Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 diei|eelt No. 24 daß wir die Juden bündnisfähig machen etc. Denn wir predigen ja nicht nur, daß die Juden sich als Juden, nicht:) als Deutsche, Polen etc. erklären und fühlen sollen — das allein würde unsere Lage nur moralisch bessern, — sondern"' wir machen als Juden auch eine andere Politik, als die bisherigen Hausjuden, — eine österreichische, moderne, freiheitliche, auf Versöhnung der Völker gerichtete Politik. Jedenfalls haben wir die Juden schon jetzt, wenigstens in Galizien, aus bloßem Stimmvieh zu einem politischen Faktor gemacht, den die Machthaber (siehe die Blätter des Polenklubs) bereits zu fürchten anfangen. Die weitere Entwickelung müssen wir abwarten. Was aber die Angst betrifft, der Antrieb zum Zionismus könne durch Besserung unserer Lage schwächer werden, so entspringt sie einer falschen Auffassung des Zionismus. Gerade heute, wo die Juden teils assimiliert, teils ohne gesundes nationales Leben sind, kann der Zionismus, der Drang zu vollem nationalem Ausleben nicht so stark sein als in einem Volke, das national geeint, in nationalem Geiste erzogen ist, dem aber die letzten, höchsten Kraftquellen einer nationalen Vollexistenz fehlen, — das eigene Land und die eigene Sprache. Heute ist der Zionismus so schwach, weil das Bedürfnis nach diesen Kraftquellen in der Masse des Volkes kaum noch gefühlt wird (das Bedürfnis nach einem bloßen Zukunftsland führt noch nicht zum Zionismus), — dann wird er eine Lebensnotwendigkeit des wieder erstarkten Volkes sein. Daher erwarten wir wohl mit Recht von der sogenannten „relativen" Verelendung — um in der heute jedermann geläufigen Terminologie des Sozialismus zu bleiben — mehr als von der „absoluten". Man wird zugeben, daß diese Ansicht eine freundlichere Perspektive sowohl für unser Leben im Golus als auch für die Aussichten des Zionismus eröffnet, als die pessimistische unserer Kritiker. Durch sie wird der psychologischen Betrachtungsweise des Zionismus auch viel mehr Rechnung getragen, denn das latente Streben nach Vollexistenz wird, im Falle sich unsere Hoffnungen in bezug auf die Besserung unserer nationalen Lage im Golus erfüllen, wesentlich verstärkt und in den Mittelpunkt des Seins jedes Juden gerückt werden. Die psychologische Betrachtungsweise lehrt uns, daß weiter der Zionismus mehr ist als bloß eine aus der Lage des jüdischen Volkes sich ergebende „Konsequenz" oder, wie es das Programm der russischen Poale Zion will, das Produkt einer notwendigen Entwicklung heute wirksamer, mehr barer Kräfte: „Der Zionismus ist ein Wille, der Wille zu einer bestimmten Tat/ Als solcher ist er durch zwei Jahrtausende nicht aus der Volksseele geschwunden und kann aus ihr gar nicht mehr schwinden. Aber gerade der Aufrechte, Selbstbewußte ist ein stärker Wollender als der Verelendete. Das Beispiel unserer Gesinnungsgenossen in England, Südafrika, Amerika etc. zeigt uns, daß der Zionismus dort viel kräftiger ist als in den Elendsbezirken. Wenn wir daher in Österreich unseren Platz an der Sonne erobern wollen, so ist dies nicht nur ein natürliches Streben, sondern auch eine zionistische Tat. Denn uns winkt nicht nur die moralische und materielle Aufrichtung zu einer Position gleich jener, welche die Juden in den genannten Ländern einnehmen, sondern außerdem noch ein gewisses nationales Ausleben und der Erwerb nationaler Machtmittel! Zudem dürfte auch in unsere „äußere zionistische Politik ein frischer Zug kommen, wenn erst unsere Stellung in diesem Staate befestigt sein wird. Es ist sehr gut möglich, daß wir dann anstatt nur mit England, auch mit Österreich-Ungarn äußere Politik machen werden, welcher Staat sehr wichtige Interessen im Orient hat, dort eine große Macht repräsentiert, und — in bezug auf Vorderasien — von der Pforte nicht mit demselben Mißtrauen betrachtet wird wie die Westmächte. Ich glaube daher, daß gerade die von Zionisten geleitete nationale Konsolidierung der Juden Österreichs und die Erringung der natio nalen Autonomie aus dem österreichischen Judentum den Hauptpfeiler des Zionismus machen werden. Wir müssen uns ferner ganz entschieden gegen die fortwährende Parallele mit Rußland verwahren. Wir begreifen gar nicht, wie selbst geistvolle Beobachter eine solche ziehen können. In Rußland herrscht heute noch, trotz der Duma, die nackte -Qewalt und der Pogrom. Die nationalen Bestrebungen der Juden stoßen dort ferner nicht nur, wie auch teilweise bei uns, mit jenen anderer Völker (Polen etc.) zusammen, sondern die Aufwallung der natio nalen Fragen verwirrt und durchkreuzt überhaupt vielfach die allge meinen freiheitlichen auf Erringung der bürgerlichen Grundrechte gerichteten Bestrebungen, die heute dort an erster Stelle zu stehet? haben. Wie kann man das russische Chaos mit unseren geordneten konstitutionellen, ja parlamentarischen Zuständen vergleichen? In Rußland spielt weiter die Assimilation eine geringfügige Rolle, die große Masse des Volkes fühlt nur jüdisch, hat nicht einmal die Möglichkeit einer Assimilation. Daher gibt es in Rußland eine Anzahl von mehr oder minder nationalen jüdischen Parteien, die einander aufs heftigste bekämpfen. Es war daher ein schwerer Fehler der russischen Zionisten, sich als eine streng abgegrenzte jüdisch-nationale Partei zu konstituieren, ja, sogar ohne formelle Scheidung als zionistische Organisation in die Wahlschlacht ein zugreifen. Wir in Österreich haben lediglich die assimilatorische Politik zu bekämpfen und die Juden als Nation erst zu erwecken — eine rein zionistische Arbeit. Wir haben unsere Organisation nicht in den Kampf hineingezerrt, und unsere politische Partei ist die einzige national-jüdische in Österreich — die Poale Zion geht mit uns. Unser Erfolg — ich spreche nur vom moralischen — gegen über dem totalen Mißerfolg in Rußland, hat zur Evidenz bewiesen, wie verschieden das Problem hüben und drüben liegt. Über diese^ Erfolg näher zu berichten, überlasse ich der berufenen Feder des Wiener Korrespondenten der „Welt". Zum Schlüsse möchte ich meinem lebhaften Bedauern Aus druck geben, daß da und dort auf die Gesinnungsgenossen, dje i; die politische Aktion eingegriffen haben, mit einem gewissen Mit') trauen gesehen wurde. Es wäre ganz und gar ungehörig, wen einem unserer alten, bewährten Gesinnungsgenossen zugemute würde, er werde auf einmal die zionistischen Ideale in die Taschi stecken oder sie in lauter politisches Kleingeld für den Tagesbeda: umwechseln. Glücklicherweise sind diese Anfechtungen vereinze: geblieben, in der Organisation ist das Vertrauen unerschüttert. — Das Eingreifen in die innere Politik war unsere heiligste Pflicl als Zionisten. Als Zionisten haben wir sie geleistet, d. h. imme im Hinblick auf unser großes Ziel. Als Zionisten werden wi Wache stehen, daß die national-jüdische innere Politik stets ii zionistischen Geist geführt werde, und das ist es ja, was wir allwollen. An unsere Leser und Freunde! / Für alle freundlichen Glückwünsche anläßlich des zehnjährigen Bestehens der „Welt" sagen verbindlichsten Dank Redaktion und Expedition.