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Die Welt · 1907-06-14 · 24 (14.6.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die innerpolitische Betätigung der österreichischen Zionisten Von ADOLF BÖHM (Wien) Die Wahlkampagne ist vorüber. Damit ist endlich auch der Zeitpunkt gekommen, wo jene Zionisten, die selbst an der innerpolitischen Arbeit teilgenommen haben, in die Debatte eingreifen können, wozu sie bisher nicht die Muße hatten. Ein guter Teil" der Polemik wäre überflüssig, wenn seinerzeit das ausführliche Protokoll des Krakauer Zionistentages (I.Juli 1907) veröffentlicht .orden wäre. Auf diesem sind alle Momente für und wider eingehend erörtert worden, und nach heißem Kampfe nahm der Parteitag schließlich den einzig richtigen Standpunkt ein. Er erklärte zunächst, was eigentlich als Selbstverständlichkeit überflüssig war, daß die zionistische Organisation keine innerpolitische Partei sei. hie Bildung einer national-jüdischen Partei sei aber notwendig und tin Mittel zur Erreichung des Endziels. Als wahrhaft jüdischnational könnten nur die Zionisten angesehen werden. Der Parteitag erwartet daher, daß die neue Partei von Vertrauensmännern der zionistischen Organisation geleitet, ihr Programm ein einheitliches etc. sein werde, und daß sich alle Zionisten ihr anschließen \ erden. Damit waren gegen alle Stürme von rechts und links die Anschauungen des Wiener Distriktskomitees (Anträge Dr. Isidor V arguIi es) siegreich geblieben. Formell ist uns nicht der geringste Vorwurf zu machen. Die .national-jüdische" Partei ist von uns gegründet worden und hat iüiter diesem Namen in den Wahlkampf eingegriffen. Selbst in dalizien, wo die überwiegende Mehrzahl der Gesinnungsgenossen dafür war, die neue Partei zionistisch zu nennen, sah man ein, daß dies nicht anginge, und kämpfte unter national-jüdischer Flagge.!:? keinem Momente haben wir die Grenzpfähle verrückt, es ist on unserer Seite nichts geschehen, als das, was der Zionistentag \on uns „erwartet" hat. Es handelt sich aber gewiß nicht um Formen. Der Parteitags- 1 eschluß selbst ist es ja, der vielfach angegriffen wird. Auch hat t e peinlichste formelle Scheidung nichts genützt, weil man uns i iimer und überall als „Zionisten" bezeichnete, stets nur von der zionistischen" Partei sprach und selbst Kandidaten wie Dr. Bloch monistisch" nannte. Es tut daher not, die innerpolitische Aktion >> darzustellen, wie wir sie sahen. Gesinnungsgenosse Bert hold Feiwel hat uns dies wesentlich v leiehtert Mit seinen Ausführungen in Nr.21 der „Welt" („Die Reichs-; tswahlen") können wir uns fast völlig identifizieren. Aber die i eisten von uns gehen weiter als er. Es ist nicht richtig, daß wir, wie G esinnungsgenosse Feiwel ungefähr sagt, nur in der Theorie uncht haben, nicht in der Praxis. Diese Antithesis ist für eine >endige Volksbewegung ein Unding. Wenn unsere „Theorie" über 1 Volksentwicklung vom Leben über den Haufen gerannt wird, nn ist sie eben falsch. Nach welcher „Theorie" sollen wir er unrecht haben? Gesinnungsgenosse Feiwel zitiert vollkommen •isch jene, welche ich unsere „Verelendungstheorie" nennen >chte. Er sagt, daß „der Zionismus die trügerischen Fäden, 0 uns mit dem Golus verbinden, zu lösen, nicht zu verdichten be". Da liegt in der Tat die entscheidende Differenz. Wir sind geahnt worden, von dem Axiom auszugehen, daß es im Golus ■ ine Möglichkeit einer Vollexistenz für uns Juden gibt. Das;--"eben nach einer solchen ist aber jedem Individuum und jeder •lksindividualität immanent. Auf dieses Streben, das unzerstörbar , bauen wir unsere zionistischen Hoffnungen. Im großen und ganzen ist diese unsere Verelendungstheorie 1 heute und vielleicht für immer richtig — denn selbst die Erigung der nationalen Autonomie auf personeller Grundlage in terreich kann uns zu keiner Vollexistenz hierzulande verhelfen, — s wird doch immer, gegenüber den anderen Nationen, der Rückhalt eines geschlossenen Siedlungsgebietes in Österreich sowie eine eigene Sprache fehlen, und wir dürften von den anderen Nationen wohl kaum je als vollauf gleichwertig angesehen werden. Aber um ein gutes Stück können wir auch in Österreich weiter kommen. Es ist nun eine falsche Psychologie, das Streben nach einer Vollexistenz in unserer Brust als die stärkste Triebkraft zum Zionismus anzusehen, gleichzeitig aber zu glauben, daß diese immanente Kraft, von der wir erwarten, daß sie Berge versetzen wird, uns dort nicht treiben werde, wo uns in erreichbarer Nähe, hierzulande, ein gutes Stück dieser Vollexistenz winkt! Auf diesen Trugschluß läuft auch die Meinung vieler Gesinnungsgenossen hinaus, welche glauben, wir könnten den Zionismus „an sich" in unserer Seele mit Linien abgrenzen und diese Reinkultur sorgsam vor innerpolitischen Anfechtungen bewahren. Ich versage es mir, nebst dieser, wie mir scheint, geradezu entscheidenden Betrachtungsweise, auch noch die unzähligen „Gründe" und „Gegengründe" bezüglich der innerpolitischen Aktion zu wiederholen resp. zu" widerlegen, in deren Kreuzfeuer wir seit einem Jahre stehen. Denn der Zweck dieser Zeilen ist es vor allem, daran zu erinnern, daß solche Dinge eben nicht allein verstandesmäßig behandelt werden können, daß der Zionismus den ungeheuren Vorzug hat, nicht bloß Verstandessache zu sein, sondern daß seine letzten Grundlagen psychologischer Natur sind. Und gerade deren Stärke ist es, welche seinen Sieg zur Gewißheit macht. Hüten wir uns aber, ihn auf anscheinend noch so gut fundierte Geschichtstheorien zu bauen. Oder mit anderen Worten: Das unbedingt Sichere ist das Streben nach Vollexistenz. Darauf bauen auch wir unsere Hoffnungen. Das bloß Wahrscheinliche ist die „absolute" Verelendgung, daß nämlich im Golus nicht die geringste Besserung unserer nationalen Lage möglich ist. Darauf zu bauen, ist ebenso falsch, wie es falsch war, daß die Sozialdemokratie auf den „Zusammenbruch" baute, dessen unvermeidliches Eintreffen theoretisch so glänzend bewiesen war. Die Geschichte kümmert sich eben nicht um die Geschichtstheorien. So ist für Österreich mit Sicherheit anzunehmen, daß die Lage der Juden, gerade wenn sie eine vernünftige und bescheidene nationale Politik machen werden, sich ganz bedeutend verbessern wird. Der Zionismus wird darunter nicht leiden. Denn die nationale Autonomie bringt uns die Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte, gewisse Steuerrechte und — die nationale Erziehung der Jugend. Wer vermag heute auszudenken, was das für den Zionismus bedeuten wird! Er wird dann erst fundiert sein, während er heute quasi in der Luft hängt. Damit aber die Machtmittel der künftig von Staats wegen geeinten Nation in letzter Linie dem Zionismus zugute kommen, müssen gerade wir Zionisten die Führer im innerpolitischen Kampf sein und bleiben. Überdies hat es sich in Österreich gezeigt, daß es außer uns keine Nationaljuden gibt, welche an unserer Statt die politische Arbeit geleistet hätten, wenigstens in Wien haben fast alle nichtzionistischen Nationaljuden die nationale Sache in der schmählichsten Weise verraten. Die Anhänger der absoluton Verelendungstheorie werden freilich sagen, daß es zweifelhaft sei, ob eine Besserung unserer Lage in Österreich durch die innerpolitische Aktion möglich ist, — das verstößt ja gegen die Theorie, — wenn dies aber doch eintreffen sollte und unsere nationale Lage erheblich gebessert werden würde, der Ansporn zum Zionismus dann ein geringerer werden würde. Das erste kann ich heute nicht beweisen, Tatsache ist, daß schon die Wahlaktion gezeigt hat, daß unsere Partei allseits geachtet wurde, während die Assimilationsjuden dem Spott und fortwährenden Fußtritten ausgesetzt sind (Kuranda-Affäre),

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