Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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30 DIE 3$EE LT DAS BEFREITE FISCHLEIN Eine Fabel von MAX JUNGMANN No. 23 Es war in jenen Tagen, da die Juden in Preußen ihre bürgerliche Befreiung erwarteten. Wie ein verwirrender Rausch erregte das verheißene Glück die Gemüter. Wenige nur bewahrten ihre kalte Ruhe, unter ihnen Reb Mosche, der fromme und gelehrte Rabbi einer kleinen Gemeinde. Er fand sich nicht recht in den Gedanken, daß diese Befreiung in Wahrheit das Glück und die Erlösung seines Volkes bedeute. Die jüdische Freiheit, die sein Träumen und Sehnen erfüllte, hatte ein anderes Gesicht. Und so blieb er gleichmütig und verharrte in Geduld. Einst saß er wie immer in stillem Eifer vor seinem Folianten im Beth Hamidrasch, und einige seiner Frommen und Getreuen saßen im Kreise um ihn und horchten auf seine Erklärungen des Gesetzes. Da stürzte ein Jüngling ins Zimmer, mit rotem Kopf, und hielt ein Blatt Papier in der Hand und rief: „Hurra, wir sind befreit!" — Die Lernenden sprangen von ihren Sitzen auf: „Befreit?! Befreit?" Jeder mußte das Blatt einsehen, in dem es geschrieben stand, und Freude und Begeisterung leuchtete aus ihren Augen. Aber der Rabbi behielt ruhig seinen Platz, und nachdem er aufgeblickt hatte, um zu hören, worum es sich handelte, vertierte er sich wieder in sein Studium. „Rabbi", fragten ihn die Frommen, „wißt Ihr nicht, was geschehen ist? Wollt Ihr Euch nicht freuen über Israels Befreiung? Wollt Ihr nicht teilnehmen an seinem Glück?" — Und der Rabbi erwiderte: „Ich bin, wie ich vordem war, und fühle mich weder frei noch glücklich." Und als die anderen sich staunend ansahen, fuhr er fort: „Ihr werdet mich besser verstehen " > wenn ich Euch eine Geschichte erzähle: In der Dämmerstunde eines Sommertages ging ein Fischer mit reicher Beute den Feldweg hinan. Auf dem Rücken trug er an einem Stab das Netz mit den gefangenen Fischen und pfiff ein melancholisches Lied vor sich hin. Aber die armen Tierchen im hänfenen Käfig litten furchtbare Not und Qual. Mit gekrümmten Leibern lagen die stummen Dulder, so wie der Zufall jedem sein Plätzchen bestimmt hatte, und preßten und folterten einander und schnappten mit den runden Mäulern gierig nach einem Trunk Luft. Einige starben, und viele harrten ermattet des erlösenden Todes. Nur ein kleines, junges Fischlein, das an einer Wand des Netzes lag, behielt seinen glühenden Willen, zu leben. Es drängte das Köpfchen durch eine Masche und schlug in Todesangst mit der Schwanzflosse gar verzweifelt um sich, als ob es hindurchschwimmen wollte. Und weil es keine Stimme hatte und seinen Schmerz nicht laut zum Himmel schreien konnte, so betete es still im Herzen: „O Gott, rette mich, rette mich aus dieser Gefangenschaft, daß ich nicht erdrückt und erdrosselt werde! Laß mir mein Leben, o Gott, und mach mich frei!" — So betete das Fischlein und drängte und zwängte sich immer tiefer durch das Loch des Netzes, und schließlich schlüpfte es wirklich ganz hindurch und fiel zu Boden. „Hurra!" rief es im Geiste aus, „hurra, ich bin befreit!" Der Fischer achtete des Verlustes nicht und zog weiter des Wegs. Das Fischlein aber freute sich der Freiheit und des Lebens und hüpfte und strampelte vergnügt umher, daß es schier außer Atem kam. Und da ward es müde und wollte ein wenig rasten. Doch sieh, es fand keine Ruhe mehr und konnte nicht verschnaufen; denn das arme, schmale Mäulchen rang immer leidenschaftlicher nach Luft. Und der ganze große Weltenraum erschien zu klein, um den Lufthunger des winzigen Fischleins zu stillen. In jeder Sekunde wuchs sein Schmerz, und bald ward es wieder von jener quälenden Todesangst ergriffen, wie zuvor im Netz des Fischers. Klagend und bittend sah es zur scheidenden Sonne hinan. Aber die Sonne sprach: „Armes Fischlein, wie du befreit bist! Was ist dir die Freiheit in einem fremden Element, in dem du nicht atmen kannst?" — Mit dem Rest seiner Kraft kämpfte das Tierchen ums Leben, bald sprang nur noch ein letztes Zucken durch den Körper, und als der rote Ball am Horizont verschwand, war das Fischlein tot." Die Hörer nickten schweigend, und der Rabbi sah mit Befriedigung, daß man ihn verstanden hatte. L. PILICHOWSKI AM JOMKIPPUR