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Die Welt · 1907-06-14 · 24 (14.6.1907) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE ELT No. 24 ist die unvermeidliche logische Schlußfolgerung. Wir haben jedoch nie gehört, daß Herr Schabotinski oder irgendein anderer verständiger Zionist den Zionismus ähnlich interpretieren oder begründen sollte. Dieser Gedankengang des Herrn Schabotinski widerspricht nicht bloß seiner eigenen Auffassung von den Zwecken und Aufgaben des Zionismus; er beweist auch zur Evidenz, und das ist der Kern der Sache, daß die Interessen, auf welche sich Ludwipol und Schabotinski berufen, nicht die des jüdischen Volkes sind und sein können. Wir lassen jedes ethische Moment außer acht; das hat nämlich schon der Gesinnungsgenosse Schabotinskis, Herr Gorelik besorgt. In seiner Polemik gegen Schabotinski schreibt Gorelik: „Auch wir glauben, daß der Arbeiter in Palästina einen Bruchteil seiner Interessen dem gemeinschaftlichen nationalen Ideal opfern muß; aber wir bleiben nicht dabei, wir verlangen das gleiche von dem Kapitalisten . . . Kein Zionist, kein Mensch, der auf dem Standpunkte des „Rechts" und nicht der „Macht" steht, . . . darf auf sich die sittliche Verantwortung laden, nur einer Klasse nationale Verpflichtungen und Opfer aufzuerlegen" . . . Damit sind wohl die Ausführungen Schabotinskis ethisch verurteilt, aber keineswegs mentorisch entkräftet. Das Entstehen einer jüdischen Nationalwirtschaft in Palästina bliebe ein Rätsel, wollte man von den Unternehmern Opfer, d. h. den Verzicht auf eine gewinnbringende Anlegung ihrer Kapitalien, verlangen. Herrn Gerolik gegenüber befindet sich Herr Schabotinski in einer gesicherteren Position. Wenn er aber begreift, daß man von Unternehmern nicht fordern kann, die Voraussetzung ihrer wirtschaftlichen Betätigung — den Profit — und somit sich selbst als Unternehmer aufzuheben, so sollte ihm doch klar sein, daß auch die Arbeiterschaft auf ihren Kampf ums Dasein, um ein menschenwürdiges Dasein nicht verzichten kann. Ja, meint aber Herr Sch., der Kapitalismus in seinen Anfangsstadien braucht niedrige Löhne, die Poale-Zion sollen sich der Naturnotwendigkeit der kapitalistischen Entwicklung beugen. Es ist kein schlechter Gedanke, sich die angeblich poale-zionistische Theorie von der „naturnotwendigen elementaren" Entfaltung zu eigen zu machen, um sozusagen den Spieß gegen die Poale-Zion zu wenden. Wenn es aber unter den Poale-Zionisten Leute gibt, die den geschichtlichen Materialismus als historischen Fatalismus, als eine „tatenlose Ergebung in das anscheinend Unvermeidliche" (um mit Kautsky zu sprechen) auffassen, der Gebrauch, den Herr Schabotinski von dieser Theorie machte, hat sie gewiß von ihrer Unrichtigkeit überzeugt. Wir haben diesen „Theorien" nie gehuldigt. Wir behaupteten stets, daß ein Eingreifen im Sinne der Entwicklung möglich, ja notwendig ist. Wir leugnen nicht die Rolfe des organisierten Volks- und Massenwillens in der Geschichte. Eben deshalb müssen wir darauf verzichten, uns dem Ringen von Massenbedürfnissen nach Befriedigung entgegenzustellen. Herr Sch. muß von dem ganz unrichtigen Gedanken lassen, daß Bewegungen und Regungen, wie die der Arbeiter in Rischon, von „Parteien", von „Organisationen" etc. hervorgerufen, gezüchtet werden. Es berührt sonderbar, daß Herr Sch. die Partei Poale-Zion apostrophiert in dem irrtümlichen Glauben, daß es vom guten oder schlechten Willen unserer Partei abhängt, solche Bewegungen hintanzuhalten oder zu veranlassen. Ob wir wollen oder nicht, übermäßige Ausbeutung und Mißachtung der menschlichen Würde werden immer Gegenaktionen, Auflehnung und Gegendruck zur Folge haben. Der werdende Kapitalismus habe dürftige Löhne zur Voraussetzung? Herr Sch. sollte sich die Frage vorlegen, ob die niedrige Entlohnung am Beginn kapitalistischer Produktion nicht vielmehr die Folge der Schwäche der Arbeiterschaft ist. Den Kämpfenden um einen höheren Standard of life wurde stets entgegenhalten, daß sie die Produktion vernichten. Hätte das kämpfende Proletariat diesen Beteuerungen Glauben geschenkt, die Löhne wären immer dieselben geblieben. Die Hebung der Lebenshaltung der Arbeiterschaft muß nicht immer auf Kosten des Profits geschehen. In den modernsten großkapitalistischen Betrieben sind durchweg die Löhne höher, was die letzthin veröffentlichte amerikanische Statistik bestätigt. Der Satz des Herrn Schabotinski ist daher keineswegs unanfechtbar, und die jüdischen Arbeiter in Palästina können die Fürsorge für die Stabilität des Profits ruhig den JJnternehmern selbst überlassen. Sie brauchen sich in dem Kampf um ihre Existenz keine Schranken aufzuerlegen. Deswegen sollte es niemanden um die Zukunft der jüdischen Nationalwirtschaft in Palästina bange werden. Dem Kampfe der Arbeiterschaft um die Hebung ihrer Lebenslage sind natürliche Grenzen gesteckt; sein Erfolg wird bestimmt durch das Verhältnis von Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkte, durch die Geschlossenheit der Arbeiter, die Lage und Einsicht der Unternehmer. Dieser Kampf kann nie so weit gehen, daß er einen Produktionszweig lahmlegt, konkurrenzunfähig macht; damit würden die jüdischen Arbeiter für absehbare Zeit sich selbst der Existenzmög lichkeiten in Palästina berauben. Die Poale-Zion sind aber an dem Gedeihen der Industrie und Landwirtschaft im Judenlande ebenso interessiert wie die jüdischen Unternehmer. Herr Schabotinski und alle gleichdenken den Zionisten jedoch dürfen nie vergessen, daß der jüdische Arbeiter nie ein Mittel zur Schaffung dieses oder jenes Produktionszweiges, sondern stets Selbstzweck ist. Es wird einem seltsam zumute, wenn man solche Selbstverständ lichkeiten niederschreiben muß. Es mußte aber vor einer falschen Auffassung des nationalen Interesses gewarnt werden. Für micl: war die Stellungnahme durchaus demokratisch gesinnter Zionisten. wie Schabotinski, zum vorliegenden Fall eine arge Enttäuschung. Die Herrenmoral des Herrn Ludwipol sollte in den Zionismus nie Eingang finden. Die bürgerlichen sollten von den proletarischen Zionisten lernen. Haben wir zum Beispiel je gefordert, daß die jüdischen Kolonisten und Unternehmer darauf verzichten, nicht jüdische Arbeiter aufzunehmen, was wohl einem eminent nationalen Interesse entsprechen würde! . . Ja, wenn die in nationalen Farben schillernde jüdische Unternehmerschaft in Palästina ein ähnliche; Opfer zu bringen bereit wäre, wenn sie endgültig darauf verzichten sollte, bei Konflikten mit jüdischen Proletariern den Fellachen gegen den jüdischen Arbeiter zu Hülfe zu rufen, — dann könnte man auch von der Arbeiterschaft Opfer verlangen. Die Zionisten und die zionistische Organisation aber sollten sich wohl hüten, bei ähnlichen Fällen den Interessen einer der streitenden Parteien die Weihe des Nationalen zu geben, will man den bürgerlichen und den prole tarischen Zionismus in einer Kongreßorganisation vereinigt sehen C ooooooooooooooo <?- NOTIZEN ooooooooooooooo C V Statistisches über die jiidisch=nationale Wählerschaft in Osterreich Anzahl der für die jüdisch-nationalen Kandidaten im ersten Wahlgange abgegebenen Stimmen: Stanislau Dr. Braude........ Buczacz Dr. Birnbaum ...... Stryj Dr. Salz........ Lemberg 3 Dr. Braude....... Drohobvcz Dr. Zipper........ Brody " Adolf Stand....... Rozdol Dr. Malz......... Tarnopol Adolf Stand....... Kolomea Dr. Thon ........ Brzezany Dr. Rappaport...... Mielec Krakau 12 Chrzanow Trembowla Buczacz (Land) Zablotau Weißglaß......, . 882 1 500 Skalat Dr. Braun........1 589 Zloczow Löbel Taubes ...... 334 23 8C Bukowina: Czernowitz Ost, Dr. Straucher.......3 318 Czernowitz II Dr. Wender....... 2 250 Radautz Dr. Weidenfeld...... 1 187 - 6 7r Wien Dr. Schalit........ 592 5< Insgesamt . . . 31 21 Hermann Bahr über die Assimilation In seinem neulich erschienenen Werke über Wien und^ da Wienertum*) gibt Hermann Bahr unter anderem folgende meisterhafte Charakteristik der Wiener jüdischen Assimilanten, d;. zugleich das Verhältnis dieses geistreichsten Vertreters der öste; reichischen Moderne zur Assimilation in kernigen Worten 'Kennzeichnet: *) „Wien", von Hermann Bahr. Carl Kral)be Verlag. Erich Gußina)* Stuttgart. (.Seite 68 u. 69.)

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