Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 24 MEX&ELT 11 Zur Streitfrage des Streiks in Rischon-Lezion Von S. KAPLANSKY-KAPLAN In einem Teile der zionistischen und poale-zionistischen Presse wird seit Wochen eine Diskussion geführt, die in hohem Maße beachtenswert ist. Eine Arbeitseinstellung in den Kellereien von Rischon-Lezion gab zu dieser lebhaften Auseinandersetzung Anlaß. Der Konflikt hat jedenfalls schon das eine Gute gezeitigt: er hat einem theoretischen Streite ein Ende bereitet, der mit dem Aufwände großer Geistesschärfe über die Frage geführt wurde, ob es einen bürgerlichen und proletarischen Zionismus geben könne. Die Frage ist nunmehr entschieden. Um die streikenden Kolonisten und Arbeiter aus Rischon gruppieren sich Zionisten und Poale-Zion und &s_ ist kein Zweifel darüber möglich, daß es sich hier um zwei sich gegenüberstehende Parteien handelt. Darüber täuschen auch die Versuche mancher Gutmeinender nicht hinweg, der Diskussion ein freundliches und freundschaftliches Gepräge zu verleihen. Es ist ein Gegensatz zum Vorschein gekommen, der nicht leicht überbrückbar ist. Die Streitaxt kann nicht begraben werden. Sie muß aber nicht immer und fortwährend geschwungen werden. Durch die gastliche Aufnahme, die diese Zeilen in der „Welt" finden, ist der beste Beweis dafür erbracht, daß auf beiden Seiten der Wunsch besteht, die Differenzen nach Tunlichkeit auszugleichen. Die Diskussion nun bewegt sich gar wenig um den konkreten Fall. Kein Wunder, — beide Parteien geben entgegengesetzte Schilderungen der Vorfalles. Die Wahrheit ist nicht ohne weiteres zu ergründen. Es wäre aber keineswegs angebracht, den alarmierenden Artikel des Herrn Ludwipol, der den Anstoß zur Diskussion gegeben, mit Schweigen zu übergehen. Allerdings, mit Herrn Ludwipol zu diskutieren, erscheint mir zwecklos. Seine „soziologischen" Ansichten, daß es bei den Juden keine Klassen ,.;ebe, daß der von den jüdischen proletarischen Parteien künstlich hervorgerufene „Klassenkampf" es sei, „der das jüdische wirtschaftliche Leben zerstört hat", und schließlich, daß es pure Böswilligkeit sei, die in einem so modernen industriellen Betriebe, wie die Kellereien, Beschäftigten oder gar bei den Kolonisten im Tagelohn stehenden Arbeiter als „Proletarier" zu bezeichnen, — diese Anschauungen des Herrn Ludwipol sind nicht von der Art, daß sie eine ernstliche Besprechung notwendig machten. Aber der Artikel, so wie er ist, ist bezeichnend. In volltönenden Worten wird der jüdischen Öffentlichkeit verkündet, daß das gesamte Kolonisationswerk „bedroht", daß ein neuer „Feind" entstanden sei, der „mit rohen Füßen die zarten Blüten" des neuen Lebens zu zerstampfen licht, daß die von den Kolonisten erkämpfte Selbständigkeit in die Brüche geht. Erstaunt fragen wir, wer sind diese Erzfeinde? Die Poale-Zion, informiert uns Herr Ludwipol, diese alles Nationale und Zionistische perhorreszierenden „Jünglinge", die von einer „Verbrecherbande" in Jaffa irregeleitet werden. Wir sind nicht wenig ' erblüfft, die in edler Begeisterung für die Wiederaufrichtung Neu- 1 idäas nach Palästina ziehenden und dort für armseligen Lohn rbeltenden Poale-Zionisten sich urplötzlich als versteckte Feinde er nationalen Sache entpuppen zu sehen. Aber Herr Ludwipol eiß und erzählt es uns ganz genau. Die von der Poaleion „irregeleiteten" jüdischen Arbeiter im Keller von Rischon aben nämlich zweimal bei unmotivierter Entlassung ihrer Arbeitsenossen Arbeitseinstellung proklamiert, Aufklärung und eventuelle ienugtuung (Wiederaufnahme unschuldig Entlassener) verlangt. Sie eantragten die Einsetzung eines von Arbeitgebern und -nehmern isammengesetzten Schiedsgerichtes. Diese Forderung (es handelte eh also um keine etwa unerschwingliche Lohnerhöhung) hält Herr! idwipol für etwas Ungeheuerliches. Wir fügen unserseits ausücklich hinzu: sollten auch nur Androhungen von Gewalttätigi eiten seitens der Arbeiter ausgebrochen worden sein, wie Herr L. ^richtet, so verurteilen wir sie rückhaltlos. Die einzige Bürgschaft >:ir den Erfolg eines gerechten Kampfes kann nur die Macht und ■ *e die Gewalt sein! Das werden sich unsere Parteifreunde in 1 ulästina merken müssen. Aber die besagte Forderung ist nichts; ideres als das Bestreben, den in modernen Betrieben herrschenden bsolutismus durch sozusagen konstitutionelle Einrichtungen zu; ildern. Daß dies, wie Herr Ludwipol betont, den Statuten und dem ertrage der Kolonistengenossenschaft mit der Ica-Administration 'idei spricht, beruht, was ich glaube, auf einer falschen Auslegung '; eses Vertrages und geht, was die Hauptsache ist, die Arbeiter P-ir nichts an. Es gibt ja überall Unternehmerverbände (und zwar „zivilisierten" Ländern, auf die uns Herr L. fortwährend verweist), sich statutarisch oder moralisch verpflichten, mit den Arbeiter-!,''ganisationen nicht zu verhandeln, — können diese daraus irgendeiche Konsequenzen ziehen? . . . Lassen wir aber die Details. Uns interessiert nur folgendes: l ie Forderung der jüdischen Arbeiter enthielt nichts Außergewöhnliches, ihr Kampf war wohl geordnet und konnte nur die Folge haben, daß, wie der Leiter des Kellers sagte, die Kolonisten selbst die Arbeit übernehmen müßten, dieselben Kolonisten, die meistens nicht schlecht situierte, kleine Gutsbesitzer sind, welche — leider — ihre Kinder noch oft genug in Abneigung gegen die Erdarbeit erziehen und sie für Paris empfänglich machen (so erzählt uns nämlich Herr Scheinkin). Daß diese Kolonisten für die Dauer des Streiks selbst arbeiten müßten, darin vermag ich kein nationales Unglück zu erblicken. Kurz, wenn Herr Ludwipol es für gut findet, einen derartigen harmlosen, jedenfalls nicht außergewöhnlichen Streitfall als Bedrohung des Kolonisationswerkes zu bezeichnen und das nationale Interesse anzurufen, dann möge er sich nicht wundern, wenn wir von Mißtrauen erfüllt werden gegen die Beteuerung einer nationalen Idee, die solcherart zur nationalen Phrase wird. Uns ist das Nationalinteresse zu heilig, als daß wir kalten Blutes zusehen könnten, daß es bei nichtigen Gelegenheiten eitel angerufen und — mißbraucht wird. Übrigens, Herr Schabotinski, der im großen und ganzen Herrn Ludwipol beipflichtet, findet ebenfalls, daß dieser übertreibt. Herr Schabotinski nimmt die Gelegenheit wahr, um die Sache von einer anderen Seite anzupacken (Das Jüdische Volk, Nr. 11). „Wie haben wir uns zu Klassenkonflikten zu verhalten, die in der jungen jüdischen Industrie in Palästina ausbrechen?" fragt Herr Schabotinski. Seine Antwort ist ebenso kurz wie zugleich entschieden. Wir vermissen aber in ihr nicht nur die seinen publizistischen Werken sonst eigene gewinnende Eleganz der Polemik, sondern auch die stichhaltige Begründung. Herr Schabotinski meint, zusammengefaßt, folgendes: Der Kolonisation müssen Pioniere des Kapitals und der Arbeit vorangehen. Das Hauptbestreben „der einen wie der anderen muß es sein, zu ermöglichen, daß das Kapital sich normal entwickeln und rentieren kann". Zu den günstigen Bedingungen gehört auch — billige Arbeit. Kurz erklärt mit dankenswerter Offenheit Herr Schabotinski, wir müssen billige jüdische Arbeiter haben, „wohlfeil, nicht nur im Sinne des Arbeitslohnes, sondern auch in dem größerer Nachgiebigkeit im Klassenbewußtsein . . . oder wir müßten auf die reale Arbeit in Palästina gänzlich verzichten." . . . Die Pioniere der Arbeit müssen stets zur „Aufopferung ihrer Klasseninteressen bereit sein". Herr Schabotinski verlangt von uns Poale-Zion eine klare Antwort. Nun, sie wurde ihm in der poale-zionistischen Presse zuteil. Es zeigte sich dabei, daß die unverhüllten Versuche Herrn Ludwipols, die Poale-Zion des Auslands gegen die Palästinas auszuspielen, vollkommen mißglückt sind. Im „Jüdischen Kämpfer", dem Organe der Poale-Zion in Amerika, schreibt ein „Poel Ivri": „Wir sind hierher nicht zufällig gekommen, wir sind keine arabischen Fellachen, sondern jüdische Arbeiter, die es erstreben, daß die Kolonisation im Judenlande intensiver, reicher, umfassender werde. Wir begreifen die historische Bedeutung unserer alltäglichen Tätigkeit. Wir wissen, daß wir die jüdische Zukunft erbauen, und sind daher bereit, Opfer zu bringen und zu leisten. Aber wir wollen nicht zulassen, daß kleine Leutchen die großen Opfer für ihre kleinen Zwecke ausnützen, uns und unsere Menschenwürde mit Füßen treten. . . Die Freiheit des jüdischen Volkes wird nicht von kriecherischen, untertänigen Golussklaven errungen werden, sondern von freien unbeugsamen „Makkabäer-Menschen" . . . Der „Jüdische Arbeiter", das Organ der Poale-Zion Österreichs, „unterschreibt vollinhaltlich" diese Worte, die eines jüdischen Arbeiters und Poale- Zionisten fürwahr würdig sind, und „begrüßt diese gesunden Bestrebungen unserer Palästinenser Parteigenossen". Die Einmütigkeit in poale-zionistischen Kreisen ist unleugbar. Herrn Schabotinskis Ansinnen wird mit einem lauten Nein! erwidert. Wir wollen dem einige erläuternde Sätze hinzufügen, damit in Herrn Schabotinski nicht das Gefühl aufkomme, daß man dann verzweifeln und „auf die reale Arbeit in Palästina gänzlich verzichten müsse". Es immer ein mißliches Ding, von einer großen Volksschicht Opfer der Gesinnung oder das Aufgeben materieller und unmittelbarer Gruppeninteressen zu verlangen. Einer solchen idealen Erhebung und Selbstentäußerung zugunsten der Gesamtheit ist nur eine Einzelperson und auch nur in Ausnahmefällen, fähig. Noch ungünstiger gestaltet sich die Sache, wenn nur ein Teil der Gesamtheit aufgefordert wird, Selbstentäußerung zu üben; es wird dann der Gedanke wachgerufen, daß die Gemeininteressen den Gruppeninteressen auch widersprechen können, daß sie also aufhören, Gesamtinteresse zu sein. Wenn Herr Schabotinski von den jüdischen Arbeitern unter Hinweis auf das nationale Ziel verlangt, sich ihren Standard of life, ihre Lebenshaltung von den Kapitalisten vorschreiben zu lassen, so identifiziert er bewußt oder unbewußt die nationalen Interessen mit denen der Unternehmergruppe. Das