Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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„Wie zur ganzen Tradition auch das Tun der reformierten " Juden stimmt. Es konnte sich nirgends besser entfalten. Nirgends als in der Stadt jener das Leben nur träumenden Barocke und dieses außerhalb der Wirklichkeit erfundenen Liberalismus kann es üppiger gedeihen. Alle Bedingungen sind da. Der Wiener scheint wirklich nur noch auf den entwurzelten Juden gewartet zu haben. In diesem vollendet sich seine Geschichte. Der Jude hat keine Macht über die Wiener Stadt. Leider. Sie könnte seinen Fleiß, die Betriebsamkeit, den Lebensern,st brauchen. Aber gegen ihn hat sie sich immer gewehrt. Das Tüchtige, das Große, die Kraft des Judentums mag sie nicht. Aber der Jude, der es nicht mehr sein will, der Verräter seiner Rasse, der sie verläßt, der Schauspieler einer fremden, ist ihr verwandt. Das Künstliche dieser ausgerissenen Existenzen, die, von aller Vergangenheit entleert, gierig sind, sich jede Gegenwart, jede Zukunft einzupumpen, die nur Schale sind, die sich täglich anders aufblasen, gar nichts zu sein, aber alles zu scheinen fähig, hat den Wiener immer verlockt. Er findet an ihnen sich selbst. Wenn man das Wort so nimmt, kann man sagen, daß er durch und durch verjudet ist. Er war es schon, bevor noch der erste Jude kam." o VOLKSWIRTSCHAFT UND STATISTIK O O Anteil der Juden an den Mittelschulen in Österreich seit 1851 Im Märzheft d. J. der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der . Juden" habe ich den Anteil der Juden am Hochschulstudium in Österreich seit dem Jahre 1851 dargestellt. Auf Grund derselben amtlichen Quellen soll hier die Beteiligung der Juden am Besuch der österreichischen Mittelschulen während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschildert werden. Die umseitigen Tabellen I—IV geben die Zahl der jüdischen Schüler an Gymnasien und Realschulen in der ganzen Monarchie, die Zahl der Juden an den Mittelschulen überhaupt in den einzelnen Kronländern, sowie ihren prozentualen Anteil an der Gesamtzahl der Schüler,, an. Die Schulfrequenz hat sich in diesem halben Jahrhundert in Österreich allgemein außerordentlich gesteigert. Die Zahl der christlichen Schüler stieg von 21213 im Jahre 1851 auf 99 690 im Jahre 1903 04, die der jüdischen von 1251 auf 15 880. So hat sich die christliche Schülerzahl um das 4 V« fache, die jüdische um das 12V2fache vermehrt, also dreimal so stark als die erstere. Hierbei ist zu bemerken, daß, wenn auch die absolute Zahl der jüdischen Schüler ununterbrochen wächst, ihre relative Ziffer in den letzten Jahren seit etwa 1896 97 eine fallende Tendenz aufweist. Im allgemeinen machen die jüdischen Schüler 13—14°. o unter sämtlichen Schülern der Mittelschulen aus. Ihr Prozentsatz an den Hochschulen ist höher (ca. 17—18"V). Dieser Umstand deutet darauf hin, daß nach absolvierter Mittelschule die jüdischen Abiturienten wohl in höherem Maße sich dem Hochschulstudium zuwenden als die christlichen; dies aber dürfte damit im Zusammenhang stehen, daß Christen häufiger die Beamtenlaufbahn ergreifen und dann auf das weitere Studium verzichten. Die Bete'ligung der Juden an der Frequenz der Realschulen bleibt nicht hinter der der Gymnasien zurück. Ebenso ist ihr Prozentsatz an den technischen Hochschulen in den letzten Jahren sogar größer als unter den Universitätsstudierenden. Freilich wird die Wahl der Schulgattung und des Studienfaches wohl hauptsächlich auf praktische Beweggründe zurückzuführen sein, also auf die Aussichten im Erwerbsleben, auf die „Verhältnisse des Marktes", doch Kann keinesfalls in dieser Hinsicht die natürliche Beanlagung von nelevanter Bedeutung sein. Berücksichtigt man nun, daß die Juden iele Jahre hindurch das medizinische Studium so außerordentlich bevorzugten und letztens Realschulen und technische Hochschulen echt zahlreich aufsuchen, also Studien sich widmen, die hauptsächlich das Anschauungsvermögen in Anspruch nehmen,' so wird uan die Ansicht, daß die . Juden eine ausschließlich abstrakt-spekuative Begabung besitzen, ohne Sinn für das Gegenständliche, Anchauliche, für nicht ganz zutreffend halten können. Insbesondere zahlreich und in relativ höherem Grade als von len Christen werden die Realschulen von den Juden in den iniustriell und kommerziell hochentwickelten Sudetenländern: in Schlesien, Mähren und Böhmen besucht. In Schlesien sind in den etzten Jahren die jüdischen Realschüler zahlreicher als die Gymlasiasten, in Mähren sind sie ihnen beinahe gleich und in Böhmen licht um vieles an Zahl geringer. Hervorzuheben ist auch, daß in diesen Ländern die jüdischen Schüler ganz überwiegend deutsche Anstalten besuchen. In Böhmen lachen die Juden an tschechischen Schulen ungefähr den vierten is fünften Teil aller jüdischen Mittelschüler aus. Allerdings ist eine ilmähliche Verschiebung zugunsten der böhmischen Anstalten auch ei den Juden bemerkbar. In Mähren ist ein verhältnismäßig kleiner Bruchteil der jüdischen Schüler an slawischen Anstalten. Abgesehen von den von Juden sehr spärlich bewohnten Ländern den Alpenländern, Küstenland, Dalmatien) ist der Prozentsatz der uden unter sämtlichen Mittelschülern nur in Böhmen und in den etzten Jahren auch in Mähren unter dem Reichsdurchschnitt, in Uen übrigen über demselben. Am höchsten ist er in der Bukowina, wo über 40° 0 aller Mittelschüler jüdisch sind. An zweiter Stelle kommt Niederösterreich, wo Vs aller Schüler Juden sind. Die Verhältniszalil der Juden wäre noch höher," wenn man nur Wien, auf das fast alle jüdischen Schüler Niederösterreichs entfallen, zum Vergleich heranziehen würde. Inbezug auf die Relativziffer an dritter Stelle kommt Galizien, das in den letzten Jahren unter allen Kronländern die absolut höchste Zahl jüdischer Schüler besitzt. Noch im Jahre 1894/95 hat es weniger jüdische Schüler gehabt als Niederösterreich (Wien) und Böhmen. Klar tritt die Verschiedenheit der Schulfrequenz bei Christen und Juden aus Tab. III u. IV hervor, in der die durchschnittliche Schülerzahl aus den fünf, um die Volkszählungsjahre liegenden Jahren zu der bei den Volkszählungen 1869, 1880, 1890 und 1900 ermittelten Zahl der christlichen und jüdischen Bevölkerung in Verhältnis gesetzt wird. Daraus ersieht man die bedeutende absolute und relative Zunahme der christlichen und jüdischen Schüler. Es zeigt sich ferner, daß jüdische Knaben verhältnismäßig mehr als dreimal häufiger eine Mittelschule besuchen als christliche Knaben. Bemerkenswert ist die sehr bedeutende relative Zunahme der jüdischen Schülerzahl im Jahrzehnt 1870—1880 und der Rückgang in den darauffolgenden Jahren. Dieser Rückgang ist, wie Tab. IV zeigt, die die Relativziffern für die einzelnen Kronländer feststellt, in Mähren, Schlesien und Niederösterreich bemerkbar. Da auch bei den Christen in dieser Zeit in einigen Kronländern ein Stillstand oder kleiner relativer Rückgang sich feststellen läßt, so wird das vielleicht dadurch zu erklären sein, daß nach einer zeitweiligen Überfüllung der Mittelschulen eine Ablenkung der Jugend nach anderen (kommerziellen und gewerblichen) Schulen erfolgte. In Niederösterreich ist sicherlich die relative Abnahme der jüdischen Schüler nur darauf zurückzuführen, daß die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung hauptsächlich durch die Zuwanderung erfolgt und unter der zuwandernden Bevölkerung sich in verhältnismäßig geringer Zahl Familien mit Mittelschulen besuchenden Knaben befinden. Aus dieser Tabelle ist ferner die außerordentlich hohe Frequenzziffer bei den Juden in den westlichen österreichischen Kronländern zu ersehen. Am höchsten ist sie in Schlesien, wo sie mehr als um das zehnfache die Besuchsziffer bei Christen übertrifft, ferner in Mähren und Böhmen (achtmal größer), Niederösterreich und der Bukowina (fünfmal). Nur Galizien weist eine kleine Spannung auf; die Besuchsziffer der Juden übertrifft zwar noch immer die der galizischen Christen etwa um die Hälfte, aber sie bleibt noch sogar hinter der Besuchsziffer der christlichen Bevölkerung der westlichen Kronländer zurück. Neben der Armut der jüdischen Bevölkerung in Galizien, die insbesondere den auf dem flachen Land Wohnenden die Entsendung der Kinder nach den Schulen sehr erschwert und beinahe unmöglich macht, ist es zumindest in gleichem Grade die Strenggläubigkeit der galizischen Juden, die mit aller Entschiedenheit den Besuch profaner Schulen bekämpft. Deshalb ist hier urn so beachtenswerter die große Zunahme der Frequenzziffer im Laufe der Jahre: in 30 Jahren hat sie sich bei den Juden verdreifacht, bei den Christen nicht einmal verdoppelt. — Die ungewöhnlich hohe Zahl der studierenden Klasse bei den Juden ist zwar eine Folge und Begleiterscheinung unserer einseitigen und inbezug auf das Volksganze anormalen, sozialen und beruflichen Gliederung; anderseits aber befindet sie sich auf der allgemeinen Linie des kulturellen Fortschrittes und ist ebenso ein Beweis für den unüberwindlichen Wissensdrang bei den Juden, für ihren mächtigen Trieb nach aufwärts. Für uns aber bedeutet diese Jugend, die doch nun die Bannerträgerin der Völker ist, eine verstärkte Armee für unsern Kampf. Daß sie in immer größeren Scharen in unserm Lager weilt, ist unsere Stärke, unsere Hoffnung. Dr. Jakob Thon (Berlin).