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Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 32)
Language
German
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32 DIE3aEELT No. 23 Die Juden als Politiker Von Dr. Alfred Nossig (Aus einer demnächst erscheinenden Broschüre: „Jüdische Realpolitik") Zu den Mängeln, die die Verkleinerer des Judentums uns mit Vorliebe zuschreiben, gehört das Fehlen jeglicher staatsmännischen Begabung. Ist dieser Vorwurf begründet? Seit Jahrhunderten haben die Juden alle zivilisierten Völker, die sie zur aktiven Teilnahme am politischen Leben zulassen, mit Staatsmännern beschenkt. Die Namen Negro und Abarbanel erinnern an jene glänzende Folge jüdischer Finanzminister und vertrauter politischer Ratgeber, die im 15. Jahrhundert an den Höfen von Portugal, Spanien und Neapel wirkten, ohne der Religion ihrer Väter untreu zu werden. In den modernen konstitutionellen Staaten mußten die Juden allerdings — es gibt einen Fortschritt in der Weltgeschichte — zumeist den Taufschein präsentieren, wenn sie ein Minister-Portefeuille erhalten sollten. An der Spitze dieser neuzeitlichen Minister jüdischer Abstammung steht ein staatsmännisches Genie: Disraeli. Cremieux und Reynal in Frankreich, Glaser und Unger in Österreich, Ottolenghi und Luzatti in Italien, Oscar Stauß in Nordamerika schließen sich ihm an. Selbst in Preußen scheint die Zeit der jüdischen, wenn auch noch nicht die der mosaischen Minister gekommen zu sein . . . Und wie viele hervorragende Parlamentarier, die auf die Politik ihrer Länder einen bestimmenden Einfluß ausübten, hat die Judenheit seit der Emanzipation hervorgebracht! Lasker, Bamberger, Simson, Achille,. Fould, Naquet und Josef Reinach, diese Namen drängen sich von selbst unter die Feder. Im englischen Parlament wirken 16, im italienischen 13, im ungarischen 23 jüdische Abgeordnete, und selbst in der ersten russischen Duma haben von den 12 jüdischen Deputierten zwei eine führende Rolle gespielt: Winawer und Herzenstein. Wenn es neben den Staatsregierungen und den Volksvertretungen noch einen Faktor gibt, der die Politik beeinflußt, so ist es die Presse. Gerade das politische Ressort aber wird in der Tagespresse der meisten Länder vorwiegend von jüdischen Redakteuren geführt. Die Regierungen mögen über diese „unverantwortlichen Politiker", deren unabhängiger und kritischer Sinn ihnen so oft unbequem wird, noch so sehr die Nase rümpfen, politische Einsicht können sie ihnen nicht absprechen, sie würden sonst ihre Meinungsäußerungen nicht mit jener Aufmerksamkeit verfolgen, die so manches Zitat von der Ministerbank her beweist. Haben aber die Juden, besonders seit der Emanzipation, politische Begabung an den Tag gelegt, so drängt sich unwillkürlich die Frage auf: warum haben sie das Schicksal ihrer eigenen Gemeinschaft nicht günstiger zu gestalten gewußt? Warum ist die Majorität der Juden heute noch schutzlos den furchtbarsten Heimsuchungen preisgegeben? Es gibt dafür zureichende Erklärungen. Es steht schlecht um die Juden vor allem darum, weil den jüdischen Massen nicht jene geistige Elastizität eigen war, die ihre politischen Talente auszeichnet. Jahrtausendelange Knechtung, völliger Ausschluß vom politischen Leben und eine eigentümliche geistige Schulung haben den angeborenen politischen Instinkt der großen jüdischen Bevölkerungsgruppen verwirrt. In allen Epochen des Druckes und seiner Nachwirkungen beobachten wir, daß dieses aktivste aller Völker inbezug auf sein eigenes Schicksal einer fatalistischen Passivität sich hingibt, daß diese praktischste aller Rassen auf dem Gebiete der Politik zu Schwärmereien und Selbsttäuschungen hinneigt. Es steht schlecht um die Juden auch darum, weil sie fast alle ihre staatsmännischen Talente — auch die großen Sozialistenführer wie Marx und Lasalle kommen hier in Betracht — an die anderen Völker abgetreten haben. Insoweit aber Männer von politischer Begabung sich in den Dienst ihrer bedrückten Brüder gestellt, glaubten sie seltsamerweise in der Judenpolitik Prinzipien befolgen zu müssen, die der irrigen Geistesrichtung der Massen entgegenkamen. 'Aber nicht zu allen Zeiten war es so. So oft die Juden sich dazu aufrafften, ihr unglückliches Schicksal zu überwinden, sehen wir Staatsmänner unter ihnen auftauchen, die ihr Genie ihrem eigenen Stamme widmen, die die Bahnen einer erfolgreichen Politik betreten und die jüdischen Massen mit sich fortzureißen wissen. Solche jüdische Staatsmänner waren Esra und Nehemia, vor allem aber Moses. Aber worin lag die Größe Mosis, der den ersten Staatsmännern aller Zeiten beigerechnet wird und gleich uns im Exil geboren war, worin die anderer Exilpolitiker, eines Esra und Nehemia? Ihre Geistesrichtung bildet den direkten Gegensatz zu der ihrer Stammes genossen. Bedachten jene mit kurzsichtigem Wirklichkeitssinn nui die momentane Lage, so kennzeichnet diese vor allem ihre politische Weitsichtigkeit. Mit Adlerblicken verfolgten sie die Vergangenheil ihres Volkes, machten sich die Lehren der Geschichte zu Nutzt und konnten so auch in die ferne Zukunft vordringen. Von diesen, hohen Ausblickspunkte aus ersahen sie eine ganz andere Wirklichkeit als die ängstlichen Freunde der Fleischtöpfe. Waren jene um. die Erhaltung kleinlicher, ungewisser, vorüberghender Vorteile bemüht so strebten diese die Schaffung dauernder Bedingungen eine; gesunden Volksexistenz an. Versuchen es die Juden im Exil, da; Moment der Rassendifferenz tunlichst zu verwischen, so gehen die Realpolitiker von dieser realsten aller Tatsachen aus, sie. machen das nationale Bewußtsein, gleich den großen Staatsmännern andere Völker, zum eigentlichen Eckstein ihres Gebäudes. Ihre große Kuns: besteht darin, daß sie unter komplizierten Verhältnissen die richtigepolitische Diagnose stellen und dann Kraft und Mut genug finden, um das richtige Heilsystem, und sei es noch so radikal, durchzuführen Hatten die Hebräer in Ägypten nicht eine Blütezeit durchlebt War es nicht möglich, daß sie unter einem neuen Pharao wieder günstige Bedingungen erlangten? Hätte Moses seine geistig*. Überlegenheit nicht dazu verwenden können, um das Schicksa: der Juden in Ägypten zu verbessern? Ging es den Juden in de babylonischen Gefangenschaft nicht so gut, daß nur ein Bruchtei; von ihnen geneigt war, das Exil zu verlassen? Saß Nehemia nich selbst am Tische des Königs Arthasastha? Und doch erkannte; diese Führer, daß die Lage eines Volkes, selbst untc momentan günstigen Verhältnissen, in fremden Ländern auf die Dauer unhaltbar sei, daß sie immer wieder die furcht barsten Verfolgungen herbeiführen müsse. Sie wollten nicht, wie die Bibel voraussieht, daß Israel Gewalt und Unrecht leide sein Lebenlang, daß es Nacht und Tag sich fürchte und seines Lebens nicht sicher sei, Häuser baue, aber darinnen nicht wohne, ein Scheusal, ein Sprüchwort und ein Spott sei unter allen Völkern. Darum gaben sie sich nicht mit Halbmitteln ab, sondern erfaßten das Problem in seinem tiefsten, politischen Kern; darum wählten sie, bevor es zum Äußersten kam, freiwillig eine radikale Lösung: den Auszug und die Schaffung eines nationalen Zentrums. Und sehen wir nicht denselben Gedankengang bei unseren Staatsmännern in allen späteren Epochen? Was schwebte Joseph, dem Fürsten von Naxos vor, als er seinen Einfluß beim Sultan

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