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Die Welt · 1907-06-14 · 24 (14.6.1907) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Abgeordneten, vor der Türe vergebens um Einlaß flehen. Der deutschfortschrittliche mährische Abgeordnete, Herr Dr. Groß, hat den freialldeutschen und deutschvolklichen Wünschen wegen Ausschließung der drei Wiener Abgeordneten Dr. Ofner, Baron Hock und Kuranda rasch willfahrt und hat ohne viel Umschweife die Konfession der Herren Kuranda und Dr. Ofner und die allzu freisinnige Haltung Baron Hocks als Gründe der Ausschließung angegeben. Herr Kuranda, der ein jüdisches Mandat (Kaiviertel Wien) besitzt, hat in seinen Wahlreden gegen die slavische Gefahr gewettert und seinen Eintritt in einen deutschfreiheitlichen Verband anzukündigen sich beeilt. Baron Hock wurde in liberalen Zeitungen als neuerstandener Führer der Liberalen, als Liebling der Wiener, als Verkörperung allen Freisinns und Deutschtums verhimmelt. Weder die voreiligen Anbiederungsversuche des Herrn Kuranda noch die tendenziösen Lobhymnen der jüdischen Journalisten, die Morgenluft für den Liberalismus witterten, haben verhindern können, daß die deutschen Abgeordneten dem Zuge ihres antisemitischen Herzens folgten und die drei einzigen nichtantisemitischen bürgerlichen Abgeordneten Wiens wegen ihrer überwiegend jüdischen Wählerschaft aus der deutschen Gemeinbürgschaft ausschlössen. Die Wiener Liberalen haben niemals bei den Sudetendeutschen einen besonderen nationalen Credit gehabt. Aber so arg hat man ihnen noch nicht mitgespielt. Kein Wunder, daß in den liberalen Redaktionsstuben heller Aufruhr herrscht und die Wiener Juden außer Rand und Band sind. Die Aufregung pflanzt sich auch nach Mähren und Böhmen fort, wo die deutschliberalen Juden die auch ihnen zugedachte Demütigung empfinden und vor Zorn aufschreien. Die Aufregung wird sich bald legen, denn die Judengeneration, die sich getroffen fühlt, hat sich im Laufe ihrer deutschpolitischen Betätigung in ihre tragikomische Rolle eingelebt. Sie wird kaum mehr etwas lernen und gar bald alles vergessen. Sie protestieren, reiten das altgewohnte Steckenpferd liberaler Gemeinplätze, begnügen sich damit und überschlafen die Demütigung, die sie zum xten Male erfahren haben. Und dann, die mährischen Deutschen, die an hunderten Stellen auf die Juden angewiesen sind und ohne ihre Unterstützung ihre halbe Macht im Lande einbüßen müßten, werden sich wohl hüten, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Wie groß die Furcht und Abhängigkeit auf deutschliberaler Seite ist, geht aus dem Angstruf eines führenden liberalen Provinzblattes „Bohemia" Hervor, das über die Affäre u. a. schrieb: vNicht bloß um die Rücksichtnahme auf die deutschen Juden handelt es sich in dieser vom prinzipiellen Standpunkt schwerwiegenden Frage, sondern um das gefährdete Deutschtum überhaupt, dem ein lähmender Schlag versetzt werden kann, wenn man durch unvorsichtige Politik große und ausschlaggebende Wählerkreise in das Heerlager des Zionismus oder der internationalen Sozialdemokratie treibt". Wenn sich diese jüdischen Wählerkreise auch den letzten Affront ohne weiteres gefallen lassen und nicht an eine gründliche Revision ihrer ganzen bisherigen Politik schreiten, dann handelt es sich um einen durch jahrzehntelange Deutschtümelei anerzogenen moralischen und intellektuellen Defekt, der unheilbar ist. Eine Statistik, die über die politische Gesinnung der deutschösterreichischen Wähler genauen Aufschluß gibt und vor einigen Tagen in der „Arbeiterzeitung" erschienen ist, zeigt deutlich, daß das Vorgehen gegen die Wiener Abgeordneten dem politischen Willen der deutschen Wählerschaft entspricht. Die Christlichsozialen haben 552 135 Stimmen erhalten, was 29,9 °o der giltigen Stimmen bedeutet. Die Antisemiten verschiedener Couleur haben sich auf 967 372 Stimmen, also 52 ° o vereinigt und verfügen über 143 Mandate. Demgegenüber haben die Deutschfortschrittlichen 116524 Stimmen erhalten, d. i. 6,2 °/o mit 19 Abgeordneten. Der Rest entfällt auf die deutsche Sozialdemokratie (511760 Stimmen oder 27,4 ° o, 50 Abgeordnete) und andere, selbständige Kandidaten. Bemerkenswert ist in der Statistik, daß die Christlichsozialen die meisten Stimmen erhielten, und daß in Steiermark, Oberöst^rreich, Tirol, Kärnten, Krain, Salzburg fortschrittliche Kandidaten überhaupt nicht aufgestellt und fortschrittliche Stimmen auch nicht abgegeben wurden. Fortschrittlich heißt im österreichischen politischen Jargon: philosemitisch dem Programm, wenn auch nicht der Gesinnung nach. Diese Ziffern sprechen Bände. Sie müßten jenen österreichischen Juden, die sich überrascht stellen und nicht begreifen können, die Augen öffnen und das wahre Bild der Deutschen in Österreich endlich aufzeigen. Sind sie einer sich mit elementarer Gewalt aufdrängenden politischen Erkenntnis noch fähig? Und werden sie sich zur Abwehr, die ehrliebender Juden einzig würdig ist, aufraffen? Oder wollen sie politische Würdelosigkeit zum Leitstern aller ihrer Politik erheben? R. N. ^ooooooo^j c=^= ooooooojj AUS DER BEWEGUNG (ooooooo II ♦ |o o o o o o o Das Engere Aktions-Komitee ist für Sonntag, den 23. Juni zu einer Sitzung nach Köln einberufen. Innerösterreichischer Distriktstag in Wien Am 30. Mai fand im früheren Kongreßbureau der diesjährige Distriktstag statt, auf dem 14 Di5triktsvereine durch 28 Delegierte vertreten waren. Den Beratungen, welche einen ganzen Tag in Anspruch nahmen und auf einem anerkennenswert hohen Niveau von Sachlichkeit und Ernst standen, wohnten zahlreiche Gesinnungsgenossen bei. Die Zufriedenheit mit der derzeitigen Distriktsleitung, die ihre Parteiaufgaben geradezu mustergiltig löst, trat allseits zutage. Es ist nur zu wünschen, daß der gute Wille und unermüdliche Arbeitseifer der Leitung in den Vereinen die nötige Unterstützung und Anerkennung durch rege Mitarbeit finde. Der von Obmann Dr. Isidor Margulies erstattete Rechenschaftsbericht gab einen eindrucksvollen Beweis von der umfangreichen Tätigkeit, die im Berichtsjahre entfaltet worden war. Der Wahlkampf, der bei den Kultusgemeindewahlen im November 1906 von den Wiener Zionisten aufgenommen worden war, endete mit einem großen Erfolge, da 45 " o aller Stimmen für die prononzierten zionistischen Kandidaten abgegeben wurden, von denen zwei mit 1800—1900 Stimmen in die Stichwahl gelangten. Der Bericht hob ferner die Förderung der praktischen Palästinaarbeit, die Veranstaltung einer großen Palästinareise, die Gründung eines offiziellen Parteiorgans, die Beteiligung an der Schaffung der jüdischen Nationalpartei hervor und beleuchtete die passive oder feindselige Haltung der Wiener A. C.-Mitglieder. sDie Zahl der Schekelzahler belief sich auf 1950 im Jahre 1906, was gegenüber dem Kongreßjahre 1905 einen Zuwachs um 50 0.«» bedeutet. Der Distrikt zählt 21 Vereine. Dem Distriktskomitee wurde nach einer Diskussion, in der den Erfolgen des D. C. aufrichtige Anerkennung gezollt wurde, das Absolutorium und vollstes Vertrauen votiert. Nach dem genehmigten Kassenbericht des Kassiers Gg. Adolf Böhm legte Dr. Margulies im Referate „Stellungnahme zum Parteitag" Thesen zur neuen organisatorischen Ausgestaltung der österreichischen Landesorganisation vor. Sie gipfeln hauptsächlich in einer Reform des Landeskomitees und dessen Ersetzung durch ein Zentralkomitee, welches aus einer größeren Anzahl von Gesinnungsgenossen verschiedener Distrikte gebildet werden soll. Das Zentralkomitee besorgt seine administrativen Agenden durch zwei, in Wien für Westösterreich und in Lemberg für Galizien samt Bukowina zu errichtenden Zentraibureaus, welchen die direkte Verrechnung der Schekel und ihre Abführung an das engere A.-C, die Durchführung der Kongreßwahlen, die Errichtung von Sammelstellen des Nationalfonds und dergleichen mehr obliegen wird. Innerösterreich, Mähren, Schlesien sollen in einem Distrikte vereinigt und ferner Verhandlungen eingeleitet werden, damit der Verband Poale-Zion im Zentralkomitee und auf dem Parteitag als den Zentralorganen der Landesorganisation vertreten sei. Gegen diese Vorschläge, an welche sich eine lebhafte Debatte über Zentralisation und Dezentralisation knüpfte, brachte Gg. Löhner einen Antrag ein, der sich gegen jede Dezentralisation und gegen die Sonderorganisation sozialer Schichtungen innerhalb des Zionismus wendet. In der Debatte sprachen Del. Torczyner, Dr. Kadisch, Freundlich Jng. Stricker, Dr. Schalit u. a. Die Thesen des Referenter wurden angenommen, ebenso eine von Gg. Nassau eingebrachte Resolution zur bekannten Streichung des § 2 (Bielitzer Organisation Statut): „Der Distriktstag erklärt, daß es sich mit den jüdisch-nationalei1 Grundlagen des Zionismus durchaus nicht verträgt, wenn Zionistei* weiterhin fremdnationalen Vereinen angehören, und verurteilt jedi aktive Gefolgschaft, die von Juden fremdnationalen Parteien, ins besondere der deutschen Fortschrittspartei, geleistet wird." Das Referat „Stellungnahme zum Kongreß (zur allgemeine.'; Politik und zur Leitung)" erstattete Gg. Dr. Paul Weisengrün Zur Annahme gelangten einstimmig die von ihm vorgelegten uno ausführlich begründeten Thesen: „Der Distriktstag erkennt die aufopferungsvolle Tätigkeit des A. C. vollkommen an, würdigt die Verdienste des Präsidenten

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