aufrollung dieser Frage den Arbeitsplan der Kommission stört, während die Behandlung der Frage des Wohnrechts mit der übes die Gewissensfreiheit unlösbar verbunden sei. Der Gehilfe der Ministers des Innern Makarow sprach sich dahin aus, daß eine so wichtige Frage, wie es die Frage des jüdischen Wohnrechts ist, durch ein besonderes Gesetz und nicht in Verbindung mit dem Gesetze über die Unverletzbarkeit der Person gelöst werden müsse. Die Erledigung dieser Frage sowie die betreffs Einsetzung einer besonderen Uuterkommission zur Behandlung der Frage der Abschaffung aller jüdischen Beschränkungen und der Erteilung des Wohnrechts an Juden im ganzen Reiche wurde bis zur nächsten Sitzung verschöben. Vorläufig hat die Kommission beschlossen, den § 14 des Gesetzprofektes der Regierung folgender Weise zu ändern: Ein Jeder kann in der Wahl seines Aufenthaltsortes und in der Freiheit seiner Veränderung nur vom Gericht gestört werden. „Towarischtsch" teilt mit, daß am 21. Mai dem Ministerrate das Expose des Ministers des Innern über die Judenfrage vorgelegt wurde. Es besagt, daß der Ministerrat mit den vom Minister des Innern ausgesprochenen Äußerungen vollstäudig einverstanden ist, die dahin gehen, daß gewisse Kategorien von Juden, welche Ortschaften bewohnen, wo ihnen der Aufenthalt eigentlich verboten ist, vorläufig in diesen bleiben können, wobei der Ministerrat dem Minister des Innern zur Aufgabe stellte, bis zur definitiven Lösung der Judenfrage und der Frage des jüdischen Ansiedelungsrayons sich nach den im Expose dargelegten Prinzipien zu richten. „Razswiet" meldet, daß gegenwärtig von den jüdischen Deputierten Unterschriften für ein Gesetzprojekt über die Abschaffung aller mit Religion und Nationalität verbundenen Beschränkungen gesammelt werden. Die jüdischen Deputierten beabsichtigen dieses Gesetzprojekt der Dumakommission für Religionsfreiheit vorzulegen, die sich jetzt mit dem ministeriellen Gesetzprojekt über die Religionsfreiheit befaßt. Unabhängig von dieser Aktion beabsichtigt eine Gruppe linker Deputierter, der Duma ein besonderes Gesetzprojekt über die jüdische Gleichberechtigung vorzulegen. Die erste Unterkommission der Kommission für Gewissensfreiheit befaßte sich am 2. Juni mit dem Referate des Deputierten Abramsohn über die Rechtsbeschränkungen der Juden. Der Referent hat nur den ersten Teil seines Referates vorgelesen, in welchem er sich mit dem jüdischen Wohnrecht beschäftigte. Die darauf bezüglichen Gesetze befinden sich im Bande 11, 14, 9, 6 der Reichsgesetzgebung. Die Unterkommission beschloß einstimmig, daß alle obengenannten Beschränkungen des Wohnrechts abgeschafft werden müssen.